Zeitung Heute : Die Weltmeisterschaft im Innenhof

500 000 Menschen zieht es auf die Berliner Fanmeile, wenn Deutschland spielt. Bei der Wohnzimmer-WM in Hamburg sind es hingegen manchmal nur 80 Zuschauer. Aber das Gegenmodell zum „Public Viewing“ bringt die Nachbarschaft zusammen. Plötzlich diskutieren Hausbewohner, die sich vorher nur von den Klingelschildern kannten, gemeinsam über Panini-Bildchen und Ronaldos Problemzonen.

-

Ein versteckter Innenhof im Hamburger Stadtteil Klostertor, nicht weit vom Hauptbahnhof. Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff erscheinen die ersten beiden Zuschauer. Ein junges Pärchen setzt sich auf eines der Sofas. Kurz darauf folgt Stephan Resing, der die Installation der beiden Fernseher aus dem dritten Stock beobachtet hat und „sowieso gerade irgendwo Fußball gucken“ wollte. Während Brasilianer und Australier im Münchner WM-Stadion bereits der Lederkugel hinterherlaufen, stoßen im Minutentakt immer mehr Bewohner der Münzstraße/Repsoldstraße hinzu. Einige hatten wohl erst mal vorsichtig hinter den Vorhängen gelauert, ob sich die Sofalandschaft auch wirklich füllen würde.

Als das deutsche Idyll in diesem Sommer gelte gemeinhin „ein großer Flachbildschirm an der Wand eines Fachwerkhauses“, schreibt der „Spiegel“. Die beiden Fernseher im schattigen Innenhof haben noch eine herkömmliche Bildröhre von 70 Zentimetern, die anderen Gegenstände stammen aus einem lokalen Sperrmüllverkauf: der blau-grüne Teppich, der klassische Zeitungsständer, die Holztische und die Tischlampe sowie die gemütlichen Sitzgelegenheiten.

In zwei Halbkreisen sitzen irgendwann über 50 Menschen, alle zwischen 25 und 40 Jahren, vollkommen entspannt auf vier Sofas, zahlreichen Sesseln und zusätzlich herbeigeschafften Bierkästen. Sogar ein Kinderwagen hat sich diesmal in das harmonische Bild integriert. „Wir bieten eine Alternative für alle, die die Intimität der heimischen vier Wände mit dem Fußballerlebnis unter freiem Himmel verbinden wollen“, sagt Peter Schütz, Medienwissenschaftler und Projektleiter. Zusammen mit drei Kollegen veranstaltet er rund um Hamburg die „Wohnzimmer-WM“, mit 18 Spieltagen an elf verschiedenen Orten. Das Angebot wird gerne angenommen, trotz oder gerade wegen „Public Viewing“. In einem kleinen Kühlschrank gibt es Bier oder Bio-Limonade für 1,50 Euro. Ein Hausbewohner reicht während der ersten Halbzeit spontan ein großes Tablett mit Salzgebäck herum. Zwei Zuschauer, die sich vorher nicht kannten, diskutieren plötzlich über Tipprunden, Klebesticker und die Tagesform von Stürmerstar Ronaldo. Als dieser in der 38. Spielminute wie ein Freizeitkicker über den Ball senst, was in der Wiederholung besonders unbeholfen aussieht, ruft einer der beiden: „Das war letzte Woche genau meine Szene bei Standard Hamburg.“ Und die Stimmung steigt im Innenhof, als sein Sofanachbar sekundiert: „Man kann also auch ohne Übergewicht über den Ball treten!“

Schon zur WM 2002 hatten einige Architektur-Studenten in Weimar die Idee, mit einem Wohnzimmer durch die Stadt zu ziehen und die WM-Spiele an öffentlichen Plätzen zu zeigen. „Das war damals guerillamäßig und spielte sich in den Einkaufszonen ab“, sagt Peter Schütz, „in der Großstadt muss leider alles etwas offizieller sein.“ Das Projekt ist tatsächlich größer geworden, seitdem die Saga, Hamburgs größte Vermietergesellschaft, ihre finanzielle Unterstützung zugesichert hat. Die Organisatoren, die mit einem kleinen Möbeltransporter von Ort zu Ort fahren, schätzen an der Zusammenarbeit, dass nun überall Toiletten und Strom zur Verfügung stehen. Denn nicht immer sind die Plätze auf der WM-Tour so einladend wie dieser Innenhof mit seinem roten Backstein, den großen Fenstern und weißen Säulen.

Tags zuvor hatten sie ihr Wohnzimmer in der Lenzsiedlung aufgebaut, einem sozialen Brennpunkt im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. „Dort musste man schon ein Sozialarbeitertalent haben“, berichtet Peter Schütz, „da herrscht ein anderer Umgangston zwischen Eltern und Kindern“. Doch auch hier nahmen bis zu 80 Zuschauer die Einladung an. Peter Schütz: „Wir haben ihnen vermittelt: Das ist euer Wohnzimmer. Macht es bitte nicht kaputt!“ Er zieht seine Motivation daraus, dass mit dem Projekt ein anderes Deutschlandbild gemalt werden kann, das „spontan, friedlich, unbürokratisch und gesellig“ ist. Nicht überall wird das auch so verstanden: „Wir sind auch schon gefragt worden, ob wir kein Zuhause haben.“ Thorsten Schaar

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben