Zeitung Heute : „Die WM ist nur ein Placebo“

Smudo ist einer der „Fantastischen Vier“ und hat die Grenzen des Hip-Hop neu gesteckt. Und als sei das nicht genug, ist er nebenbei auch noch Labelboss und Rennfahrer. In Sachen Fußball hingegen ist er Laie, was ihn nicht hindert, allerlei kühne Thesen aufzustellen, über Spucker, eine Mannschaft als Amöbe und die Klinsmann-Bäckerei.

-

Smudo, erklären Sie bitte jemandem, der noch nie etwas davon gehört hat, was das ist: Fußball.

Da sind zwei Mannschaften, die einen Lederball nur mit dem Fuß berühren dürfen und versuchen, ihn in das gegnerische Tor zu schießen, in dem ein Tormann steht, der ausnahmsweise den Ball auch mit der Hand berühren darf.

Klingt profan. Was macht denn den Zauber dieses Spiels aus?

Die Spieler verbinden sich zu so etwas wie Nervenzellen. Sie werden zu einer großen, handelnden Amöbe. Die hat sogar einen Willen, und dieser Wille besteht darin, den Ball unbedingt ins Tor zu befördern.

Eine Amöbe? Lassen wir mal so stehen. Sitzen Sie denn manchmal vorm Fernseher und wundern sich über das absurde Treiben dort unten auf dem Rasen?

Nein, überhaupt nicht. Ich finde, es gibt Dinge, die viel absurder sind als Fußball.

Zum Beispiel?

Ich selbst werde am Wochenende das sechste Jahr beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring mitfahren. Hinterher frage ich mich, wie absurd das war: 24 Stunden am Stück im Kreis fahren. Das begeistert in der Tat nur Verrückte. Für den Fußball aber können sich sehr viele Menschen begeistern – weltweit. Es hat also alles seinen Sinn.

Menschen bemalen sich, sie beten und pilgern zu Tausenden zu den Spielen. Ist Fußball eine Religion?

Bestimmt nicht. Eine echte Religion ist viel komplexer. Fußball ist ein einfaches Spiel. Aber das, was in der Ausübung von Religion drinsteckt, nämlich die Hingabe an etwas, findet sich auch im Fußball. Und nicht nur da: auch im Kochen und in der Sonnenanbetung (lacht). Der Mensch möchte sich gerne für irgendetwas begeistern und irgendetwas total geil finden.

Warum ist es gerade der Fußball, der diese Euphorie auslöst, und nicht etwa Wasserball oder Polo?

Keine Ahnung. Aber selbst ich, der ich ein Laie bin, kann mich dieser Faszination überhaupt nicht entziehen. Da kämpfen die Nationen gegeneinander. Das hat auch mit Patriotismus und mit Liebe zum eigenen Kulturkreis zu tun, zu sagen: „Ja! Meine Jungs kämpfen jetzt gegen die und die.“

Es wird behauptet, ein Erfolg der deutschen Nationalmannschaft sei gut für das gesellschaftliche Klima.

Ich glaube, dass das eine Art Placebo-Idee ist. Gut, viele Leute geben Geld für die verschiedensten Sachen aus, vom Bier bis zum hochaufgelösten Fernseher. Auf der anderen Seite gibt es so viele, die jetzt blaumachen und das Bruttosozialprodukt dämpfen. Es ist paradox. Ich habe gelesen, dass die Gewalttaten nach einem Spiel viel häufiger auftreten, wenn die Heimmannschaft gewonnen hat, als wenn sie verloren hat. Wenn die Heim-Fans in Unbesiegbar-Laune auf die Straße gehen, dann gibt’s eher Klopperei.

Apropos Unbesiegbar-Laune: Wie weit kommen wir mit Klinsmann?

Keine Ahnung. Also, ich habe die Argentinier gesehen. Die waren so schnell, das sah aus wie im Zeitraffer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Deutschen diese Mannschaft schlagen können. Ich glaube also nicht, dass sie Weltmeister werden. Was mir aber sehr gut gefällt, ist, dass wir so viele junge Kicker haben, dass da spritzig und hoch motiviert gespielt wird. Ich könnte mir das Viertelfinale vorstellen.

Angenommen, Deutschland wird doch Weltmeister und Sie sollten eine Laudatio halten. Was würden Sie sagen?

„Danke, Martin Sonnenborn“, würde ich sagen! Der Titanic-Chefredakteur hat schließlich die WM nach Deutschland geholt.

Bei Klinsmann würden Sie sich aber doch hoffentlich auch bedanken.

Aber selbstverständlich! Klinsi ist Botnanger, und ich hatte meine erste eigene Wohnung in Feuerbach. Die Stuttgarter Stadtteile Botnang und Feuerbach sind verbunden durch eine lange, sich windende Straße. Und auf beiden Seiten der Straße, also in Botnang und in Feuerbach, gibt es eine Klinsmann-Bäckerei. Und schon damals musste ich immer an Klinsi denken. Man hört ja bei ihm immer noch am Dialekt, woher er kommt. Das gefällt mir gut und auch, wie die ganze Kritik an ihm abprallt. Das ist typisch schwäbisch. (schwäbelt) „Is mir wurscht. Des mach mer! Was denket Sie denn?“ Ich bin sehr stolz auf meine schwäbischen Wurzeln. Dank Klinsmann.

Das Gespräch führte

Dirk Gieselmann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben