Zeitung Heute : Die Zeichen der Zeit

Wer Chinesisch spricht, hat auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen. Kultur und Etikette sind aber ebenso wichtig

Exotisch klingt die chinesische Sprache für unsere Ohren – ist aber gar nicht so schwer zu lernen. Die Schriftzeichen dagegen erfordern viel Übung. Sogar chinesische Schulkinder lernen in der Regel nur gut die Hälfte der über 6000 Zeichen. Foto: picture-alliance/dpa
Exotisch klingt die chinesische Sprache für unsere Ohren – ist aber gar nicht so schwer zu lernen. Die Schriftzeichen dagegen...Foto: picture-alliance/ dpa

Chinesisch ist eine Weltsprache – auch wenn sie für europäische Ohren exotisch klingt und ihre Schriftzeichen kompliziert wirken. Wer es versucht, stellt aber schnell fest, dass es gar nicht so schwer ist, sie zu lernen. Die internationale Messe für Sprachen und Kulturen Expolingua, die kommendes Wochenende im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in der Berliner Friedrichstraße stattfindet, hat Chinesisch zur diesjährigen Gastsprache erkoren.

„Auf niedrigem Niveau ist es extrem einfach, Chinesisch zu lernen – etwas, das für europäische Sprachen nicht unbedingt gilt“, sagt Manuel Vermeer, Unternehmensberater und Chinesischdozent am Ostasieninstitut der Fachhochschule Ludwigshafen (OAI). „Nach einem zweitägigen Crashkurs kann man schon eine kleine Tischrede halten.“ Je höher das Niveau, desto schwieriger sei es aber, die Sprache zu beherrschen. Grammatikalisch ist Chinesisch laut Vermeer recht einfach strukturiert. So müsse man sich keine Gedanken über verschiedene Verbformen oder Fälle machen. Doch in den Feinheiten verlange es sehr viel Sprachgefühl. „Der Rest ist Fleißarbeit“, so Vermeer. „Wenn ich die Grundlagen verstanden habe, heißt es nur noch Vokabeln pauken – und sprechen üben, natürlich am besten in China.“

Gerade Deutschen fällt das noch verhältnismäßig leicht, weil es im Chinesischen im Grunde keine Laute gibt, die nicht auch in unserer Heimatsprache existieren. Das Erlernen der Schriftzeichen steht aber auf einem anderen Blatt. Sie zu beherrschen, erfordert viel Übung. Sogar chinesische Schulkinder lernen in der Regel nur 3000 bis 3500 der insgesamt über 6000 Zeichen.

„Dass ich vorher schon Chinesisch sprechen konnte, hat es mir leichter gemacht, die Zeichen zu lernen“, sagt Fecht-Olympiasiegerin und China-Expertin Britta Heidemann, die in diesem Jahr Kulturbotschafterin der Expolingua ist. Sie hatte das große Glück, als Schülerin drei Monate an einer chinesischen Schule zu verbringen. Später hat sie in Köln Regionalwissenschaften mit Schwerpunkt China und Betriebswirtschaft studiert. Mit dieser Kombination standen ihr nach dem Diplom viele Türen offen.

„China ist eine wichtige Wirtschaftsnation“, sagt sie. „Fast jedes größere deutsche Unternehmen ist dort aktiv.“ Da sei Chinesisch als Zusatzqualifikation auf dem Arbeitsmarkt durchaus gefragt. Neben der Sprache sollte man aber auch noch etwas anderes beherrschen: „Kultur ist in China extrem wichtig. Nicht nur Literatur und Geschichte, sondern auch das Verständnis für die Alltagskultur und die Umgangsformen“, so Heidemann. „Man muss sich mit dem ganzen Wesen der Chinesen befassen, um sie verstehen zu können – was nicht heißt, dass man alles gut finden muss. Aber man wundert sich dann zum Beispiel nicht mehr über das Protokoll bei einem Geschäftsessen oder einer offiziellen Veranstaltung.“

„Der kulturelle Aspekt, das Beherrschen der Soft Skills, ist zumindest für den Beruf fast wichtiger als die Sprache“, sagt auch Manuel Vermeer. Daher legt er bei seinen Studenten großen Wert auf interkulturelles Management – und bezieht das nicht nur auf das „Reich der Mitte“. „Wer später für ein mittelständisches Unternehmen das China- oder Asiengeschäft betreut, ist oft der einzige Deutsche östlich von Österreich. Da hilft es, wenn man kulturell in ganz Asien klarkommt.“ Für die reine Kommunikation könne man sich immer noch einen Dolmetscher dazunehmen.

Wer mit dem Erlernen von Sprache und Kultur bereits in der Schule anfängt, ist natürlich klar im Vorteil: „In Berlin und anderen Bundesländern gibt es bereits einige Schulen, die über mehrere Jahre Chinesisch erfolgreich als Wahlpflichtfach bis zum Abitur führen“, sagt Andreas Guder, Vorsitzender des Fachverbands Chinesisch. Damit erschlössen Schüler sich nicht nur mündliche und schriftliche Grundlagen einer Weltsprache, sondern auch die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. „Sie lernen, den europäischen Blickwinkel zu verlassen und Geschichte, Weltanschauungen oder globale Fragen aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Diese jungen Menschen werden gefragt sein – insbesondere wenn es ihnen gelingt, ihre Chinesischkenntnisse auszubauen und gleichzeitig Fachkompetenzen in einer anderen Disziplin zu erwerben.“

Genau da setzt das OAI in Ludwigshafen an. Im Gegensatz zu vielen anderen Bachelorstudiengängen, die BWL in Kombination mit Chinesisch anbieten, ist das vierjährige Studium „International Business Management (East Asia)“ hier sehr anspruchsvoll und interdisziplinär. „Immer ist der Bezug zum Studienschwerpunkt China oder Japan da“, sagt Manuel Vermeer, „egal in welchem Fach.“ Damit sei der Studiengang einzigartig in Deutschland. Vor allem mittelständische Unternehmen, aber auch Konzerne wie BMW oder SAP freuen sich über Ludwigshafener Absolventen. „Manche haben schon einen Job in der Tasche, bevor sie mit dem Studium fertig sind“, so Vermeer. „Viele setzen auch einen Master drauf, aber dann eher im Ausland.“

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