Zeitung Heute : „Die Zeichen sind ermutigend“

Biotech-Experte Siegfried Bialojan über die Konkurrenz zu Heidelberg und München, die Schwierigkeit der Kapitalbeschaffung und die Entwicklung der Aktienkurse

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Dr. Bialojan, wie ordnet sich die Berliner Biotechnologie in die deutsche Szene ein?

In Deutschland gibt es drei herausragende Zentren der Biotechnologie: in München, Heidelberg und Berlin. Ihnen ist gemeinsam, dass sie sich vor allem auf die so genannte rote Biotechnologie konzentrieren, also auf neue Medikamente oder Diagnostika. Und alle drei haben eine starke Basis in der Grundlagenforschung.

Ohne öffentlich geförderte Grundlagenforschung wäre eine selbsttragende Industrie nicht denkbar?

Das war auch in den USA so, die schon vor dreißig Jahren mit der Biotechnologie anfingen. Die großen Biotech-Cluster in San Diego oder Boston waren und sind auf verwertbare Ideen aus der Forschung angewiesen, die sie vor Ort von den Universitäten und Eliteforschungszentren aufgreifen.

Welche Stärken zeichnet die Berliner Biotech-Szene gegenüber den Zentren in München oder Heidelberg aus?

Die hohe Dichte an Forschungsinstituten, Kliniken und Universitäten. Hier stehen gut ausgebildete Absolventen zur Verfügung, auf die die Firmen dringend angewiesen sind. Darüber hinaus macht sich ein Hauptstadtbonus bemerkbar: Berlin bietet den Unternehmen die Chance, sich international aufzustellen.

Und wie sieht es mit den Schwächen aus?

Ganz klar, in München ist mehr Risikokapital unterwegs, das zur Finanzierung der jungen Firmen unabdingbar ist. Große Venture-Capital-Unternehmen wie TVM, Global Life Sciences, DVC oder 3i sitzen dort. Die Entwicklung eines neuen Medikaments dauert naturgemäß zwischen acht und zwölf Jahren, da braucht es einen erheblichen Vorlauf und einen langen Atem. Deshalb haben die allermeisten Biotechfirmen bisher noch keine eigenen Produkte auf dem Markt. Die klinischen Tests sind aufwändig und zeitraubend.

Die Berliner Unternehmen könnten nach Bayern gehen, um sich dort Geld zu beschaffen...

Was sie übrigens auch tun. Wir beobachten aber, dass sich gerade die Berliner Biotechfirmen auch stark auf den Weltmarkt konzentrieren und ihre Partner global akquirieren. So lässt sich die vermeintliche Schwäche zumindest teilweise kompensieren. Immerhin: Die wenigen erfolgreichen Börsengänge der vergangenen Jahre kamen aus Berlin, etwa Epigenomics oder Jerini.

Welche Trends werden die Branche in den kommenden Jahren kennzeichnen?

Wir erwarten, dass sich die Regionen inhaltlich profilieren, in Heidelberg zum Beispiel mit der Krebsforschung oder in Berlin mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Also ist es an der Zeit, wieder Biotech-Aktien zu kaufen?

Die Zeichen aus der Branche sind ermutigend, wir spüren einen Aufwärtstrend. Einige Unternehmen stehen kurz davor, die klinische Erprobung ihrer Produkte abzuschließen und haben die Vermarktung vor Augen. Schwierig gestaltet sich nach wie vor die Finanzierung mit entsprechend höheren Risikoprofilen. Hier wäre es wichtig, dass der Staat den Unternehmen und ihren Investoren durch steuerliche Anreize mehr Spielraum gäbe, um die dünne Kapitaldecke zu verbessern.

Siegfried

Bialojan ist

Experte für Biotechnologie bei Ernst & Young. Die Fragen stellte H. Schwarzburger

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