Zeitung Heute : Die Zeit der Generäle

Bei den Präsidentschaftswahlen werden die Indonesier die Militärs zurück an die Macht holen

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Susilo Bambang Yudhoyono und Wiranto haben viel gemein: Ihre Haare sind immer schnurgerade gescheitelt, sie sind beide General im Ruhestand, und weil sie Blut an den Händen haben, wird Menschenrechtlern schlecht bei dem Gedanken, dass einer von beiden bald die Macht in Indonesien übernehmen wird. Vier Wochen vor der Präsidentschaftswahl zeigen die Umfragen in der Bevölkerung: Die schwache Staatschefin Megawati soll weg, ein starker Mann soll her. Die beiden Generäle a.D. stehen bereit.

Lange dachte man in Jakarta, die Zeit der Militärs sei abgelaufen. Nachdem 1998 Militärherrscher Suharto gestürzt worden war, haben die Reformer, zu denen auch Megawati zählt, eine Demokratie aufgebaut. Leider entpuppte sich Megawati als zu nett und zu scheu für die Politik. Statt Machtworten hörte man von der überforderten Präsidentin, dass ihr Regieren Kopfschmerzen bereite. Arbeitslosigkeit und Korruption nahmen nicht ab, dafür stiegen die Preise. Deshalb steht etwas ziemlich Absurdes bevor: Die Indonesier werden wohl ihre neu gewonnene Demokratie dazu nutzen, jene Militärs zurückzuholen, von denen Reformer das Volk befreit hatten. Natürlich sagen Wiranto und Yudhoyono, dass sie längst Demokraten seien. Über das Blut, das floss, als sie noch zum brutalen Militärregime von Diktator Suharto gehörten, reden sie nicht. Hunderttausende starben. Suharto gab General Yudhoyono drei Sterne, General Wiranto hatte sogar vier.

Heute trägt der 57-jährige Wiranto teure Batikhemden und perfekt sitzende, dunkle Anzüge. Frauen schwärmen, Wiranto sehe perfekt aus. „Ich werde für Recht, Ordnung und Sicherheit sorgen. Allerdings ohne Militarismus und Absolutismus. Stark, aber nicht autoritär“, verspricht er. Wirantos Wahlkampfshow ist beeindruckend: Musik wie ein Gewitter, Filmszenen und Dias aus seiner Militärzeit. Mit Präsident Wiranto werde alles gut, heißt es da: schnellere Wirtschaftsentwicklung, höherer Lebensstandard. Nie hebt Wiranto die Stimme, das hat der General nicht nötig. Dann ist er fertig, bahnt sich den Weg durch die Stuhlreihen. Viele wollen ihm die Hand schütteln, ein Mann wagt es gar, den General zu umarmen. Wiranto lächelt gequält. Er ist kein Mann des Volkes. Das trifft sich gut, die Indonesier wollen einen Präsidenten, zu dem sie aufschauen können.

Bei aller Distanz – Wiranto liebt es, in der Öffentlichkeit zu stehen. Der Sohn eines Grundschullehrers gibt viele Interviews, hat ein selbstherrliches Buch über sich geschrieben und eine CD produziert, auf der er Schnulzen singt. Wenn Wiranto Zeit hat, spielt er Golf, genau wie Ex-Diktator Suharto, dem er seinen Aufstieg zu verdanken hat. Suharto machte Wiranto zum Chef der Streitkräfte. Und Suharto gab seinem Zögling politische Ämter, Wiranto wurde gleichzeitig Verteidigungs- und Sicherheitsminister. Unter zwei Suharto-Nachfolgern durfte der mächtige Mann seine Posten behalten, bis der Reformer Abdurrahman Wahid ihn 2000 feuerte. Die Staatliche Menschenrechtskommission hatte berichtet, dass Wiranto für Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Osttimor verantwortlich sei. In dem 1975 von Indonesien annektierten Gebiet wählten die Menschen 1999 ihre Unabhängigkeit. Bei Indonesiens Abzug zerstörten Soldaten und Milizen fast alle Gebäude Osttimors, töteten etwa 1000 Menschen und vertrieben 600000. Wiranto war damals Befehlshaber. „Ich habe in Osttimor schlimmere Gewalt verhindert“, sagt Wiranto, „Osttimor war eine Schwachstelle, aber kein Verbrechen.“

Wiranto wird immer noch oft „General Wiranto“ genannt. Sein ehemaliger Weggefährte Susilo Bambang Yudhoyono, der auch bei der Präsidentschaftswahl im Juli antritt, kommt ziviler daher. Yudhoyono hat in den USA Wirtschaftswissenschaften studiert. In den 70er und 80er Jahren führte er bei Kampfeinsätzen in Osttimor Bataillone an.

Den Sturz Suhartos überstand SBY, wie ihn die Indonesier nennen, gut, danach wurde er in verschiedenen Reformregierungen Bergbau- und Sicherheitsminister. Erst vor ein paar Monaten verließ er das Kabinett, seine 2001 gegründete „Partai Demokrat“ hat gerade bei der Parlamentswahl gut abgeschnitten. Und nun führt Yudhoyono bei Umfragen deutlich vor Wiranto und Megawati. In Bundfaltenhose und grauem Hemd trifft er Journalisten. „Ich liebe Demokratie“, sagt er – und: „Ja, Indonesien braucht starke Führung. Doch darunter verstehe ich eine effektive Regierung, die demokratisch agiert.“

Yudhoyono wird, im Gegensatz zu Wiranto, auch international geschätzt. Der „indonesische Colin Powell“ setzte sich engagiert dafür ein, dass die Regierung eine friedliche Konfliktlösung für die Rebellenprovinz Aceh fand. Als Militärführung und Präsidentin Monate später die Geduld verloren und zum Angriff übergingen, vertrat SBY ebenso engagiert die neue, harte Linie. Er kann auch rigoros auftreten, in Aceh und nach den Bombenanschlägen auf Bali, als er Terrordekrete mit Todesstrafe mit entwarf. Präsidentin Megawati überließ beide Male ihrem Sicherheitsminister Yudhoyono die Fernsehschirme. SBY glänzte, und die Indonesier fragten sich, wo eigentlich ihre Präsidentin stecke. Auch deshalb fährt SBY jetzt einen Range Rover mit dem Nummernschild B 1 GO. Auf dem Nummernschild der Präsidentenlimousine steht B 1.

Präsidentin Megawati spürt, dass sie den schicken Wagen bald abgeben muss. Am Dienstag sagte sie, die einzige Frau im Rennen, die Wähler sollten sich ihre Entscheidung nicht so schwer machen – und einfach der hübschesten Kandidatin die Stimme geben

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