Zeitung Heute : „Die Wissenschaft hat was zu sagen“

Warum Moderator Jörg Thadeusz Forscher liebt – er aber trotzdem das Studium abgebrochen hat

304067_0_73b189be.jpg
Im Gespräch. Wissenschaftler und Studierende aus vielen Disziplinen sollen die „Humboldt-Streitgespräche“ zusammenbringen. Die...

Herr Thadeusz, streiten Sie gerne?

Ja! Allerdings nur wenn der Streit nicht persönlich ausgetragen wird, sondern unterschiedliche Meinungen und Positionen ausgetauscht werden. Dann ist so ein Streit hochinteressant.

Sie moderieren das erste Humboldt-Streitgespräch. Was hat Sie dazu bewogen, gleich zuzusagen?

Die Idee. Ich moderiere seit neun Jahren „Die Profis“ auf Radio Eins und bin ein absoluter Enthusiast in Sachen Wissenschaft. Forscher eröffnen einem neue Welten: Ich habe mit Experten schon darüber gesprochen, was man aus dem Abfall der Familie Luther lernen kann, ob es tatsächlich die Möglichkeit gäbe, sich beamen zu lassen oder gleich ganz unsichtbar zu machen. Wissenschaftler lassen sich darauf ein, sie sind enthusiastisch, die brennen für ihre Sache und rasten im Gespräch vor Begeisterung fast aus – man muss sie nur fragen.

Die Humboldts und Jörg Thadeusz – wie passt das zusammen? Was verbinden Sie mit der Universität?

Viel. Mein Bruder hat an der Humboldt-Universität studiert. Er war in der Boxstaffel. Immer wenn ich ihn früher in Berlin besucht habe, haben wir gemeinsam trainiert. Mittlerweile habe ich durch meine Arbeit auch wahnsinnig viele Gewinn bringende Leute aus der Universität kennen gelernt. Die leben für die Wissenschaft.

Sie haben Geschichte, Politik und Jura in Bochum studiert und abgebrochen, wieso?

Mir hat das ganze Konzept nicht gefallen. Es gab kein warmes Willkommen, nur demotivierende, negative Botschaften. Es wurde nicht etwa vermittelt, warum Geschichte so ein tolles Fach ist, sondern dass es nicht vermittelbar ist, weil wir zu viele Studenten waren. Ich war auch die Schülersituation nicht mehr gewohnt, nachdem ich schon mehr als zwei Jahre als Rettungssanitäter gearbeitet hatte. Ich brauchte die Praxis, wollte Action.

Im Streitgespräch geht es um die Perspektiven der Hochschulen. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Ich bin unentschlossen, ob Studiengebühren richtig sind. Ich sehe eine Menge junger, gut aussehender Menschen gegen ein Bildungssystem protestieren, das sie als zu stressig empfinden, obwohl viele wohl eher vor Kraft kaum gehen können. Ich selbst war umgeben von Leuten, die ohne jedwede Motivation an der Uni rumgehangen haben. Niemand gewinnt, wenn alle so tun, als hätte ein Studium nicht auch einen gewissen Unterhaltungswert. Interesse, Neugier und Leidenschaft fehlen mir an deutschen Universitäten. Vor allem sollten Wissenschaftler tolle, gut geschriebene Bücher veröffentlichen. Gut zu schreiben, lernt an der Universität doch kein Mensch mehr. Dabei ist Deutsch doch keine Geheimwissenschaft, man kann den Leuten das beibringen. Die Wissenschaft hat doch was zu sagen.

Sie diskutieren mit Hirnforschern und Ethnologen, Literaturwissenschaftlern, Ökonomen und Kunsthistorikern über Zukunftsthemen der Wissenschaft. Wie bereiten Sie sich vor?

Indem ich mir überlege, wo ich mit all dieser Vielfalt an Wissenschaft hin möchte. Spannend wird die Konfrontation meist an der Stelle, wo klar wird, wer eine Nähe zur Wirtschaft aufbauen kann und wer nicht, wer Geld für sein Projekt bekommt und wer eben nicht. Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler bei einem Streitgespräch zusammenführen zu wollen, geht sowieso meist völlig nach hinten los. Doch das ist Infotainment, ich liebe das. Die Sache, mit der ich mich dabei auskenne, ist eher die unmittelbare Übersetzung von Zusammenhängen, die ich selbst nicht immer verstehe, aber mit Hilfe von Experten an den Menschen bringe, der es verstehen soll – und das nicht unbedingt immer mit heiligem Ernst.

Was erwarten Sie von den Gesprächen?

Dass wir auf die Frage „Wo soll es hingehen mit der Wissenschaft“ keine Antwort finden. Wenigstens einer in der Runde wird sagen, die Frage sei viel zu global, man müsse da differenzieren. Übrigens einer meiner Lieblingssätze.

Die Fragen stellte Constanze Haase.

Jörg Thadeusz (41)

ist Radio- und Fernsehmoderator und

Schriftsteller. Für den rbb-Sender Radio Eins moderiert er das

Wissenschaftsmagazin „Die Profis“.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben