Zeitung Heute : Die Wossis kommen

Robert Ide

Trotz 15 Jahren Einheit gibt es Vorurteile zwischen Ost und West. Wie lange noch?

Fangen wir mit den lästigen Dingen an: Besserwessi und Jammerossi. Beide Begriffe sind verkehrt, denn nach 15 Jahren Einheit lässt sich kaum leugnen, dass mehr Westdeutsche der alten Bundesrepublik hinterherjammern als Ostdeutsche der DDR. Andererseits haben Ostdeutsche gern das letzte Wort, wenn es um die Deutung der gemeinsamen Teilungsgeschichte geht. Im aktuellen Duden ist das Problem schon teilweise gelöst worden: Besserwessi steht drin, Jammerossi nicht.

Vorurteile durch Urteile zu ersetzen, braucht Zeit. Bei der wirtschaftlichen Sanierung der neuen Bundesländer (Wie lange sind die eigentlich noch neu?) sieht der alte Minister Manfred Stolpe gerade die „Halbzeit“ erreicht. Der Aufbau eines gemeinsam gefühlten Deutschlands wird dagegen eine Generation dauern, sagt der Autor Michael Jürgs, der mit Angela Elis das Klischee-Lexikon „Typisch Ossi, typisch Wessi“ verfasst hat. Der aktuelle Erfolg dieses Buches zeigt: Vorurteile halten sich lange in der öffentlichen Wahrnehmung, weil sie wenig Mühe, dafür aber viel Spaß machen.

Ossis sind staatshörig, träge, unflexibel.

Wessis sind karrieresüchtig, arrogant, konsumgeil.

Diese Sicht der Dinge ist eigentlich veraltet. Sie bezieht sich allein auf die unterschiedliche Sozialisation in zwei halben Ländern – einerseits in einem freiheitlichen System, das die erfolgreiche Selbstorganisation eines Lebens belohnte; andererseits in einem kollektivistisch organisierten Staat, der seine Bürger bis hinein in die Hausgemeinschaften betreute und kontrollierte. Inzwischen müssen Ost- und Westdeutsche gleichermaßen flexibel sein. Seit dem Fall der Mauer zogen allein 3,5 Millionen Menschen von Ost nach West, meist um eine Arbeit zu finden. Gehälter und Vergütungen gleichen sich derweil in umgekehrter Richtung an. „Auf beiden Seiten haben viele Angst vor der Zukunft“, sagt der Leipziger Soziologe Thomas Ahbe, der das Buch „Ostalgie“ geschrieben hat. „Da helfen Vorurteile den Menschen, um die unübersichtliche Welt für sich in Ordnung zu halten.“

Emotionale Unordnung wäre also vonnöten für ein gemeinsam gefühltes Deutschland. Nach Einschätzung des Berliner Historikers Wolfgang Benz geht es beim vordergründigen Streit um Mentalitäten hintergründig „um Verletzungen, die seit der Wende überstanden sind“. In der Tat sind die wenigsten Ostdeutschen stolz auf ihre eigene Revolution, und viele Westdeutsche zeigen noch immer wenig Interesse an den Geschichten von drüben. Den Umbruch als gemeinsames Erlebnis zu begreifen, haben Jammerossi und Besserwessi noch nicht gelernt.

Irgendwann, hofft Michael Jürgs, wird es nur noch Wossis geben: „Die sind heute aber erst sechs Jahre alt.“

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