Zeitung Heute : Die Wettmeisterin

Beate Weber ist immer dabei. Heute sind es genau 25 Jahre, dass sie für Gottschalk die Wetten aussucht

Stefan Jacobs[Mainz]

Rückwärtssprecher sind chancenlos. Harry-Potter-auswendig-Könner auch. Aber wer anhand eines einzigen Asterix-Bildes nicht nur den Band nennen kann, sondern auch die Seite und den zugehörigen Dialog, der hat eine Chance bei Beate Weber. In ihrem kleinen Büro im ZDF-Hochhaus auf dem Mainzer Lerchenberg steht ein riesiger Fernseher samt Videorecorder. Hinter ihr hängt ein Bild von Thomas Gottschalk im Maßstab eins zu eins, auf dem Schreibtisch steht ein Schokoladenweihnachtsmann, vor dem Fenster jagt der Wind den Schnee von links nach rechts.

Etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringt Beate Weber hier. Sie ist Redakteurin von Beruf, aber ihr Job ist einmalig in Deutschland. In der anderen Hälfte lässt sie sich nämlich für Vorführungen besuchen oder reist durchs Land zu Leuten, die sich bei „Wetten, dass …?“ beworben haben. An diesem Dienstag wird die wohl erfolgreichste Sendung der europäischen Fernsehgeschichte 25 Jahre alt. Beate Weber ist seit der ersten Folge dabei; mehr als ihr halbes Leben lang. Ihr Job sei ein Traum, sagt sie, und sie lächelt, wenn sie spricht. So wie jemand lächelt, der mit sich und der Welt im Reinen ist.

Um Traumjobs bewirbt man sich nicht. Traumjobs ergeben sich. Beate Weber war Sekretärin des Hauptredaktionsleiters, als das ZDF ab Oktober 1980 in seinem Programm um Wettangebote für die erste Sendung warb. In einer Redaktion redet man halt über das, was die Post so bringt. Ab 1984 war Beate Weber dann nicht mehr nur zufällig, sondern auch formal für die Wetten zuständig. Ihre Reisen zu den Kandidaten sind geheime Missionen, so geheim wie die E-Mails auf ihrem Computer. Allein Beate Weber darf sehen, was vielleicht schon bald Millionen erstaunen wird.

Etwa 1200 Angebote kommen nach jeder Sendung, wenn Gottschalk zum Mitmachen aufgerufen hat und unten auf dem Bildschirm die Adresse eingeblendet wurde. Rund 50 davon bleiben in Beate Webers Sieb hängen. Auf die Spannendsten antwortet sie gleich, andere heftet sie für später ab. Beim großen Rest entscheidet sie nach Geschmack und Verstand, ob sie antwortet. Wenn einer anbietet, dass er sich den Kopf abschlagen und vor Eintritt des Todes noch ein Victory-Zeichen machen kann, lässt sie es. Sie muss nicht herausfinden, wer verrückt ist und wer sie nur veralbern will. Wetten dürfen zwar polarisieren, aber Samstag, 20 Uhr 15, ist im Öffentlich-Rechtlichen nicht die Zeit für Grenzerfahrungen.

Mit ihren sorgsam gesprochenen Worten und ihrer leisen, freundlichen Art wirkt die 49-Jährige Vertrauen erweckend wie eine Kinderärztin. Vielleicht die ideale Probezuschauerin für Kunststücke, die später vor 13 oder 14 Millionen Menschen aufgeführt werden sollen. Kein einziges abfälliges Wort über die Kandidaten lässt sie sich entlocken, nur manchmal leichte Ermüdung. „Elfmeterschießen gegen wen auch immer interessiert uns nicht mehr“, sagt sie. Auch Spiegelschriftschreiber gibt es einfach zu viele. Und wer alle Harry-Potter-Bände im Schlaf rezitieren kann, könnte die Zuschauer langweilen, deren Maßstäbe ohnehin verdorben sind, seit jemand ein ganzes Telefonbuch auswendig konnte. Das ist zwar ewig her, aber was je bei „Wetten, dass …?“ lief, bleibt den Leuten präsent wie ein Altkanzler. Mit jeder Sendung wächst die Wiederholungsgefahr. Was originell klingt, prüft Beate Weber. Was nur zu lange dauert – sechs Minuten sollen reichen –, versucht sie durch Tipps („Macht eure Aktionen doch gleichzeitig statt nacheinander!“) zu beschleunigen. Dann schaut der Sicherheitsingenieur des ZDF, ob man die Wette verantworten kann. Und Beate Weber prüft, ob der Kandidat eine realistische Gewinnchance hat. Wer kurz vor dem Ziel scheitert, kann genommen werden. Wer über den Start kaum hinauskommt, muss weiter üben. „Wir wollen niemanden vorführen“, sagt Beate Weber.

Baggerwetten sind ein Spezialfall. Die letzte ist mehr als zwei Jahre her, und trotzdem ahnt Beate Weber, dass sich auch beim nächsten Mal wieder ein paar Zuschauer beschweren werden, wenn eine große Maschine kleine Bewegungen macht. Nach dem Motto, ihr nehmt wohl jeden Deppen, der mit einem Mähdrescher ein Ei köpfen kann. Ein bisschen versteht sie es ja auch, „als Frau ist man ja nicht unbedingt bagger-affin“, aber bei vielen Männern sind Baggerwetten ein Dauerbrenner – sie merkt es ja, wenn sie mit potenziellen Kandidaten redet. Auch der Allzeit-Hit war im weiteren Sinne eine Baggerwette: ein Lastwagen auf vier Biergläser gestellt. Das war im Dezember 1981; die Leute schwärmen jetzt noch davon. Nur der Boarder-Collie, der auf Zuruf jedes geforderte Spielzeug apportierte, hat die Zuschauer in all den Jahren noch mehr begeistert.

Beate Weber schwört, keine persönliche Lieblingswette zu haben. Sie bewundert alltagsnahe Kunst und Gedächtnisleistungen. „Vielleicht mag man das am meisten, was man selbst nicht so gut kann.“ Was die Zuschauer am meisten mögen, könne sie inzwischen recht zuverlässig vorhersagen. Während der zweitägigen Proben setzen rund 40 Leute aus dem 200-köpfigen Wanderzirkus traditionell fünf Euro darauf, welcher Kandidat vom Publikum die meisten Punkte bekommen wird. „Da habe ich beim letzten Mal zu meinem Erstaunen ziemlich daneben gelegen“, sagt Beate Weber. Sie hatte nicht erwartet, dass der Mann Wettkönig werden würde, der sich still neben ein Klavier setzte und vier gleichzeitig angeschlagene Töne erkennen konnte.

Obwohl früher mehr Wettangebote bei ihr eingingen als heute, ist Beate Weber überzeugt, dass die Qualität der Offerten nicht nachgelassen hat. „Ich glaube, dass wir mehr polarisieren mit den Wettangeboten als vor zehn oder 15 Jahren.“ In der Konferenz mit Produktionsleiter, Unterhaltungschef und Regisseur haben sie nach langer Diskussion einen Kandidaten aussortiert, der mit seiner Tränenflüssigkeit Kerzen löschen konnte. Dann fiel Thomas Gottschalk das Video in die Hände, das Beate Weber beim Test gedreht hatte. Gottschalk war begeistert, die Nummer ging auf Sendung. Und ein Schweizer, der auf einer Kuh einen Hindernisparcours abritt, wurde vor zwei Jahren sogar Wettkönig – „obwohl das für mich eher eine Demonstration als eine Wette war“.

Die Wettangebote sind für Beate Weber ein Gradmesser dessen, was gerade Mode ist: „Zurzeit hat jede zweite Kinderwette mit ,Tokio Hotel’ zu tun, und Fußball ist auch groß im Kommen.“ Dass jemand über seine Fahrradgabel etwas ins Handy eingibt oder SMS auf Zeit schreibt, ist wohl weniger erstaunlich als die völlige Abwesenheit von Computern. Bis auf eine einzige, noch vage Idee findet sich in Beate Webers Ordnern nichts, was mit den Maschinen zu tun hat, die das Leben so grundlegend verändert haben.

Bei der ersten Sendung am 14. Februar 1981 hämmerte ein Schmied ein Eisen glühend, ein Mann blies eine Bettflasche auf bis zum Platzen, und ein Mädchen sprang so geschickt vom Einmeterbrett, dass ihr Kopf nicht ins Wasser eintauchte. „Solche Wetten kämen auch heute noch in Frage“, sagt Beate Weber – ein paar zigtausend gelesene Bewerbungen, 160 Sendungen, 723 ausgespielte (davon 527 gewonnene) Wetten und 2519 Minuten überzogene Sendezeit später.

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