Zeitung Heute : Die Wüste lebt

Er wollte ganz weit weg und ist in Frankfurt an der Oder gelandet. Der Regisseur vertraute sich der Stadt an und arbeitete ohne Drehbuch. Wer hätte gedacht, dass daraus der deutsche Film des Jahres wird? Ein Spaziergang mit Andreas Dresen über die Schauplätze von „Halbe Treppe“.

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Von Kerstin Decker

Mensch, Andreas, was hast du gemacht? - Der Wirt von Deutschlands gerade bekanntester Imbissbude nimmt den Regisseur in die Arme. Ein paar Männer blinzeln aus dem Halbdunkel der Kneipe „Halbe Treppe“ nach vorn. Draußen ist Tag, Herbst, Sonne. Aber ist das wichtig? Für sie nicht mehr. Ihnen schlägt keine Stunde. Penner, sagen die noch Lebenspünktlichen. Opa Durstig fehlt, sagt Dresen. Er taucht unter in der Kneipendämmerung, Richtung Billardtisch. Wir wollen den Ort seines Films noch einmal sehen, jetzt, fast zwei Jahre später - mit dem Regisseur. Dresen war lange nicht mehr bei Schöni und den anderen, bei den Pennern aus „Halbe Treppe“. Zur Berlinale kamen sie im Anzug.

Zuerst mussten alle, die in Dresens Film mitmachen wollten, richtige Frankfurter werden. Also hier arbeiten. Nicht nur im Film, sondern wirklich. Bis nicht nur Schöni glaubte, der Schauspieler Axel Prahl ist der neue Imbiss-Mann. Schließlich hat die Stadt „Halbe Treppe“ geschrieben. Wollte Dresen den ultimativen Ost-Film?

Dass Frankfurt die Hauptdarstellerin seines Films sein würde, erfuhr Andreas Dresen aus Gera in Sachsen erst spät. Denn am Anfang wusste er nur eins: Ich mache einen Film ohne Drehbuch! Drehbücher können die allerbesten Filme verderben. Dresen ist ein Kind der DEFA, und die DEFA drehte immer mit unglaublich viel Aufwand Filme, in denen jeder Augenaufschlag vorher verzeichnet war. Lange schon hatte Dresen überlegt, was er alles weglassen könnte. Kameras, Kameraassistenten, Beleuchtung, Beleuchtungsassistenten. Leichter werden! Ballast abwerfen! Am Ende kam Andreas Dresen auf das Drehbuch.

Eigentlich seltsam, dass dieser Mann immer leichter werden will. Denn eigentlich ist er schwer. Fast so schwer wie diese Stadt. Beide scheinen sie an so unzeitgemäße Dinge wie den existenziellen Ernst, die soziale Not oder den Menschen in der Krise zu glauben. Der Regisseur sitzt jetzt in Eberhard U.s Kneipe und weiß als einziger von uns, dass er hier Bier trinken muss, nicht Apfelschorle.

Dresen fragte sich oft, wovon sein Drehbuch handeln würde, wenn er eins hätte. Er sehnte sich nach der Krise. - Fahren wir in den Kosovo!, schlug er vor. Seine Dramaturgin erschrak. Zu weit, sagte sie, und es klang sehr entschieden. Warum fahren wir nicht nach Frankfurt/ Oder? „Das ist dichter, noch nicht so oft gefilmt und auch die Krise“.

Im Frühsommer 2000 prüfte Andreas Dresen die Dramaturginnen-Idee zum ersten Mal. Allein. Er sah den riesigen LKW-Parkplatz vor der Stadt, Tausende von Trucks in der Warteschleife gen Osten. Wenn es diesen Parkplatz nicht gäbe, würden sich die Trucks wohl bis Berlin zurückstauen. Ein Ort, an dem wirklich alles vorbeigeht. Die Autobahn. Die Schiffe auf der Oder. Die Zeit auch? Und das Leben?

Eine Stadt, zur Festung erklärt und fast ausgelöscht im letzten Krieg, merkwürdig haltlos seitdem. Ein Ort für eine richtig große Sehnsucht. Dresen wusste, dass er angekommen war. Wovon sein Film handeln sollte, wusste der Regisseur ohne Drehbuch immer noch nicht. Aber nun vertraute er der Stadt. Er überließ alles ihr.

Das nächste Mal kamen sie zu viert. Sie sahen wieder den riesigen LKW-Parkplatz vor Frankfurt, und Dresen beschloss, dass in seinem Film eine Frau hier arbeiten würde. 4000 LKWs und eine Frau. Sie sahen den Laden, wo es den West-Ramsch gibt, den die Trucks gen Osten fahren. Sie hörten die Parkplatzwächter-Duschraum-Klagen: Die Russen nehmen unsere Duschköpfe mit! Immer haben wir neue Duschköpfe angeschraubt. Aber nun ist Schluss! - Die Reaktionen des Filmteams standen in auffälligem Missverhältnis zum Gemütszustand der duschkopflosen Parkplatzbetreiber. Sollten sie gleich hier etwas essen bei den 4000 LKW-Fahrern oder erst in der Stadt?

In nicht allzu großen Orten wie Frankfurt läuft man am besten direkt ins Zentrum, wenn man Hunger hat. Dieser Kompass führte Dresen, Prahl und die anderen vor Eberhard U.s Imbissbude auf die halbe Treppe eines vor Leere nur noch halben DDR-Einkaufszentrums in einer irgendwie halben Stadt. Die andere Hälfte liegt ja schon in Polen.

Eine Imbissbude als Herz der Stadt. Vielleicht schauen die Frankfurter deshalb so ungläubig, wenn man nach einem Stadtführer fragt, Buch oder Broschüre, ganz egal. - Nein, sowas haben wir hier nicht, sagte die Frau vom Bahnhofs-Zeitungsstand. Wir hören den Satz noch öfter. Als ob es sich nicht lohnen würde - ein eigener Stadtführer für Frankfurt an der Oder.

Gulasch mit Rotkohl

Aber es gibt doch einen gedruckten Frankfurt-Führer. Luise Endlich heißt die deutschlandweit bekannt gewordene Porträtistin der Stadt und ihr Buch „Neuland. Ganz einfache Geschichten“. Aber bei Luise Endlich tritt Frankfurt nicht als Frankfurt auf, sondern nur als Oststadt. Die Frankfurter haben es trotzdem sofort erkannt. Und sich selbst gleich mit. Das heißt - sie erkannten sich, und sie erkannten sich nicht in den Geschichten der Arztgattin aus „Weststadt“, die in Frankfurt/ Oder den ganzen Tag lang das versuchte, was Arztgattinnen nun mal so machen: schöner einkaufen, schöner Kaffeetrinken, schöner zum Friseur gehen. Aber doch nicht in Frankfurt!

Die Frankfurter mochten Luise Endlichs Geschichten-Stadtführer nicht. Die Buchläden, die heute keinen Stadtführer haben, wollten damals auch nicht Luise Endlich verkaufen. So ging Endlichs „Neuland“ in Frankfurt als Leihexemplar von Hand zu Hand.

Sicher war Luise Endlich nie an Eberhards U.s Imbiss. Aber oben im Einkaufszentrum hat sie es mal mit einem „Managerfrühstück“ versucht. Die beiden Frankfurt-Porträtisten Andreas Dresen und Luise Endlich sind sich nie begegnet, schon weil Dresen wohl nie ein „Managerfrühstück“ bestellen würde und Luise Endlich gewiss bereits beim Anblick einer Curry-Wurst nicht mehr an den Menschen glaubt.

Dass bei Eberhard U. etwas anders war als in anderen Imbissbuden hat der Regisseur und sein Schauspieler gleich gemerkt. Es lag in der Luft. Es lag in den Gesichtern der Männer. Bloß hier keinen Satz mit „über“ sagen. Dass man „über“ Frankfurt einen Film machen wolle. An Orten wie diesem hat man für „Über“-Sätze schnell eine Faust im Gesicht. Also kein Wort mit mehr als zwei Zentimetern Abstand vom Boden. Dass man hier nie mit einer Kamera herkommen sollte, war ihnen augenblicklich klar. Und auch, dass sie genau das wollten.

Die erste Curry-Wurst war gut. Aber die Unterhaltung stockte. Prahl und Dresen lasen den Speiseplan: Bockwurst, Würstchen, Schnitzel, und dann stand es ganz klein unten drunter: Halbe Treppe, Inhaber: Eberhard U.

Halbe Treppe. Das war es. Wohin führen halbe Treppen? Zumindest nie in eine Mitte. Und ganz sicher eher runter als rauf. Man ahnt, dass man an Orten, wo halbe Treppen vorbeikommen, nicht bleiben kann. Und augenblicklich wusste Dresen, wovon sein Film handeln würde. Vom Leben selbst auf halber Treppe. Da wo jeder steht, spätestens wenn er Mitte dreißig ist. Und jetzt kommt nur noch Abstieg. Oder noch mal eine neue Treppe rauf? Und was, wenn man jetzt fällt?

Nicht mal Eberhard U. konnte auf seiner halben Treppe bleiben. Das DDR-Einkaufszentrum ist inzwischen endgültig leer. Das Möbelhaus, der Babyausstatter, alle weg. Und Eberhard U. ist auf die andere Straßenseite gezogen. Kein Wagen mit Zelt davor, sondern diesmal was richtig Festes. Am Eingang läuft man durch weiße Säulen fast ins Meer hinein. Hier war mal ein Italiener drin, sein Wandbild ist noch da. Aber die Penner sehen das Meer nicht mehr. Zwei Tische stehen im Tageslicht, sie sind leer. Der Kneipier und der Regisseur setzen sich ans Fenster. Es ist voller Pflanzen. Alle selbst gezogen, sagt der Halbe-Treppen-Wirt. Er streicht über die Pflanzen, die keiner anschaut.

Mensch, und eine richtige Küche hast du jetzt!, sagt Dresen. Eberhard U. hatte Gulasch mit Rotkohl gemacht. Hamburger Schnitzel mit Kroketten für 3,80 Euro stehen auch auf seiner Speisekarte. Billiger kann er nicht mehr werden. Aber es reicht nicht. Die früher vorbeikamen, nur um schnell etwas zu essen, fehlen ihm heute auf der falschen Seite der Straße.

Wir laufen über die Brücke, die vom geschlossenen Kino „Theater der Freundschaft“ hinüber zum leeren Einkaufszentrum führt. Dorthin, wo die „Halbe Treppe“ früher war. Wie klein das ist, sagt Dresen. Dass man sich mit der Kamera auf diesem Absatz überhaupt umdrehen konnte! Das Gras wächst zwischen den Betonplatten hindurch. Da ist er, sagt Dresen und zeigt auf einen dunklen Rand auf den Beton. Das war er, der Film-Imbiss, die „Halbe Treppe“, das Original.

Genau gegenüber steht das einzige Hochhaus der Stadt, ganz allein, verloren trotz seiner Höhe oder gerade deshalb. Der Imbiss und das Hochhaus - Dresen hat einen richtigen Frankfurt-Downtown-Film gemacht.

Der DDR-Philosoph Lothar Kühne dachte einmal über den Unterschied der alten und neuen Städte nach. Die alte Stadt mit ihrer Mitte aus Marktplatz und Kirche macht die Unendlichkeit endlich, die neue Stadt dagegen setzt die Endlichkeit unendlich, hat er gesagt. Der Oder-Turm muss beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt eine verzweifelte Gegenwehr gewesen sein. Doch er verstärkt nur die Endlichkeit.

Unten im Oderturm ist die Parfümerie. Hier bei Douglas hatte Steffi Kühnert im Film gearbeitet. Die echten Douglas-Verkäuferinnen erkennen Dresen nicht. Eine Parfümerie-Frau, verheiratet mit dem „Halbe Treppe“-Imbissmann, der die Eisbeine zu Hause in der Badewanne zwischenlagert - Dresen mochte die Versuchsanordnung. Die neue Zeit als Differenz der Gerüche. Der eine verfeinert sich, und der andere beginnt schlecht zu riechen. „So war es doch bei vielen nach der Wende.“ Wir warten auf Sätze wie: „Hoide verkoofen wa vor der Gaffederria Moudä und Azzeswars aous Wrangreisch und Idalschn.“ Von Luise Endlich wissen wir, dass alle Frankfurter so sprechen. Die einzige ohne Sprachfehler in Luise Endlichs Buch war sie selbst. Aber die „Douglas“-Verkäuferinnen lassen sich nichts anmerken.

Dresen schaut am Turm empor. Er sieht jetzt in der Oktobersonne nicht halb so verwunschen aus wie im Februar-Frühdunst des Films. Und die Krähen kommen immer erst abends. Dort ganz oben, im 24. Stock war sein „Radio 24“.

Dass ein Journalist in den Turm muss, wusste der Regisseur gleich. „Ich wollte schon immer mal einen Provinzjournalisten zeigen, so eine total gedemütigte Figur, die mal andere Ideale hatte und jetzt voller Neid den „Focus“ liest!“ Dresen lacht. Wir fahren hinauf in den 24. Stock. Von hier sendet „Radio 24“ in „Halbe Treppe“ 24 Stunden lang die Megahits der letzten 24 Jahre, die „Dauerpower vom Power-Tower“. Der Sender-Spruch ist Dresens Schnittmeister eingefallen. Dass der Nicht-Focus-Journalist eine Astrosendung moderieren sollte mit lauter Horoskopen, die dann tatsächlich in Erfüllung gehen, ihm selbst. Oben im 24.Stock, gleich unter den Krähen, ist wirklich eine Radiostation. r.s.2, das Regionalstudio Frankfurt/Oder. Janko Brett moderiert gerade die Nachmittagssendung „Brandenburgs Janko“. Er ist ganz allein. Janko sieht nicht unbedingt aus wie eine „total gedemütigte Figur“, wahrscheinlich wollte er auch nie zum Focus. Die Jalousien hat er heruntergelassen, zu viel Licht, zu viel Landschaft hier oben. Zuerst waren sie bei r.s.2 misstrauisch. Bestimmt stehen diese Filmleute mit ihren Kameras und Scheinwerfern überall im Weg. Aber dann hatten die nur eine Videokamera und wenn sie mehr Licht brauchten, machten sie eben das Licht an.Gegenüber im 24. Stock ist das ultimative Gegen-Restaurant zur „Halben Treppe“. Rotary-Club Frankfurt Oder. Wir müssen hier mal fotografieren, sagen wir dem Kellner. Der nickt vor Überraschung. - Stören wir, sollen wir weggehen?, fragt eine Frau mit Mann am Fenster, das Glas Champagner fest in der Hand. Ist das etwa Luise Endlich? Wir schauen besonders ausführlich über die Oderbrücke hinüber nach Slubice. Die Frau mit Sekt und ihr Mann sind die einzigen Gäste des Rotary-Clubs Frankfurt. Ist eben doch ein sehr proletarisches Volk.

Trotz Kälte im Unterhemd

Jetzt ist der Weg klar. Vom Rotary-Club nach Neuberesinchen. Dort haben die Douglas-Parfümerie-Verkäuferin und der Halbe-Treppe-Imbissmann gewohnt. Eine Plattenbauehe mit zwei Kindern und Wellensittich. Hier sah Luise Endlich aus geöffneten Fenstern Männer lehnen, „trotz Kälte in Unterhemden, manche mit Tätowierungen auf den Armen, die meisten mit einer Zigarette im Mund“.

Wir schauen genau hin. Das mit den aus den Fenstern lehnenden Männern stimmt, aber es sind genau zwei. Wir trauen uns nicht, uns die Tätowierungen zeigen zu lassen.

Ich weiß nicht, was so schlimm sein soll, hier zu wohnen?, sagt das Plattenbaukind Andreas Dresen mehr zu sich selbst. In einer Schweriner Ein-Zimmer-Wohnung ist er groß geworden. Wenn Andreas Dresen nach Neuberesinchen kommt, kommt er auch irgendwie nach Hause.

Nein, er wollte keine Ost-Tristesse zeigen. Er braucht das Schwere nur, um sich das Fliegen beizubringen. Er wollte nicht mal einen Ostfilm machen. Er wollte einen einmaligen Allerweltsfilm mit einer einmaligen Allerweltsgeschichte. Und doch, ahnen wir, hätte kein anderer Frankfurt so sehen können wie er. Denn es ist ein Näheblick. Dresen hatte keine Angst vor dieser Stadt, das verrät ihn. Er macht sie nicht schöner als sie ist, aber er zeigt etwas, das die Stadt selbst noch nicht gesehen hatte - ihre Seele. Und nun wird alle Welt diesen Allerwelts-Frankfurt-Oder-Seelen-Film anschauen, von Brasilien über Frankreich bis nach Indien. Im nächsten Jahr wird Frankfurt an der Oder 750 Jahre alt.

Wir halten vor der Filmwohnung in Neu-Beresinchen. Die ist ja bewohnt, ruft Dresen mit jener Empörung, die jeden überkommt, wenn er merkt, dass bei ihm zu Hause jemand anderes eingezogen ist. Dresen zeigt auf die Spitzengardinen im ersten Stock. Wir laufen ums Haus, auf den Hof, in dem der Imbiss-Buden-Mann und die Parfümerie-Frau an einem kalten Februarmorgen den entflogenen Wellensittich Hans-Peter suchen. - Hans-Peter muss wiederkommen!, hatte Dresen gleich gesagt, schon weil ein Leben ohne Wunder mindestens so trivial wäre wie Horoskope, die nicht in Erfüllung gehen. Dresen schaut auf „seinen“ Balkon. Zwei Sonnenschirme, Sonnenblumen und Herbstchrysanthemen stehen darauf. Nebenan hängt eine Frau Wäsche auf.

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