Zeitung Heute : "Die Zeit der Abschreibungskünstler und anonymen Bauträger ist vorbei"

Sie haben die Bürgerstadt Aktiengesellschaft

Die neu gegründete Aktiengesellschaft ruft die Berliner zum Erwerb ihrer Stadt auf

Winfried Hammann, Architekt und Vorstand der Bürgerstadt AG, will die Schlossfreiheit aufleben lassen.

Karl Biechteler, Projektentwickler und Vorstand der Bürgerstadt AG, will durch niedrige Margen Stadtreparatur und Ökonomie verbinden.

Sie haben die Bürgerstadt Aktiengesellschaft gegründet. Mit welchem Ziel?

BIECHTELER: Wir wollen Stadtreparatur betreiben. Wir orientieren uns an den Vorgaben des Planwerks Innenstadt sowie an den Aussagen der an der Regierung beteiligten Parteien. CDU und SPD haben in ihrer Koalitionsvereinbarung der Lückenschließung in der Innenstadt den Vorrang gegeben gegenüber dem Siedlungsbau in der Peripherie. Das schreiben wir uns auf die Fahnen und daran möchten wir Bürger beteiligen. Dazu ist die Beteiligung an unserer Aktiengesellschaft das beste Vehikel. Darüber hinaus beteiligen wir die Bürger am Wachstum des Wertes ihrer Aktien.

Welche Qualifizierung bringen Sie ein?

BIECHTELER: Ich bin seit 1972 als Projektentwickler tätig. Ich habe Hotels, Gewerbegebiete, Siedlungen, also die ganze Bandbreite der Immobilien-Entwicklungen realisiert. Im November regten Bekannte die Gründung einer Bürgerinitiative an. Zunächst dachten die Beteiligten an die Gründung einer Stiftung oder einer Genossenschaft. Wir haben uns schließlich für eine Aktiengesellschaft entschieden, da sie eine demokratische Struktur durch Stimm-, Anteils- und Dividendenrechte mit der größtmöglichen Transparenz und Flexibilität verbindet. Das betrifft sowohl die Tätigkeit der am operativen Geschäft beteiligten Personen als auch das wirtschaftliche Ergebnis des Unternehmens selbst.

Aktiengesellschaften ködern Ihre Aktionäre mit innovativen Technologien und so genannter Phantasie. Für Stadtreparatur waren vor allem Liebhaber zu gewinnen, für Immobilien Abschreibungskünstler. Was versprechen Sie Ihren Aktionären?

HAMMANN: Die Zeit der Abschreibungskünstler ist vorbei, ebenso wie die des anonymen Anlegerwohnungsbaus. Unsere Aktionäre investieren in überschaubare Innenstadt-Projekte, die bürgernah geplant und entwickelt werden. Aktionäre können Optionsrechte für Wohnungen erwerben. Dadurch kennen wir die zukünftigen Nutzer im Vorfeld und können auf deren Wünsche Rücksicht nehmen. Im Ergebnis wird der großstädtische Wohnungsbau individueller, und es steigt die Identifikation mit dem Objekt und dem Wohnumfeld. Ferner bieten wir Aktionären die Nutzung unseres Know-Hows in Stadtentwicklung, Architektur, Immobilien-Entwicklung und Stadtkultur an. Ohne Zugriff auf ein solches Humankapital sind Bürger heute kaum noch in der Lage, in der Innenstadt zu bauen. Unser Know-How ist die Gewähr dafür, dass wir Projekte an jedem Ort schneller zur Realisierung bringen können als andere Entwickler. Wir wollen die Bauvorhaben mit einem geringeren Deckungsbeitrag realisieren als es in der Branche üblich ist. So können sich Aktionäre eine gute Rendite ausrechnen. Bis zur Realisierung des ersten Projektes sind wir ein virtuelles Unternehmen. Wir setzen auf die Beteiligung der Bürger und werden sie auf Veranstaltungen vom Engagement überzeugen. Interessenten können sich bei uns melden unter dem Stichwort Bürger kauft Eure Stadt oder unter info@buergerstadt.de

Viele Aktionäre wollen aber nicht nur Virtuelles, sondern konkrete Projekte sehen ...

BIECHTELER: Wir bemühen uns um ein Grundstück am Friedrichswerder neben der Schinkel-Kirche und gegenüber vom Außenministerium. Über den Erwerb des Grundstückes und dessen Bebauung werden wir dem Senat in den nächsten Wochen ein konkretes Angebot unterbreiten. Unsere Planung sieht überwiegend Wohnungen vor. Die wenigen, so genannten Wohnungen am Gendarmenmark, in der Friedrichstraße oder Unter den Linden werden nicht wirklich und dauerhaft bewohnt. Meistens sind sie im Eigentum großer Gesellschaften. Diese bieten sie ihren Gästen als Ersatz für Hotelzimmer an. Daher ist die Innenstadt oft menschenleer. Hier wollen wir gegensteuern. Auch damit greifen wir eine Absichtsbekundung aus der Koalitionsvereinbarung auf.

Bisher können sich nur wenige Menschen Wohnungen in diesen Lagen leisten. Wie wollen Sie das ändern?

BIECHTELER: Zunächst kommt es auf den Grundstückspreis an. Wenn wir den vom Finanzsenator verlangten Bodenrichtwert zahlen müssten, dann wäre die Zielgruppe kleiner. Wenn die Regierung aber ihren politischen Willen umsetzt, dann müsste der Bodenpreis niedriger sein. Für Büros oder Läden sind in diesen Lagen höhere Miete zu erzielen als für Wohnungen. Das ist der Grund, warum die Bodenpreise hoch sind. Günstiger könnten wir die Immobilien außerdem aufgrund der Fachkompetenz unserer Gründungsmitglieder an den Markt bringen. Wir streben einen geringeren Deckungsbeitrag an, zumal wir nicht so einen großen Verwaltungsapparat wie andere haben.

Sie nennen Luisenstadt und Schlossfreiheit als Projekte. Was steckt dahinter?

HAMMANN: Die Schlossfreiheit ist eine heute weitgehend vergessene Zeile aus 14 Häusern in der Nähe vom ehemaligen Standort des Hohenzollernhauses. Hier verlief einmal ein Seitenarm der Spree. Nachdem dieser zugeschüttet worden war, vergab der König die Flächen als Bauland an Bürger, um dort Häuser zu errichten. Die Bürger unterstanden nicht dem Magistrat und genossen Steuerfreiheit, waren aber zur Beherbergung von Gästen des Königs verpflichtet. Daher auch der Name Schloßfreiheit. An der Schloßfreiheit entstanden die ersten Schaufenster Berlins. Eine Bücherei und Gaststätten eröffneten hier. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Schlossfreiheit abgerissen, um ein Denkmal für Kaiser Friedrich Wilhelm zu errichten. Friedrich Zwo, sein Zoo, taufte die Berliner Schnauze das Denkmal. Nach dem Krieg wurde es abgerissen. Nun wollen wir die Häuserzeile rekonstruieren. Sie würde den Platz fassen und die ganze Debatte um die Rekonstruktion des Schlosses entschärfen. Ein Wettbewerb wäre hier erforderlich, und wir würden die Steuerung übernehmen. Unser zweites Projekt ist die Luisenstadt. Sie wurde im Krieg stark zerstört. Heinrich-Heine-Straße und Moritzplatz liegen zwischen Brachen, wo die Mauer einst verlief. Einzelne Zeilenbauten stehen hier ohne vernünftige Anbindung an die Stadtstruktur. Wir möchten den Luisenstädtischen Park wieder herstellen und durch eine Randbebauung fassen. So könnten wir die Lage aufwerten. Sie ist eigentlich gut, einen Katzensprung vom Außenministerium entfernt. Doch bisher macht sich das niemand klar.

Wie viele Mitglieder hat Ihre Gesellschaft bisher, und wie viele Aktionäre brauchen Sie?

BIECHTELER: Nach oben sind die Grenzen offen. Wir werden zunächst eine private Plazierung der Aktien vornehmen. Wir haben am 29. Februar die Gesellschaft gegründet und werden in den nächsten Wochen den Kurs festlegen. Wir streben zunächst eine Kapitalisierung von rund fünf Millionen an. Dieser Kapitalstock soll uns bei Banken einen stabilen Halt für die Finanzierung konkreter Projekte bieten. Wir stehen mit zwei Geldhäusern in Verhandlungen. Sie bewerten uns sehr positiv. Sollte es uns für ein konkretes Bauvorhaben an Eigenkapital mangeln, würden wir Risikokapital akquirieren. Das ist auf dem Markt zu einem etwas höheren Zinssatz zu haben. So würden wir Lücken in der von Banken verlangten Eigenkapitalquote auffüllen. Aufgrund der schwierigen Lage am Immobilienmarkt verlangen Geldhäuser auch von professionellen Bauträgern und Entwicklern Eigenkapital von bis zu 35 Prozent des Projektvolumens.

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