Zeitung Heute : Die Wunderwaffe gibt es nicht

ROBERT BIRNBAUM

Das mag uns Heutigen zynisch erscheinen.Aber wer Krieg führt, kommt nicht um Fragen herum, die sich auch jeder Schachspieler stellen muß: Welche Figuren habe ich? Welche Züge sind möglich? Wie reagiert der Gegner? Großmeister unterscheiden sich von Anfängern darin, daß sie nicht den möglichst raschen Königsweg zum Ziel suchen, sondern sich Optionen offenhalten.Was die NATO bisher gegen Slobodan Milosevic vorführt, erinnert aber eher an eine Anfänger-Partie.Die Allianz hat sich vom jugoslawischen Präsidenten in eine Situation treiben lassen, in der der Westen in seinen Zügen nicht mehr frei ist, sondern auf die Vorgaben aus Belgrad reagieren muß.Was Wunder, daß der Ruf nach einem Befreiungsschlag laut wird.Die angebliche Wunderwaffe heißt Bodentruppen.

Die NATO hat sich bisher geweigert, Kampfverbände am Boden zu entsenden.Die Weigerung hat gute sachliche und nicht ganz so gute politische Gründe.Gemessen an dem erklärten Kriegsziel, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, ist der Verzicht eigentlich unlogisch: Die Albaner im Kosovo werden nicht von Panzerarmeen und Infanterieverbänden vertrieben, sondern von relativ kleinen Gruppen Bewaffneter, die mit Kalaschnikow und Messer Schrecken verbreiten.Diese Grüppchen hält kein Tornado-Jet auf, sie brauchen keine Logistik, selbst Apache-Kampfhubschrauber können ihnen nichts anhaben.Wer verhindern wollte, daß derlei Haufen - ob reguläre Streitkräfte, Sonderpolizei oder marodierende Banden - Dörfer und Städte entvölkern und niederbrennen, müßte das Kosovo erobern.

Die Allianz hat diese Variante nicht ernsthaft ins Auge gefaßt.Die Politiker scheuten die eigene Öffentlichkeit, aber auch Unwägbarkeiten wie etwa die Haltung Rußlands.Außerdem hätte ein Bodenkrieg jede Chance verbaut, das Kosovo-Problem noch politisch zu lösen.Die Militärs haben obendrein ausgerechnet, daß sie an die 200 000 Mann brauchten, um das Gebiet von der Größe Hessens freizukämpfen.

Daß der Westen von vornherein auf Bodentruppen verzichtet hat, ist freilich einer der Gründe, weshalb Milosevic einstweilen überlegen wirkt: Er hat mehr Optionen.Seine militärische Infrastruktur versinkt in Trümmern, aber handlungsunfähig wird er leider nicht.Denn - und das ist der andere Grund für die schwierige Lage der NATO - Milosevic hält sich an keinerlei Regeln.Das Ergebnis ist furchtbar: Die humanitäre Katastrophe ist da, Hunderttausende sind auf der Flucht, bedroht vom Hungertod und umherziehenden Mörderbanden.Dörfer brennen, Menschen sterben.Und der NATO läuft die Zeit davon.

Was tun? Jetzt doch noch Bodentruppen schicken? Aber für einen Großeinsatz ist es längst zu spät: Wochen, Monate würden vergehen.Mancher denkt darum über eine kleinere Lösung nach, um wenigstens noch etwas vom ursprünglichen Kriegsziel zu retten: Ein Schutzzonen-Konzept nach dem Vorbild des Irak.Tatsächlich spricht auf den ersten Blick einiges dafür.Ein paar zehntausend Mann könnten genügen, um im Kosovo einen Flüchtlingskorridor abzusichern.Nur - was änderte das? Im Irak machten Schutzzonen Sinn, weil die Kurden nicht in Nachbarländer flüchten konnten.Und sie wurden eingerichtet, nachdem Saddam Hussein besiegt war.Auch in Bosnien gab es Schutzzonen - aber ebenfalls erst nach dem Waffenstillstand.Im Kosovo würden sie heute keins auch nur der praktischen Probleme lösen, geschweige denn der politischen: Nicht das der Vertreibung, nicht das der Versorgung der Flüchtlinge, nicht das des Terrors im übrigen Land.

Die Wahrheit ist, daß die NATO sich in der Wahl ihrer Mittel beschränkt hat und diese Schranken nicht mehr nachträglich durchbrechen kann.Ihr bleibt nichts anderes als die Hoffnung, daß diese Mittel sich am Ende doch als ausreichend erweisen.Im Schach gibt es die Möglichkeit, daß ein einfacher Soldat sich in eine zweite Königin verwandelt, wenn es ihm gelingt, ins gegnerische Lager durchzumarschieren.Solche Wunderwaffen existieren im wirklichen Krieg nicht.Das ist eine schwer erträgliche Erkenntnis.Aber auch beim Schach können die Figuren nicht mitten in der Partie neu aufgestellt werden.

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