Zeitung Heute : Die Würde des Sterbens

Antje Vollmer

TRIALOG

Wir haben es ahnen können: Die in der Osterwoche losgetretene Diskussion um Sterbehilfe trifft jeden von uns in seinem Lebensnerv. Durch die Entwicklungen in Medizin und Pharmakologie stellt sich eine uralte Menschheitsfrage neu: Wie und wann wollen wir sterben? Nicht nur der Beginn des menschlichen Lebens, sondern auch sein Ende scheinen immer stärker in unsere Verfügungsgewalt gestellt. Ein unheimlicher Prozess der Be- und Entwertung menschlichen Lebens ist in Gang gekommen.

Das Thema Sterbehilfe bringt uns sehr nah an einen ethischen Dammbruch. Eine Ermächtigung zum Töten darf es bei uns weder für Ärzte noch für Pflegepersonal oder Angehörige Sterbender geben. Die in den Niederlanden legalisierte Euthanasie hat vielleicht Rechtssicherheit in der Grauzone zwischen Sterbeprozess und Tod geschaffen. Sie kostet aber auch jedes Jahr tausende Menschen das Leben, die weder todkrank sind noch ausdrücklich erklärt haben, sterben zu wollen. Eine Patientenverfügung kann Aufschluss über den irgendwann einmal – häufig in Zeiten seelischer Verlassenheit – gefassten Willen eines Menschen geben. Sie kann aber keine juristisch bindende Handlungsanleitung für Mediziner oder Pflegepersonal sein. Das eigene Sterben und der Weg dorthin sind von niemandem von uns im Voraus zu berechnen. So gesehen ist die Rede vom selbstbestimmten Sterben im Zusammenhang mit Patientenverfügungen eine reine Fiktion.

Die Initiative des Bundestagsabgeordneten Stöckel, der als Vorsitzender des Humanistischen Verbands Deutschland aktive Sterbehilfe fordert, gibt eine sträflich einfache Antwort auf die Frage nach dem Ende des Lebens: Autonomie und freier Patientenwille und Schluss! Sein Vorstoß, der im Bundestag keine Chance auf eine Mehrheit hat, ist auch als Provokation gegen die von den Kirchen nach Ostern veranstaltete Woche für das Leben zu lesen, die sich in diesem Jahr der Sterbebegleitung widmet.

Stöckel erhebt die Selbstbestimmung des Patienten zum obersten Kriterium für den Sterbeprozess. Hinter dem zeitgeistigen Begriff Selbstbestimmung verbirgt sich jedoch primär die Angst vor dem Ausgeliefertsein an eine als kalt empfundene Medizin, vor unzureichender Schmerzbehandlung und vor allem die Befürchtung, den eigenen Angehörigen zur Last zu fallen. Alle diese Ängste sind nachvollziehbar. Die „sprechende Medizin“, die im Sterbeprozess besonders wichtig ist, wurde zugunsten einer Apparatemedizin zurückgedrängt. In Sachen Schmerzbehandlung liegt Deutschland weit zurück. Schmerztherapie und die würdige Begleitung von Sterbenden werden von Krankenkassen weithin nicht bezahlt. Das abhängig sein von der Pflege Angehöriger ist nicht leicht zu akzeptieren. Die Antwort auf diese Ängste heißt aber nicht Euthanasie, sondern eine Verbesserung der Situation Sterbender. Vor allem müssen wir endlich den Mut aufbringen, über den Tod zu reden. Autonomie und Selbstbestimmung sind in einer demokratischen Gesellschaft hohe, achtenswerte Güter. Ich bezweifle, dass die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe einen Zuwachs an Autonomie bringen würde.

Der Mensch ist ein zerbrechliches, sterbliches Wesen. Er ist immer auch soziales Wesen, auf seinen Mitmenschen angewiesen und niemals nur autonom. Gerade darin liegt seine Qualität. Allmachtsphantasien am Beginn und am Ende des Lebens täuschen darüber hinweg. Unter diesen Luftgespinsten gähnt ein Abgrund von Angst.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Grüne.

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