Zeitung Heute : Die zarteste Versuchung seit es… …Debatten gibt: CONTRA PRO Zwetschkenröster

Politiker wollen die Schoko-Zigarette verbieten lassen, weil sie angeblich Kinder in potenzielle Nikotinsüchtige verwandelt. Wir diskutieren mit. Von Kurt Jäger

Norbert Thomma

BERLINER SPITZENKÖCHE VERRATEN IHRE TRICKS

Man sollte nicht jedes Mal bei Adam und Eva anfangen, stimmt’s? Das langweilt. Aber in diesem Fall geht es nicht anders. Weil das Thema ist: verboten. Also, Gott sagte über den Baum der Erkenntnis: Finger weg von den Früchten! Eva klaut Apfel (oder Banane, für unseren Fall egal). Adam isst Apfel (oder Ananas), Vertreibung aus Paradies, später Kain und Abel uswusf.

Was lernen wir davon? Verbote helfen nichts. Wenn nicht einmal auf IHN gehört wird! Gott bewahre! Im Gegenteil ist es doch so, das Verbot fördert die Lust. Verbote machen rattenscharf. Nur mal so als Beispiel: Prohibition und Zölibat. Aus der Prohibition erwuchs die Macht der Mafia und aus dem Zölibat auch nichts Rechtes.

Jetzt soll die Menschheit auf Matthias Berninger hören. Was bei Gott nicht geklappt hat, soll bei einem Staatssekretär von den „Grünen“ hinhauen. Berninger also ruft: Finger weg von Zigaretten aus Schokolade! So werden Kinder zu Rauchern erzogen! Das sei wissenschaftlich erwiesen. Totaler Blödsinn, das. Weil ein Gutachten kriegst du heute gegen Geld an jeder Ecke.

Und wenn schon, wo soll das enden? Verbot der Vollmilch-Weihnachtsmänner? Weil der Verzehr macht Kinder zu Kannibalen? Oder Verbot von Katzenzungen mit Nougatfüllung. Weil das Abbeißen von Zungen als lustvolle Erfahrungen macht aus dem Kind einen Hannibal Lector. Ja, ja, Herr Berninger, so stellen Sie sich das vor.

In Wahrheit lutschen Jungs an Schokoladenzigaretten, weil sie groß und männlich wirken wollen (ähnlich wie breitbeiniges Stehen). Sobald Jungs in das Alter kommen, wo sie sich rasieren müssen, hört das mit den Schokokippen automatisch auf. Man kann das an jeder Ecke beobachten. Bei Mädchen funktioniert es anders, aber auch. Außerdem macht Schokolade glücklich und entspannt. Das liegt chemisch an der Kakaobohne und dem Zucker. In beiden sind Botenstoffe, die aufs Hirn zielen wie Mohn und Hanf, das ist wissenschaftlich erwiesen. Große Zufriedenheit bei den Kindern. Besser als Prozac. Wer kann das nicht wollen?

Herr Berninger will das nicht. Die Folge wären Schoko-Dealer am Bahnhof Zoo und in der Hasenheide. Kinder kommen nach der Schule vorbei und es zischelt: „Super Zartbitterkippe, ey.“ „Geile 70 % Kakaomischung zum Selberdrehen.“ Kein hübscher Gedanke. Grüne Staatssekretäre sollen sich um Tempo 100 kümmern.

Von Harald Martenstein

Im Alter von fünf Jahren habe ich meine erste Packung Schokoladenzigaretten – wie sagt man da eigentlich? Geraucht? Gegessen? Bereits beim ersten Mal habe ich tief inhaliert. Es war ein Geschenk meiner Oma, der härtesten „Ernte 23“-Raucherin der Geschichte. Natürlich wurde später ein Raucher aus mir. Immer, wenn ich Zigaretten sah, dachte ich: „Mmmmm, süß.“ Oder ich dachte an meine Oma, wie sie in ihrer Küche sitzt und sich eine „Ernte“ nach der anderen ’reintut. Sie war in ihrer Jugend Balletttänzerin, später Nachtklubtänzerin. Da durfte sie wenigstens rauchen.

Ich suchte immer wieder nach dieser Süße, der Süße der ersten Schokoladenzigarette. Es gab flachovale ägyptische Filterlose, die süß schmeckten: „Finas“. Es gab Bidis, dünne, süßliche Stengel, aus Indonesien oder so, von denen man am liebsten abgebissen hätte. Oder die russischen Pappirossi, mit langem Pappmundstück, das man in süßen Kaffee oder Mandellikör tunken konnte. Ich rauchte alles. Auch Pfeife. Der Tabak schmeckte nach Vanille.

Der süße Rauch zog Fäden und Schlieren, er war wie Brei. Luftbrei. Das kann man doch alles nicht erlauben.

Später rauchte ich 60 Zigaretten. Aber es war nicht gut, es schmeckte nicht. Ich gewöhnte es mir ab, und wieder an, und wieder ab, und wieder an. Jedesmal, wenn ich Schokolade sah, musste ich daran denken. Statt zu rauchen, aß ich Schokolade und wurde fett wie ein Hamster. Also rauchte ich wieder. Zigarren und Zigarillos. Es gibt süße Sorten. Sie sind so süß, dass man in sie hineinkriecht. Man zieht so fest an ihnen, dass einem die Lunge platzt. Ich rauchte 30 Stück am Tag, und meine Zunge war angeschwollen wie eine Rinderzunge, sie hing vorne rotglühend aus dem Mund heraus und schlappte wie ein Schwamm auf den Tisch vor mir.

Nein, das kann man nicht erlauben.

Ich drehte Fahrscheine zu Rollen und steckte die Papierrollen in den Mund. Nach einer Weile schmeckt es süß. Ich kaute auf Zahnstochern herum. Ich kaute Kaugummi. Dann entdeckte ich den Reiz der Schärfe. Das Scharfe und das Süße sind Schwestern. Unmöglich zu entscheiden, welche die Schönere ist. Tabasco, Curry, Fisherman’s Friend,Cayenne. Grüner Meerrettich, zum Sushi. Die meisten lassen ihn stehen, aber man muss ihn restlos aufessen, man muss genießen, wie er alles wegbrennt. Im Film „Gladiator“ hält einer seine Hand in die Flammen und lacht der Hölle ins Gesicht, grüner Meerrettich ist ganz genauso. Und gleich danach etwas Süßes. Es ist wie Sauna, heiß und kalt. Das kann man nicht erlauben, niemals, es muss dringend verboten werden.

Vier Millionen Zuckerkranke in Deutschland! 5000 Erblindungen jährlich! 44 000 Fußamputationen! Jedes Jahr, 44 000. Pizza ist übrigens gesünder als Obst, das hat ein Wissenschaftler herausgefunden. Esst Pizza mit Schokoladenzigaretten drauf. Und viel Tabasco dazu. Ein rauschendes Fest, und am nächsten Morgen, wenn wir lebenssatt aus den Federn kriechen, verbieten wir’s.

Kaiserschmarrn hatten wir ja schon einmal. Dazu braucht man unbedingt Zwetschkenröster, eine Art Zwetschgenkompott. Das Wort „Röster“ kommt daher, dass die Früchte drei Stunden lang köcheln. Die müssen richtig weich sein, dann ist der Geschmack intensiver. Also: reifes Obst kaufen, halbieren, Steine raus. Etwas Zucker und ein Esslöffel Wasser in den Topf, leicht karamelisieren lassen, Zwetschgen dazugeben und, je nach Laune, Rotwein oder Saft angießen. Zimtstange und Nelke sind auch prima, und ich schmecke mit etwas Rum ab. Und ein Stückchen Butter, ich gebe immer ein wenig Butter dazu, ich liebe den Geschmack – und Fett und Alkohol sind ja generell Geschmacksträger.

Nun den Deckel drauf und bei niedriger Hitze köcheln lassen. Ab und zu rühren und gucken, ob Flüssigkeit fehlt. Danach sind die Zwetschgen praktisch zerfallen. Fertig.

Das serviere ich kalt - nicht eiskalt, bei Zimmertemperatur, zum heißen Schmarrn. Die Kombination heiß-kalt ist ja bei jedem Essen wunderbar. Den Röster können Sie monatelang aufbewahren: Direkt nach dem Kochen in ein kleines Marmeladenglas füllen, Deckel drauf, auf den Kopf stellen, nach fünf Minuten umdrehen, schon ist er vakuumiert.

Kurt Jäger ist Chefkoch im Harlekin im Grand

Hotel Esplanade in Berlin

…UND DAS GLAS DAZU

Wie das Paradies aussieht, davon gibt’s ja viele Vorstellungen. Unser Paradies hat Schrauben, heißt C. Adolph und liegt am Savignyplatz. Hausnummer 3. „Hausrat, Eisenwaren, Bühnenzubehör“ steht draußen an den Fenstern. C. Adolph ist ein echter Haushaltswarenladen von anno 1898, in dem man richtig bedient wird. Wenn man will. Oder man macht es so wie der junge Mann, der gerade auf einen Schlüssel wartet: „Ich guck mal rum, ich find schon was.“

Natürlich findet man auch Einweckgläser für den Zwetschkenröster. 2,50 Euro kostet das stabile Glas, das aus Frankreich kommt, ein halber Liter geht da rein. Zum Einwecken bestens geeignet. Das ist in der Haute Cuisine grade große Mode. kip

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