Zeitung Heute : Die Wohnbaugesellschaft Hennigsdorf über die Berliner Baupolitik

Lebt die Wohnungswirtschaft im Berliner Umland wie

Holger Schaffranke, Geschäftsführer der HWB, plädiert für die Fusion von Berlin und Brandenburg.

Berlin verliert Einwohner, das Umland gewinnt sie dazu. Viele Berliner kehren der Stadt den Rücken und ziehen in den so genannten Speckgürtel. Zum Beispiel zur Hennigsdorfer Wohnungsbaugesellschaft (HWB). Das Tochterunternehmen der Stadt verwaltet die Hälfte aller Mietwohnungen vor Ort und baut auch Reihenhäuser. Christof Hardebusch sprach mit HWB-Geschäftsführer Holger Schaffranke über die Zuwanderung aus Berlin und die Fehler der Hauptstadt.

Lebt die Wohnungswirtschaft im Berliner Umland wie die Made im Speck?

Sicher nicht. Natürlich konkurrieren wir erfolgreich mit der Berliner Wohnungswirtschaft und profitieren vom wachsenden Interesse der Berliner an unseren Angeboten. Das geht fast allen Umlandgemeinden so und hat für alle Beteiligten auch negative Folgen. Auf der grünen Wiese schießt ein Wohnpark nach dem anderen aus dem Boden. Natürliche Erholungsflächen gehen verloren, der Autoverkehr nimmt drastisch zu. Das Umland verliert an Lebensqualität. Viele Wohnparks stehen zudem leer und kosten die Investoren Geld, statt welches einzubringen.

Auch die HWB baut Reihenhäuser.

Aber nicht auf der grünen Wiese, sondern am Stadtrand, eingebunden in die Hennigsdorfer Infrastruktur. Die Bewohner dieser Häuser wohnen am Waldrand und haben trotzdem alle Vorteile, die eine Stadt bietet. Kitas, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und der S-Bahnhof sind zu Fuß erreichbar. Wir machen auch nicht den Fehler, den Berlin gerade macht, indem es ausschließlich auf billige Reihenhäuser von der Stange setzt, um seine Bürger zu halten.

Der Senat bemüht sich, seinen Bürgern kostengünstige Eigenheime zu bieten. Was ist daran falsch?

Berlin kopiert einfach die Wohnparks im Umland. Schlichte, immer gleich aussehende Reihenhäuschen, zu wenig Platz für Läden. Diese Fehler macht die Stadt einfach nur nach. Viele Berliner interessieren sich aber gar nicht für solche monotonen Siedlungen. Einige wollen höherwertige Häuser. Anderen reicht eine Mietwohnung, Hauptsache, sie liegt im Grünen. Die Ansprüche an Lage und Ausstattung sind ähnlich, ansonsten ist die Nachfrage vielfältig. Also muss das Angebot auch vielfältig sein. Diese Botschaft ist in Berlin offensichtlich noch nicht angekommen.

Wie antwortet die HWB auf diese Botschaft?

Wir haben nicht nur Reihenhäuser gebaut, sondern auch Geschosswohnungsbau mit gut ausgestatteten Mietwohnungen direkt an der Havel. Außerdem sanieren und modernisieren wir unsere großen Werkssiedlungsbestände aus den 20er bis 50er Jahren. Das sind Siedlungen mit hohem Grünanteil, die aber voll in die Stadt integriert sind. Die Mieten betragen maximal neun DM kalt pro Quadratmeter. In solchen Angeboten sehen wir für uns mehr Zukunft als im Flächen fressenden Reihenhausbau. Die Nachfrage durch Mieter bestätigt bisher diese Annahme. Seit die S-Bahn auch nach Hennigsdorf fährt, fragen immer mehr Berliner nach Mietwohnungen. Aber natürlich reagieren wir nicht nur auf Berliner Bedürfnisse. Die HWB richtet ihr Angebot in erster Linie an den Ansprüchen der Hennigsdorfer aus. Ähnlich wie in Berlin suchen vor allem Familien verstärkt nach Wohnungen mit drei oder vier Zimmern. Davon bietet Hennigsdorf zu wenig. Deshalb müssen wir im Altbau Wohnungen zusammenlegen. Zudem suchen mehr und mehr alte Menschen Wohnungen, die ihren Bedürfnissen entsprechen.

Aller lokalen Bedürfnisse zum Trotz bleibt die Nähe zu Berlin für Hennigsdorf der ausschlaggebende Entwicklungsfaktor. Unternehmen vor allem aus High-Tech-Branchen siedeln sich hier an, weil die Hauptstadt vor der Tür liegt. Welche Auswirkungen hat das auf den Wohnungsmarkt der Stadt?

Die Mitarbeiter dieser Firmen verdienen in der Regel gut und stellen dem entsprechend hohe Ansprüche an ihren Wohnraum. Ansonsten ist vorläufig alles wie früher. Die Menschen gehen morgens zur Arbeit ins Werk oder ins Büro und kommen abends heim. Das wird unseres Erachtens nicht so bleiben. Für die hier ansässigen Unternehmen ist weniger die physische als die geistige Arbeit wichtig. Diese lässt sich auch als Telearbeit zu Hause verrichten und per Datenleitung in die Firma versenden. Arbeitnehmer sparen sich den Arbeitsweg und können sich mehr um ihre Familie kümmern. Arbeitgeber sparen Bürofläche. Das kann aber nur funktionieren, wenn geeigneter Wohnraum zur Verfügung steht. Die Wohnungen müssen einen Arbeitsraum haben, der über alle technischen Anschlüsse für die Online-Arbeit am Computer verfügt. Im kommenden Jahr werden wir im Zuge der Sanierung eines Innenstadtviertels Sozialwohnungen mit entsprechenden Räumen ausstatten. Wir halten das für einen Markt mit großer Zukunft. Schließlich kann oder will nicht jeder Heimarbeiter ein eigenes Haus mit so viel Fläche erwerben.

Berlin hat schon einmal im Jahre 1920 eine große Zahl von Umlandgemeinden verschluckt. Wird auch Hennigsdorf irgendwann ein Ortsteil von Berlin sein?

Das ist derzeit nicht erkennbar und auch nicht sinnvoll. Was wir aber dringend brauchen, ist ein Pakt der Vernunft oder noch besser eine rasche Fusion der Länder Berlin und Brandenburg. Die von beiden Ländern eingerichtete gemeinsame Planungsgruppe arbeitet bislang ohne erkennbare Effekte. Das muss sich ändern. Berlin und die Umlandgemeinden müssen endlich Straßen- und Wohnungsbau, die Ansiedlung von Industrie und Dienstleistungszentren, die Einrichtung von Kitas und Schulen und den Umgang mit Naherholungsflächen aufeinander abstimmen. Die Konkurrenz um jeden Einwohner und jeden Betrieb muss aufhören. Sie führt zu einer relativ chaotischen Entwicklung, unter der auch die Umlandgemeinden leiden, die ansonsten aus ihrer Nähe zu Berlin ja viele Vorteile ziehen. Ihre Gewinne sind Berlins Verluste. Die übrigen Gemeinden Brandenburgs haben von dieser Entwicklung sowieso nichts.

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