Zeitung Heute : Die Wurzel allen Übels

Wie die Kolonialherren Ruanda entdeckten und nach ihren Vorstellungen formten – und wie das die Grundlage für den Hass geschaffen hat

C. Reichart-Burikukiye

Als die ersten Deutschen nach Ruanda gelangten, waren sie fasziniert. Während es die Reisenden auf ihrem Weg ins Zwischenseengebiet oft mit afrikanischen Gesellschaften zu tun hatten, die ihnen unüberschaubar erschienen in der Verteilung von Zuständigkeiten, stellte sich ihnen die ruandische Gesellschaft als strukturiert und übersichtlich dar. Es gab einen König, es gab einen Hofstaat, es gab Bauern. Eifrig machten sich die Besucher daran, sie zu beschreiben und zu klassifizieren. „Wir finden streng getrennt die herrschende Klasse, die Watussi oder Wahuma und die niedrig geborenen, die Wahutu. Die Watussi haben alle Gewalt in Händen, während die Wahutu ziemlich rechtlos sind und so gut wie keinen eigenen Besitz haben,“ schrieb ein Besucher

Die deutschen Reisenden hatten jedoch nicht nur Fotoapparate im Gepäck. Um die Jahrhundertwende im nationalen Taumel und selbst auf der Suche nach ihren historischen Wurzeln, brachten sie ganz genaue Vorstellungen mit. Sie passten das, was sie sahen, der Kategorie an, die in Europa und in Deutschland gerade Hochkonjunktur hatte: der Rasse. So werden die „Tutsi“ geboren, ein „äußerst schönes, ansehnliches Volk, nicht nur unter Negern, sondern auch unter den kritischen Augen des Europäers. Hoch und schlank gewachsen, mit wundervoll gebildeten Händen und Füßen“, sprechen ihnen die europäischen Beobachter vor allem die Fähigkeit zu herrschen zu. Die „biblischen Charakterköpfe mit ausdrucksvollen Gesichtern und sicherer, ja vornehmer Art, sich zu bewegen, ließen fast vergessen, dass man sich unter Negern befand.“ Demgegenüber fand man die große Masse der „ausgesprochenen Neger, mit den wulstigen Lippen und der platten Nase“, Ackerbauern, die von den Tutsi beherrscht wurden.

Die europäischen Beobachter sind in ihren Schlussfolgerungen nicht zimperlich. Zügig ordnen sie die Tutsi zu einer Rasse, die im 15. Jahrhundert aus dem Norden eingewandert sei, also gar keine richtigen Afrikaner seien, sondern Hamiten, den Kaukasiern verwandt und somit fast Europäer. Auf diese Weise erklären sie sich auch die hoch komplexe ruandische Gesellschaft. Nur durch den Einfluss der fremden, eingewanderten Rasse, den Tutsi, sei es möglich, eine so hoch entwickelte Kultur zu finden. Kurz gesagt, eine gesellschaftliche Entwicklung in Afrika sei nur durch den Einfluss, möglichst die Herrschaft, eines eingewanderten Volkes möglich.

Diese Deutung wurde für die Ruander erst bedeutungsvoll, als sie von der deutschen Kolonialmacht in eine administrative Wirklichkeit umgesetzt wurde. Die Deutschen setzten Chiefs ein, die dazu nur berechtigt waren, weil sie Tutsi waren. Tutsi wurden beim Zugang zu den entstehenden Missionsschulen bevorzugt und erhielten so später Posten in der kolonialen Verwaltung.

Dass dabei immer wieder Verwirrung entstand, zeigt sich in einer Maßnahme der nachfolgenden belgischen Verwaltung: Sie teilten in den zwanziger Jahren Hutu und Tutsi eine ethnische Identität zu, die im Ausweis vermerkt wurde. Hutu waren jene, die weniger als zehn Rinder besaßen, Tutsi jene, die mehr als zehn Rinder zu ihrem Besitz zählten. So war eine sehr komplexe Gesellschaft innerhalb von wenigen Jahrzehnten ethnisiert worden: Man hatte erst die sichtbaren sozialen Differenzen mit sichtbaren körperlichen Unterschieden gleichgesetzt und danach in Rassen aufgeteilt.

Die Bevorzugung der Tutsi durch die koloniale Verwaltung setzte sich während der gesamten Kolonialzeit fort. Als in den 50er Jahren eine Bildungselite aus vornehmlich Tutsi herangewachsen war, die sich politisch organisierte und die Selbstverwaltung Ruandas forderte, entzog die Kolonialverwaltung den Tutsi ihre Zuneigung und entdeckt die soziale Ungerechtigkeit, unter der die Hutu als Abhängige von den Tutsi gelebt hatten. So kam es 1959 mit belgischer Unterstützung zur sogenannten Hutu-Revolution, bei der Tausende von Tutsi getötet wurden oder fliehen mussten. Auf diese Ideologie stützten sich auch die Völkermörder von 1994.

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