Zeitung Heute : Die Welt zu Gast bei Udo

Normalerweise kündigt Udo Knierim als Stadionsprecher im Berliner Olympiastadion mit feuriger Stimme blaue Helden wie Marcelinho und Bastürk an. Während der WM muss Knierim sein Temperament allerdings zügeln. Überschäumende Emotionen sind im Regelheft der Fifa nicht vorgesehen. Knierim freut sich trotzdem höllisch. „Jetzt geht’s los und ich bin mittendrin“, sagt er.

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Udo Knierim sitzt auf seinem Stuhl, reißt die Arme in die Luft, ballt die Hände zu Fäusten. Und hat damit gleich mal sehr anschaulich demonstriert, wie er sich beim Erhalt seiner WM-Akkreditierung gefühlt hat. Wie ein Fußballer bei der Übergabe der Meisterschale nämlich.

Udo Knierim freut sich auf die WM, obwohl sie für ihn viel Arbeit bedeutet. Der 29-Jährige bildet mit drei Kollegen das Stadionsprecher-Team, das bei der WM im Berliner Olympiastadion das Publikum unterhält und informiert. Erfahren hat Knierim schon vor Monaten, dass er dabei sein wird. Doch erst als er tatsächlich die Plastikkarte zum Umhängen ausgehändigt bekam, wurde ihm klar, dass es tatsächlich ernst wird. „Da hatte ich echt das Gefühl: Jetzt geht’s los, und ich bin mittendrin.“

Dabei ist die Arbeit auf der blauen Laufbahn für den Radiomoderator und Werbesprecher Knierim eigentlich längst Routine. Zusammen mit Fabian von Wachsmann sorgt er bereits seit 1999 auch bei den Heimspielen von Hertha BSC für den nötigen Mix aus Unterhaltung und Information. Allein, was ist bei einer WM schon Routine?

Schließlich wirft der Weltverband Fifa ein wachsames Auge auf alle Aktivitäten in den Stadien, nichts bleibt unkontrolliert. Und so kommen auch die Herren am Stadionmikrofon nicht ohne Auflagen und Anweisungen davon. Das beginnt schon bei der Kleiderordnung. Tragen Knierim und Wachsmann bei Hertha- Heimspielen gerne mal das blau- weiße Trikot, bleiben Jeans und T-Shirts bei der WM bitte im Schrank. Was Knierim allerdings nicht sonderlich stört: „Dafür hat Sepp Blatter die Schatulle aufgemacht und offizielle WM-Anzüge spendiert.“ Damit nicht genug: Die beiden Routiniers haben es geschafft, im Fifa-Regelwust tatsächlich die Herthafarben unterzubringen: „Zum Anzug gab es ein blaues und ein weißes Hemd. Sonst hätte ich den Job auch nicht gemacht“, behauptet Knierim. Glauben muss man ihm das nicht unbedingt.

Auch verbal müssen sich Knierim und Kollegen während der Spiele an zahlreiche Vorgaben halten. Joviales Dampfplaudern und ein allzu enthusiastisches Ausrufen der Mannschaftsaufstellungen ist im Sprecherplan des Weltverbandes ebenso wenig vorgesehen wie spontane Sprüche in Richtung Fankurve – Elemente, die den Alltag als Stadionsprecher in der Bundesliga prägen. Stattdessen werden alle Durchsagen in deutscher und englischer Sprache verkündet und größtenteils vom Blatt abgelesen. Eher ein Job für erfahrene Stationsvorsteher der Bundesbahn, möchte man meinen. Und so wird sich Knierim anfangs an das Ablesen gewöhnen müssen.

Dabei ist sich Knierim durchaus bewusst, dass sein Job für die Fifa ein großes Maß an Neutralität verlangt, und er empfindet das strenge Protokoll deshalb auch nicht als Höchststrafe für Quasselstrippen. Denn ganz staubtrocken und sachlich soll es im Olympiastadion dann doch nicht zugehen: „Wir werden auch mal ins Stadion rufen: Wo sind die Berliner, wo sind die Brandenburger?“, sagt er. Das gehört für ihn dazu. „Natürlich ist die Weltmeisterschaft in erster Linie eine Veranstaltung der Fifa, aber wir müssen deswegen ja trotzdem nicht verhehlen, dass das Spiel in Berlin stattfindet.“ Da kann ein Vollblutmoderator wie er vermutlich auch nur schwer aus seiner Haut.

Bei zwei Spielen wird Udo Knierim im Innenraum am Stadionmikrofon stehen, bei zwei weiteren ist er für die Sicherheitsdurchsagen zuständig. Und, ist er nervös bei diesen Aufgaben? Da schüttelt Knierim nur den Kopf: „Mit Ausnahme der Durchsagen auf Englisch ist eigentlich alles wie immer. Und wir sind ein eingespieltes Team.“ Er ist doch alles gewohnt. Trotzdem ist vor jedem Spiel eine Generalprobe angesetzt, schließlich ist die Welt zu Gast in Deutschland, und auch die tunesische Delegation soll sich nach Spielschluss nicht über die mangelhafte Aussprache der Spielernamen beschweren müssen. Die Spieler der Bundesliga kennt Knierim aus dem Effeff.

Die Nationalmannschaftskader wollte er sich unter anderem mit Hilfe von Sammelbildchen einprägen. Bei diesem Vorhaben hat ihm die Realität allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wer im Sammelalbum steht, muss nicht zwangsläufig auch zum Kader gehören. Probleme wie diese bewältigt Knierim dann doch wieder mit Routine: „Wir sind schließlich im Innenraum. Wenn es da ein Problem mit dem einen oder anderen Spielernamen gibt, frage ich einfach den nächstbesten Mannschaftsbetreuer.“ Derart unaufgeregt und gleichzeitig voller Vorfreude auf die Spiele geht Knierim in das Turnier. Nur einmal wird er sich so richtig auf die Zunge beißen müssen. Zur Partie Ukraine gegen Tunesien am 23. Juni werden Freunde von ihm im Stadion sein. „Ich habe überlegt, ob ich sie durchs Stadionmikrofon grüßen soll. Aber wenn ich das mache, werde ich vermutlich von der Fifa im Wannsee versenkt“, sagt Udo Knierim. Und lacht. Jan-Christoph Poppe

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