Zeitung Heute : „Die Wirkung ist fatal“

Nahostexperte Perthes über die Reaktion der arabischen Welt

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VOLKER PERTHES (45)

leitet die Forschungsgruppe Naher Osten

und Afrika bei der

Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Foto: dpa

Alle Fernsehstationen und Zeitungen in der arabischen Welt haben am Wochenende die Folterbilder von Irakern durch amerikanische und britische Soldaten veröffentlicht. Wie ist die Wirkung auf die arabische Welt?

Die Wirkung ist fatal, weil sie alle Vorurteile bestätigt über den „imperialistischen Krieg“ amerikanischer und britischer Truppen gegen den Irak. Nach Meinung der Bevölkerung wird die Menschenwürde der Araber und der Iraker nicht geachtet. Die Leute sehen einen krassen Gegensatz zu den großen Worten von Menschenrechten und Freiheit, für die die Koalition in den Krieg gezogen ist.

Sind die offiziellen Reaktionen aus London und Washington ausreichend, um diese Empörung zu besänftigen?

Wenn einzelne Soldaten, die sich solcher Übergriffe schuldig gemacht haben, jetzt bestraft werden, wird das die irakische Bevölkerung nicht sonderlich beeindrucken. Inzwischen haben einflussreiche arabische Fernsehsender begonnen, das Vorgehen der Amerikaner und Briten im Irak mit dem Vorgehen der israelischen Armee in den palästinensischen Gebieten zu vergleichen. Und sie fangen an, die Untaten der Besatzungsarmeen gegen die Untaten Saddam Husseins aufzurechnen und die Frage zu stellen, ob es tatsächlich einen großen Unterschied gibt.

Ist dieses Urteil angemessen?

Nein. Aber gleichzeitig ist es eine Illusion zu glauben, es gäbe einen sauberen Krieg. Ich will damit nichts entschuldigen. Aber bei den westlichen Soldaten existiert ein rassistisches Gefühl der Überlegenheit, was unter extremem Stress zum Ausdruck kommt.

Welches Bild hat der Durchschnittsiraker heute von Demokratie?

Die meisten Iraker haben keine sehr konkreten Vorstellungen. Eines jedoch ist für die meisten klar: Demokratie bedeutet das Recht, sich den Herrscher selbst zu wählen. Darum wird die Legitimität des von den USA eingesetzten Regierungsrates in Bagdad immer wieder in Zweifel gezogen.

Hat das Projekt Demokratie im Irak durch die Foltervorwürfe Schaden genommen?

In der islamischen Kultur sind Würde und Ehre ein hohes Gut. Der Schaden ist nicht nur entstanden durch die Verletzung der Menschenwürde der Misshandelten. Schaden ist auch entstanden durch die Auseinandersetzungen der letzten Wochen beispielsweise in Falludscha. Oder wenn US-Soldaten nachts in Häuser eindringen, ohne darauf zu achten, ob die Frauen nach islamischer Vorstellung ordentlich bekleidet waren. Das empfinden große Teile der Bevölkerung als eine Missachtung ihrer Würde und Ehre.

Die Briten haben stets versucht, sich von dem Rambo-Image der Amerikaner positiv abzusetzen. Was bedeuten die Foltervorwürfe nun für ihr künftiges Ansehen?

Die Unterschiede in der Wahrnehmung von Briten und Amerikanern werden in den Augen der irakischen Bevölkerung geringer. Letztlich jedoch wird es in der konkreten lokalen Situation immer davon abhängen, wie sich ein Kommandeur mit seiner Truppe verhält. Das kann in Basra nach wie vor deutlich anders sein als beispielsweise in Kerbala. Und dennoch: Das Ansehen der Briten insgesamt hat Schaden genommen.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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