Zeitung Heute : Die Wüste lobt

Sie bohren nach Wasser und gelten als Freunde des Friedens. Das Nein zum Irakkrieg hat die Deutschen beliebt gemacht. Das spürte Kanzler Schröder auf der Reise in die arabische Welt – und brachte nebenbei Geschäftsabschlüsse mit zurück.

Hans Monath[Abu Dhabi]

Manchmal führt die Außenpolitik den deutschen Bundeskanzler mitten in die Wüste. Mit etwas wackligen Beinen steigt Gerhard Schröder an diesem Dienstagmorgen aus dem Hubschrauber und findet sich auf einem Fleck Erde wieder, der nicht gerade zum Bleiben einlädt. Eine Stunde lang ist er von Abu Dhabi an der Küste des arabischen Golfs ins Innere des Landes geflogen. Durch die Scheiben des Helikopters war all die Zeit kaum ein Baum zu sehen, nur ein paar kümmerliche Sträucher hoben sich ab von einer ockerbraunen Struktur aus Sand, Geröll und Dünen.

Auf der letzten Station seiner viertägigen Tour durch Arabien ist der Gast aus Deutschland nun also an diesem gottverlassenen Ort gelandet, wo das Thermometer schon jetzt um neun Uhr früh auf weit über 30 Grad gestiegen ist. Der Staub, den die Rotorblätter aufgewirbelt haben, legt sich langsam und ein Zelt wird sichtbar, weiter hinten mobile Bohrgestänge. Sie zeigen an, dass es inmitten der Kargheit etwas Wertvolles geben muss in der Wüste Liwa. Nicht Öl, sondern Wasser ist es, wonach eines der reichsten Erdölländer bohren lässt.

Quelle in der Wüste

Nun also stapft der Bundeskanzler mit hohen Würdenträgern der Vereinigten Emirate schwitzend zum Brunnen „GWA-386“ durch den tief gefurchten Sand. Ein deutsches Firmenkonsortium bohrt zusammen mit der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) an vielen Stellen der Wüste nach Grundwasser. Und die heutige Eröffnung der Anlage unweit der saudi-arabischen Grenze soll genau das anschaulich machen, was der Kanzler und seine Berater gern als Botschaft der viertägigen Reise verbreitet sähen: Hier kommt ein Vertreter des Hochtechnologie-Standorts Deutschland, dessen Bewohner Arabien schätzen und bereit sind zum kulturellen Dialog, die überzeugt sind, dass die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert werden müssen, um Konflikte frühzeitig zu verhindern. Und wenn Deutschland dabei ein paar Euro einnimmt – umso besser. Gerhard Schröder legt vor den Kameras den Hebel um. Es funktioniert: Das Wasser strömt in breitem Strahl aus dem schwarzen Plastikrohr, um in einer Fahrspur zu versickern.

Fast genau ein Jahr ist es her, dass Gerhard Schröder in seinem eigenen Land von vielen der Weg in die Wüste vorausgesagt wurde, was freilich nur bildlich gemeint war: Es ging um die von der SPD schon fast verloren geglaubten Bundestagswahl und um den nahenden Irakkrieg. Mit seinem beinharten Widerstand gegen den Konfliktkurs Washingtons und der definitiven Absage an eine deutsche Kriegsaktion gegen Saddam Hussein werde er die Republik ins außenpolitische Abseits führen, lautete damals der Vorwurf. Doch rund eine Woche vor dem Termin in der Wüste Liwa haben sich Gerhard Schröder und George W. Bush in New York die Hand gegeben – ein Zeichen: Beide Seiten wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind.

Das Jahr, in dem Gerhard Schröder die gefährlichste außenpolitische Entscheidung einer Bundesregierung seit Jahrzehnten fällte, hat sich in seinen Augen gelohnt: Die Beziehungen zu den USA sind einigermaßen repariert, das neue Selbstbewusstsein und die neuen Freiheiten bleiben. Das ist auf dieser Reise zu Gastgebern zu beobachten, die dem Irakkrieg auch ablehnend gegenüberstanden. Sie haben es nur nicht so laut gesagt.

Schon am ersten Abend, als Schröder unter den hohen Palmen im Garten der Deutschen Botschaft in Kairo einen Empfang zum 3. Oktober eröffnet, spielt er seine Karte aus: „Unser Land ist souverän und will in den Konflikten dieser Welt eine Frieden stiftende Rolle spielen“, erklärt er auf der kleinen Bühne: „Ich denke, das haben wir in letzter Zeit bewiesen – und das hat die Freundschaft zwischen unserem Land und Ägypten bekräftigt.“ Und dieser „Beweis“ hat, wie sich in den nächsten drei Tagen zeigen sollte, auch die Freundschaft zu Saudi-Arabien und den Emiraten gestärkt. Und fördert zudem aufs Angenehmste die Geschäfte, die der Kanzler als oberster Werber des Wirtschaftsstandorts Deutschland in einem sehr finanzkräftigen Absatzmarkt voranbringen will.

Dass etwa in Saudi-Arabien ausgerechnet britische und amerikanische Produkte immer mehr von deutschen verdrängt werden, fällt den Handelsvertretern aus Deutschland dort schon angenehm auf. Der Vorsitzende der saudi-arabischen Investitionsbehörde, ein Neffe des Königs mit dem imposanten Namen Abdullah bin Faisal bin Turki al Abdullah Alsaud, betont zwar, dass auch Qualität, Verlässlichkeit und wirtschaftliche Potenz eines Herkunftslandes bei privaten und staatlichen Kaufentscheidungen eine große Rolle spielen – übrigens alles Eigenschaften, die seine Landsleute den Deutschen in höchstem Maße zusprächen. Doch gleichzeitig sagt er: „Wenn die Öffentlichkeit den Eindruck hat, dass bestimmte Regierungen mit wichtigen Themen richtig umgehen, kann das sehr helfen.“ Aus arabischer Sicht hat Schröders Regierung eben das getan.

Wenn man genauer hinhört nach den vielen Gesprächen, zu denen Hosni Mubarak, die saudische Königsfamilie oder die Scheichs der Emirate die Deutschen über abgesperrte Straßen in ihre Paläste bringen, ergibt sich eine Ähnlichkeit in der Haltung der Gäste und der Gastgeber gegenüber Washington: Weder die Araber noch die Deutschen wollen mit den Amerikanern brechen. Sie sind zu sehr auf sie angewiesen – auf die Milliardensubventionen wie Ägypten oder auf Sicherheitszusagen wie Saudi-Arabien. Aber immer wieder schimmert der Wunsch durch, die einseitige Abhängigkeit von den USA zu überwinden und ein politisches Gegengewicht in der Region zu etablieren: Doch das ist eine Aufforderung an Deutschland, auf die Schröder zumindest öffentlich nicht direkt eingeht.

Doch zu einer Frage hat sich Schröder am Anfang seiner Reise recht deutlich ausgesprochen. Unter einem „sehr traurigen Stern“ stehe sein Besuch, sagte er in Kairo. Als er am Tag zuvor in Rom das Flugzeug bestieg, erreichte ihn die Nachricht vom Terroranschlag in Haifa, bei dem viele Kinder starben. Er verurteilte die Tat und fand starke Worte des Mitgefühls für die Opfer und die Eltern. Einen Tag später kommt der israelische Vergeltungsschlag – weit hinein in syrisches Staatsgebiet. Auch das verurteilt Schröder auf arabischem Boden deutlich. Der syrische Entwurf für eine UN-Resolution gegen Israel war ihm dann allerdings doch zu unausgewogen.

„Kanzler Köhl“

Hätte Außenminister Joschka Fischer in einer ähnlichen Lage anders gehandelt, wenn er in der Region unterwegs gewesen wäre? Hätte er sich ans Telefon gehängt, Arafat und Scharon beschworen oder sogar wieder einmal seine Reisepläne geändert, um zu vermitteln? Auf jeden Fall hat sich der Chef diesmal selbst eingeschaltet in das schwierige diplomatische Geschäft im Nahen Osten. Fischer hat die Vorarbeit geleistet, Spielräume geschaffen, die viel beschworene Road Map mitentworfen. Nun markiert Schröder seinen eigenen Anspruch. Auf seiner Reise nach New York erklärte er salopp, um die Einzelheiten der Irak-Resolution kümmerten sich die Außenminister – als sei das eine Kleinigkeit.

Vielleicht gibt es im Moment auch wichtigere Fragen. Denn obwohl Schröders Reise seinem Land mehr Anerkennung, neue Geschäftsabschlüsse und vielleicht auch mehr Einfluss in Arabien eingebracht haben dürfte, gab es auf einem wichtigen Feld keine Fortschritte: Einen Hebel, mit dem man die verfahrene Situation zwischen Israelis und Pa lästinensern aufbrechen könnte, haben die Gesprächspartner nicht gefunden.

Bei der Pressekonferenz in Kairo hatte ein arabischer Dolmetscher Schröder zwei Tage zuvor versehentlich mit „Kanzler Köhl“ angesprochen. Blühende Landschaften hat Schröder in der Wüste aber nicht versprochen.

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