Zeitung Heute : Die Zeichen der Kunst in allen Epochen

Die Ausstellung „Hieroglyphen um Nofretete“ spürt den Bildchiffren nach - mit Beispielen azs den Museen am Kulturforum

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Am 28. Februar schloss das Ägyptische Museum in Charlottenburg, um auf die Berliner Museumsinsel zurückzukehren. Dort wird die Sammlung vom 3. August 2005 an im Alten Museum zu sehen sein. Die Büste der Nofretete wird jedoch ohne Unterbrechung den Besuchern zur Verfügung stehen – an ungewohntem Ort und in einem unerwarteten Kontext. Vom 2. März bis 2. August ist sie der Mittelpunkt der Sonderausstellung „Hieroglyphen um Nofretete“ am Kulturforum Potsdamer Platz.

Nofretetes Gastspiel in der Nachbarschaft der Neuen Nationalgalerie, des Kupferstichkabinetts, der Kunstbibliothek, der Gemäldegalerie und des Kunstgewerbemuseums ist Anlass, den Begriff des Hieroglyphischen nicht nur ägyptologisch zu verstehen, sondern in den erweiterten Horizont des Zeichenhaften in der Kunst zu stellen. Mit Werken der Nachbarmuseen wird dem Hieroglyphischen nachgespürt – in der Emblematik der Renaissance in Albrecht Dürers Ehrenpforte für Maximilian I., in der Allegorik der barocken Malerei bei Maerten van Heemskerck, in der Symbolhaftigkeit bei Philipp Otto Runge, die er selbst „hieroglyphisch“ nennt, in den Bildchiffren der Moderne bei Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee und schließlich in der Zeichenhaftigkeit der Bildsprache von A. R. Penck und Cy Twombly. Die Berliner Büste der Königin Nofretete als Hieroglyphe für Altägypten, als Verdichtung einer dreitausendjährigen Kultur zur Chiffre, die jeder als „Ägypten“ zu lesen weiß, tritt in ein Spannungsfeld, dessen Exponenten aus der Ungewöhnlichkeit der Konstellation neue Betrachtungsebenen gewinnen.

Diese Präsentation in der oberen Ausstellungshalle des Kulturforums erfährt in der unteren ihre ägyptologische Fundierung. In zahlreichen Originalobjekten erschließen sich Schrift und Schriftlichkeit als Grundlagen der altägyptischen Kultur. Die altägyptischen Schriftarten, die funktionalen Orte der Schrift von Verwaltung und Wirtschaft bis zu Kult und Magie, die Gattungen der altägyptischen Literatur werden in Handschriften und in Texten auf Statuen, Stelen und Alltagsgegenständen vorgestellt.

Die Ägypten-Rezeption seit der Renaissance und die Entzifferungsgeschichte der Hieroglyphen runden das Thema ab. Nicht nur die reichen Bestände der Kunstbibliothek und des Kupferstichkabinetts – darunter eine Ansicht von Kairo mit Pyramiden und Sphinx von 1517 – verleihen dieser Abteilung der Ausstellung ihren besonderen Reiz, sondern auch die Rolle Berlins in der Entzifferungsgeschichte, in der Richard Lepsius als Vollender des Werkes von Jean-François Champollion und das „Altägyptische Wörterbuch“ an der Berliner Akademie Meilensteine darstellen. Dieser Ausstellungsteil wurde vom Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst München erarbeitet, und aus München kommt auch ein Teil der Exponate.DW

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FRANCESCO COLONNA (1)

Liebesroman mit

Holzschnitten

Bis heute ist die Identität des Autors der „Hypnerotomachia Poliphili“ nicht endgültig geklärt. Überwiegend wird der Dominikanermönch Francesco Colonna als Autor genannt, jüngere Zuschreibungen nennen auch den Dichter und Humanisten Giovanni Pico della Mirandola oder Lorenzo de Medici il Magnifico als mögliche Verfasser. Der allegorisch-mythologische Liebesroman schildert den Irrweg des Helden Poliphilo zu seiner Geliebten Polia. Auf seinem Weg durch eine antike Ruinenlandschaft werden ihm Baudenkmäler, Gemmen und Medaillen erklärt. Die Erzählung gerät so zu einem Traktat über die antike Kultur, Mythologie und Baukunst. Das mit 172 Holzschnitten geschmückte Buch enthält zahlreiche nur dem Eingeweihten verständliche hieroglyphische Bilderschriften. Da man auch die pythagoreischen Symbola, die Metaphern und Allegorien der Alten, die biblischen Sinnbilder den Hieroglyphen gleichstellte, war die angewandte Hieroglyphik der Renaissance eine reizvoll verworrene Mischung aus ägyptischer Bilderschrift und pythagoreischer Symbolik, antiker Mythologie und kabbalistischer Zahlenmystik, alttestamentlichen Motiven und mittelalterlicher Allegorese. Ihr Hauptbuch ist die „Hypnerotomachia Poliphili“, zugleich ein Höhepunkt der italienischen Buchkunst um 1500. Zu den wenigen Käufern des Buches zählte Albrecht Dürer, der es am Ende seines zweiten venezianischen Aufenthalts für einen Dukaten erwarb. BE

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ALBRECHT DÜRER (2)

Moderne

Hieroglyphen

Die panegyrische Inszenierung Maximilians ist ein Geheimbild. Sie gipfelt in dem Porträt in der Kuppelzone, dessen Sinnbilder fast alle der spätantiken Schrift des Horapollon über Hieroglyphen entstammen. Der Hund mit Königsbinde wurde als „fuersichtigster Fürst“ gedeutet, der Drache auf der Krone als Zeichen des Ruhms, der strahlenförmig vom Himmel fallenden Tau als Gaben der Natur, mit denen Maximilian gesegnet sei, und die von selbst durch das Wasser gehenden Füße als Hinweis darauf, dass das Zusammentreffen all dieser Vorzüge in einer Person vordem für unmöglich gehalten worden sei. Die Umdeutung des gallischen Hahns, also eines Wappentiers, als sinnbildlicher Verweis auf den Sieg über Frankreich, folgt der zeitgemäßen Tendenz, moderne Hieroglyphen zu schaffen. Das Interesse des Kaisers an der Thematik hatte auch dynastische Gründe: Der Habsburger führte seinen Stammbaum bis zu Hercules Aegypticus, dem Sohn des ägyptischen Gottes Osiris, zurück. TK

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MAERTEN VAN HEEMSKERCK (3)

Die Anmaßung

des Momus

Das Bild zeigt jene Figuren, die in einem berühmten Dialog des antiken Dichters Lukian begegnen. Im Wettstreit darum, wer das vollkommenste Kunstwerk erschaffen könne, hatte Neptun einen Stier gestalten lassen – bei Maerten van Heemskerck ist es ein Pferd –, Vulkan einen künstlichen Menschen und Minerva ein Haus, im Bildhintergrund zu sehen als Palast mit von Sphingen und Obelisk geschmücktem Garten. Momus, der Gott der Nörgelei, tadelt all diese Leistungen, besonders aber Vulkans Werk: Sein Mensch habe kein Fenster in der Brust, wie es nötig sei, um die Gedanken lesen zu können. Die lateinische Inschrift am unteren Bildrand beschreibt in direkter Rede die anmaßende Haltung des Momus. BL

KPM BERLIN (4)

Luxuriöse

Duftvase

Die Duftvase ist ein für die Zeit um 1800 typischer Luxusgegenstand. Sie besteht aus einem kugeligen Körper und einem zylinderförmigen breiten Hals, der von einem flachen Deckel mit Duftlöchern abgeschlossen wird. Als Vorlage für diese Form dürfte die Entwurfszeichnung für eine ägyptisierende Vase von Hubert Robert gedient haben, die als Radierung seit 1767 mehrfach veröffentlicht wurde. Beim Ornament vermischen sich Motive unterschiedlicher Herkunft: Der Säulenstumpf und der Deckelgriff sind dem klassisch antiken Formenrepertoire zuzuordnen. Beide Löwenmasken und das um den Vasenhals geschlungene Band mit Hieroglyphendekor verweisen deutlich auf Ägypten. Reiche Blumenmalerei bedeckt den bauchigen Körper – die hiesigen Blumen und die Farbigkeit der Vase entsprechen dem zeittypischen Stil des Klassizismus, speziell dem der Königlichen Porzellanmanufaktur in Berlin. Die Vase muss im Zusammenhang mit der Begeisterung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. für die ägyptische Kultur gesehen werden.JH

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PAUL KLEE (5)

Tänzelnde

Gänseliesl

Im Angesicht einer tödlichen Krankheit besann sich Paul Klee zurück auf die Ursprünglichkeit des bildnerischen Gestaltens, wie er sie in Kinderzeichnungen und so genannter primitiver Kunst ausgedrückt sah. Die freie Setzung der kräftigen schwarzen Glyphen erinnert an Schriftzeichen, lässt sich jedoch auch als Bildmotiv unterschiedlich lesen. Was aus der Draufsicht eine Art Stadtplan sein könnte, wird als Ansicht zum Vexierbild einer tänzelnden Gänseliesl. Die Leichtigkeit und Unbeschwertheit der Jugend verbindet sich mit der schwarzen Farbe des Todes. Für Klee war das Elementare der Schöpfung essenziell: „Die Kunst geht über den Gegenstand hinaus, über den realen wie den imaginären. Sie spielt mit den Dingen ein unwissend Spiel. So wie ein Kind im Spiel uns nachahmt, ahmen wir im Spiel den Kräften nach, die die Welt erschufen und erschaffen.“ DS

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