Zeitung Heute : Die Wertpapierpendler

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Von Corinna Visser, Köln

Allzu gerne hätte Elmar seine Verse auf dem Podium vorgetragen. „Bei der Telekom hat es gekracht/drum hab’ ich aus meinen Aktien Drachen gemacht/ich ging hinaus auf freie Felder, wo leichte Lüfte wehen/dort konnt’ ich Ron Sommers Aktie noch einmal fliegen sehen.“ Er hat ein Gedicht, das er vor Jahren in der Zeitung gelesen hat, einfach umgedichtet. Seine Frau hat ihm dann aber verboten, auf der Hauptversammlung der Deutschen Telekom zu sprechen. Er solle nicht so viel Wirbel machen, und deshalb will er jetzt auch seinen Nachn nicht nennen. Sein Drachengedicht hätte ganz gut zur Videoshow neben dem Rednerpult gepasst, wo gerade der Vorstandschef Ron Sommer spricht. Auf der riesigen Leinwand ist ein Mann am Strand abgebildet. Er hält zwei Fäden in der Hand und schaut in die Luft: einem imaginären Drachen hinterher.

Die 9000 Telekom-Aktionäre, die sich am Dienstag in der Kölnarena versammelt haben, schauen auf das Riesenbild, als sie der 90-minütigen Rede Sommers lauschen. Tatsächlich lauschen. Wer Krawall und lauten Protest erwartete, hat sich geirrt. Allein als die Vorstandsgehälter zur Sprache kommen, die im vergangenen Jahr um 90 Prozent angestiegen sind, gibt es Pfiffe und laute Buh-Rufe. Es ist das einzige Mal, dass Sommer mit unbewegter Miene seine Rede unterbrechen und warten muss, bis wieder Ruhe herrscht. Der Vorstand habe sich weder selbst bedient noch bereichert, sagt er dann.

Viele der hier Versammelten sind Aktionäre der ersten Stunde. Ein großer Teil von ihnen hat im Jahr 1996 überhaupt zum ersten Mal Aktien gezeichnet. „Weil sie gut beworben wurden, als Volksaktie,“ sagt ein Mann aus Köln und denkt dabei an die große Werbekampagne mit dem Schauspieler Manfred Krug. „Sie galt zumindest mittelfristig als sichere Geldanlage“, sagt er. Immerhin sei die Telekom damals noch ein Staatsunternehmen gewesen. Das habe Vertrauen gegeben. Dreimal brachte die Telekom seit 1996 Aktien an die Börse, dreimal schenkten ihr die Anleger tatsächlich ihr Vertrauen. „Dummerweise“, sagt der Kölner Aktionär heute. Ein paar tausend Euro habe er verloren. Eine „Geldzerstörmaschine“ nennt er die Telekom. „Was hier passiert, ist schlimmer als am Neuen Markt“, sagt er.

Nach dem Höhenflug der Aktie – im Mai 2000 war sie einmal 104 Euro wert – hat er nun gemeinsam mit den anderen Aktionären den Absturz erlebt. Beim letzten Börsengang hat das Papier immerhin 66 Euro gekostet. Der Staat hat das Geld kassiert – auch darüber sind die Aktionäre erbost. Zur Zeit pendelt das Papier um die Marke von zwölf Euro, das sind rund zwei Euro weniger, als die Aktie bei ihrer Ausgabe im Jahr 1996 gekostet hat. Viele fühlen sich betrogen. „Uns wurde die Aktie als ein Witwen- und Waisenpapier verkauft“, sagt Achim Hartwig, 66-jähriger Rentner aus Wuppertal, als eine Geldanlage ohne Risiko. „Viele haben darauf ihre Altersvorsorge aufgebaut, für die ist das eine Katastrophe.“

Sommer spricht davon, dass das Unternehmen in die Zukunft investiere, dass die Telekommunikation ein Wachstumsmarkt sei, dass die Branche eine schwere Zeit durchmache, und die Telekom am Ende gestärkt daraus hervorgehen werde. Die Aktionäre benötigten nur eines: einen langen Atem.

Hartwig weiß, was schief gelaufen ist bei der Telekom: Sommer habe bei der Versteigerung der Lizenzen für den Mobilfunkstandard UMTS viel zu hoch gepokert. Auch die amerikanische Mobilfunkgesellschaft Voicestream habe er viel zu teuer eingekauft. „3000 Dollar pro Kunde hat die Telekom bezahlt“, sagt ein Aktionär. „Das können die doch niemals mehr verdienen.“ Und jetzt leistet sich die Telekom auch noch das Sponsoring für die Fußballer von Bayern München. „Die gehen mit dem Geld um wie der Nikolaus mit den Nüssen“, ärgert sich Hartwig.

Die Telekom-Chefs haben den Markt falsch eingeschätzt, vor allem sich selbst überschätzt, das hört man oft auf den Gängen in der Kölnarena. Und die unbegreifliche Summe von 67 Milliarden Euro Schulden, wie soll die jemals zurückgezahlt werden?

„Zu optimistisch, Sommer sieht die Probleme nicht“, klagt ein Aktionär. Ob er Sommers Abgang fordert? Nein, sagt er, „das würde auch nichts ändern“. Im Gegenteil, findet auch Elmar, der Dichter, „das wird noch teurer. Sommer bekommt eine Abfindung, und der Nachfolger will dann noch höhere Bezüge.“ Der, der den Karren in den Dreck gefahren habe, solle ihn wieder herausholen. So denken viele Aktionäre. Und sie eint alle ein Gefühl: Ohnmacht, das Gefühl, nur ein Kleinaktionär zu sein. „Ich werde dem Vorstand und dem Aufsichtsrat die Entlastung verweigern“, sagt Elmar. Er hat sogar die Stimmen von Freunden und Kollegen dafür gesammelt. „Doch mit 1200 Stimmen gegen insgesamt vier Milliarden, das juckt die doch so sehr, als wenn in China ein Sack Reis umfällt.“

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