Zeitung Heute : "Die Wüste Lop Nor": Wo die Dünen singen

Hauke Hückstädt

Man muss, um Raoul Schrott zu treffen, seine Wege kreuzen. Es scheint, als seien die Routen und Stationen seiner Biografie nur die Konsequenz aus der Neugier und dem Forschungsdrang dieses Autors. Weniger die Stempel in seinen Pässen als die Bücher, die er in den vergangenen fünf Jahren vorlegte, sprechen dafür. Erst 36 Jahre alt und doch schon ein alter Hase, schlägt Schrott literarische Haken, gegen die die junge deutsche Golf- und Autobahnprosa alles andere als abwechslungsreich erscheint. Zurzeit hat er die südirische Wohnhaft in Cappaghglass seiner österreichischen Heimat vorgezogen. Aber man wird nie so genau wissen können, wo oder vielmehr woran er sich gerade befindet.

Im Frühjahr noch seine Euripides abgelauschten "Bakchen" und nun mit "Die Wüste Lop Nor" eine Novelle. Zuvor und innerhalb von 5 Jahren zwei Gedichtbände - "Hotels" und "Tropen", der Landschafts- und Todesroman "Finis Terrae", ein Buch über "Die Musen" sowie seine Grazer Poetikvorlesungen. Und mit der "Erfindung der Poesie" unternahm er 1997 Rekonstruktionen von Dichtungen aus den ersten 4000 Jahren. Daneben erschien ein Auswahlband mit Borges-Gedichten, die Einsteiger-Lyrik-Box "Fünf Minuten Gedichte" oder zuletzt Übersetzungen der britischen Lyrikerin Lavinia Greenlaw (Schreibheft-54).

Schrotts Agilität zwischen den Formen, Sprachen und Epochen, seine Faszination für Naturwissenschaften und deren Instrumentarien, haben im Gespräch mit der Kritik oft eine didaktisch anmutende Konzeptionalisierung seiner Arbeit zu Tage gefördert. "Die Poesie aber", so der Autor, und das trifft ausgerechnet auf "Die Wüste Lop Nor" zu, "lebt davon, dass sie aus erster Hand kommt und dass sie sinnlich ist."

101 Kapitel erzählen von Raoul Louper, einem melancholischen Mittvierziger. Die Sprache, ihr Ton und damit die Darstellung ist spiegelstrichartig verknappt, sentenzartig. Im Flattersatz hängen die sparsamen Sätze aneinander. Zuweilen wird der Zeilenfluss wie im Gedicht durch Absätze aufgehalten. Louper ist "Halbjude", geboren auf einer Insel im Golf von Toulon, und bewohnt gegenwärtig, das heißt in der Gegenwart des namenlosen Ich-Erzählers, das obere Stockwerk eines Hauses am Rande der Wüste, nahe des ägyptischen Alexandria. Er ist in seiner Gleichgültigkeit ein entfernter Verwandter von Frischs "Passenger Faber". Doch es sind singende Dünen und die Suche nach ihnen, die ihn aufrufen, in Bewegung halten: "This is our last call."

Die Zahl Drei zieht sich durch diese Novelle. Am Anfang sind es Dinge, die auf dem Fenstersims liegen: ein Pinienzapfen, ein Cri-Cri und ein Stein. "Das ist alles, was ihn an die drei Frauen, mit denen er einmal zusammen war, erinnert." Francesca, Arlette und Elif und wiederum drei Orte: Grosseto, Quimper, Iquito. Es sind drei Lieben, deren Sollbruchstellen die unvollkommene Gleichzeitigkeit von Nähe und Abstand ist. Der stockende Sex, ein Luxus intakter körperlicher Ökonomien, erzählt davon wie die Parabeln, die Schrott Louper sich zweimal ausdenken lässt. Mit allen drei Frauen "verbindet Raoul eine Heimat, ohne sie zu finden." Doch auch die Reisen, von denen nur Aufbruch oder Ankunft künden, und in die Louper sich flüchtet, tragen ihm etwas auf oder bringen "an manchen Stellen eine Leere zum Vorschein". Den Anwehungen des Lebens steht die Bildlichkeit von Naturerscheinungen gegenüber. Manchmal sind es winzige Steine des Anstoßes - ein Kiesel, ein Busch, ein Termitenhügel, "dem Wind genügt das".

"Die Wüste Lop Nor" ist ein poetisches Expeditionstagebuch aus den Wüsten der Kontinente. Schrott hat sie dem Buch im Anhang als Kartenwerk eingezeichnet: Kalahari, The Mountain of the Bell in Mexiko, die nordchinesische Wüste Lop. Als Louper einmal zuviel getrunken hat, gesteht er: "Anderen wird die Welt über andere Orte, andere Dinge zu einem." Ihm ist es der Sand, den man lostritt, rauschend, aus dem sich ein Laut löst, "ein Omen, wenn man es so nennen will." Das Buch schreibt auch eine Enzyklopädie der Geräusche. In Kairo erzählt Louper dem ungarischen Professor Török in Gegenwart des Ich-Erzählers davon. Zu dritt reisen sie zu Tagungen. Louper selbst jedoch zeigt kein gesteigertes Interesse an historischen Berichten, Legenden und Mythen von singenden Dünen. Mit den Büchern sei es wie mit den Sprichwörtern: "Sie stimmen alle und widersprechen sich dadurch."

Am Ende, nach der Durchquerung der Wüste Lop, bei der die Reisenden den Trugbildern aus Dunkelheit und Sand zum Trotz bestrebt sind, sich nicht aus den Augen zu verlieren, hat Louper auch seine dritte Liebe aufgegeben. Und "etwas in ihm wird ganz, anderes sinkt ab." Die märchenhafte Zahl Drei - drei Prüfungen, drei Aufgaben -, sie mag hier für die Überwindung von Entzweiung stehen. Schrotts Novelle, aufgeschrieben wie etwas, das man nicht in Bibliotheken erfahren kann, "handelt" nicht, sie hält fest, ohne jedoch Antworten zu diktieren. Stattdessen stellt sich die schöne Ahnung ein, dass es ein poetisches Zusammenspiel gibt von Mystik und Rationalität. "Wir können uns den Begriff Schönheit", so war kürzlich von diesem Autor zu hören, "absolut leisten."

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