Zeitung Heute : Die wirklich wichtigen Themen

Foto: promo
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Werden die Geisteswissenschaften in ihrer Bedeutung unterschätzt?

Ja, das werden sie. Das hat mit unserer gesamten Kultur zu tun. Wir leben in einer zutiefst materialistisch und monetär geprägten Welt. Die wirklich wichtigen Themen – Friede, Glück, Tod, Bildung zum Beispiel – führen ein eher kümmerliches Dasein. Und diese gesamtgesellschaftliche Kultur bleibt auch in der Wissenschaft nicht ohne Folgen. Zur ganzen Wahrheit – und das sage ich als leidenschaftlicher Geisteswissenschaftler – gehört auch die Tatsache, dass diese mit schuld sind an ihrer randständigen Position: sie sollten sich verständlicher ausdrücken.

Warum sind Philosophie, Theologie oder Geschichte für eine universitäre Ausbildung unverzichtbar?

Das, was am Menschen wesentlich ist, ist nicht seine Materie: nicht seine Haut, seine Knochen, seine Haare. Wäre das anders, hätten ja jene recht, die Menschen zum Beispiel nach unterschiedlichen Hautfarben einteilen und bewerten. Das, was den Menschen zum Menschen macht, ist in Wahrheit all das Nicht-Materielle, das einmal „Seele“ genannt wurde. Genau hierfür sind die Geisteswissenschaften in ihrer Gesamtheit zuständig und damit für die Essenz des Menschen.

Die Universität Rostock hat 2007 als erste deutsche Universität eine Interdisziplinäre Fakultät gegründet. Eine kluge Strategie?

Ich begrüße diesen Weg ausdrücklich, weil er eine Möglichkeit für im internationalen Maßstab kleine Universitäten ist, eine kritische Forschermasse zu mobilisieren. In den Technik- und Naturwissenschaften sowie der Medizin ermöglicht der eindeutige Erkenntnisgegenstand gleichgerichtete, kollektive Forschung. Zahlreiche Probleme sind zudem so komplex, dass sie mit Erfolg nur interdisziplinär bearbeitet werden können.

Die Profillinie Wissen – Kultur – Transformation erhebt das Wissen selbst zum Wissenschaftsgegenstand. Akademische Nabelschau?

In den Geisteswissenschaften ein kollektiv getragenes Forschungsprofil zu kreieren, ist ungleich schwieriger als in den Technik- und Naturwissenschaften. Die Naturwissenschaftler haben den Vorteil, dass ihr Erkenntnisgegenstand durch seine Konstanz und Eindeutigkeit zugleich die Kriterien der Wissenschaftlichkeit unerbittlich vorgibt. In den Geisteswissenschaften ist er extrem fluide und interpretationsabhängig - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Methodik. Die Rostocker Forscher stehen daher vor einer großen Herausforderung. Ich wünsche viel Erfolg!

Mathias Brodkorb, Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur

Mecklenburg-Vorpommern. Mit ihm sprach U. Vetter

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