Zeitung Heute : "Die Zeit des Nationalsozialismus": Abkehr von der bürgerlichen Zivilisation

Wolfram Pyta

Die Flut der Neuerscheinungen zur Geschichte des NS-Staates ist selbst für Experten kaum mehr zu überblicken. Um so bemerkenswerter ist es, dass aus der nicht selten effekthascherischen Durchschnittsware populärer Darstellungen, aus der von Fußnoten überquellenden Fleißarbeiten eifriger Doktoranden und aus den eher für Eingeweihte geschriebenen Studien der NS-Experten das Buch des britischen Historikers Michael Burleigh herausragt.

Seine mehr als tausendseitige Gesamtdarstellung ist aus vielen Gründen ein wirklich großer Wurf. Zum einen meistert Burleigh die anspruchsvolle Aufgabe der Verdichtung der kaum noch überschaubaren Resultate der NS-Forschung zu einem abgewogenen, in sich stimmigen Gesamtentwurf. Zu dieser gelungenen Gliederung einer gewaltigen Stoffmenge gesellt sich eine Sprachgewalt, die den Leser von der ersten Seite an gefangen nimmt. Burleigh hat ein Meisterwerk der Erzählkunst vorgelegt, wozu auch die einfühlsame Übersetzung von Udo Rennert und Karl Heinz Siber ihren Teil beiträgt.

Burleigh knüpft an eigene Forschungen an, wenn er den Wesenskern des NS-Regimes als "Rassenstaat" charakterisiert. Für ihn handelt es sich beim Nationalsozialismus nicht um eine radikalisierte Variante autoritär-nationalistischen Denkens, das sich noch im Rahmen bürgerlich-konservativer Gesellschaftsvorstellungen bewegt, sondern um eine grundlegende "Abkehr von bürgerlichen Zivilisationstugenden", die einen wissenschaftlich drapierten Rassismus zum Bauprinzip der Gesellschaft erhob. Gerade weil der Rassenstaat in Verfolgung seiner "biopolitischen Mission" einer "rassereinen" Volksgemeinschaft eine Nivellierung gesellschaftlicher Unterschiede angestrebt habe, seien Nationalsozialismus und bürgerliche Gesellschaft auf Kollisionskurs gegangen. Dieser egalitäre Aspekt nationalsozialistischer Gesellschaftspolitik galt jedoch nur für die arbeits- und fortpflanzungsfähigen, völkisch "produktiven" Mitglieder der Gesellschaft. Gegenüber den angeblich "Unproduktiven", den "Artfremden" und sozial Auffälligen artete dieser rassistische Kollektivismus notwendigerweise in eine gnadenlose Politik der "rechtlichen Apartheid" und schließlich der physischen Vernichtung aus.

Indem Burleigh seinen Hauptakzent auf diesen spezifischen Rassismus legt, kann er den Forschungskontroversen über die Struktur des NS-Herrschaftssystems wenig abgewinnen. Die Betonung "polykratischer", zur Selbstlähmung des Systems führender Strukturmängel tut er als akademische Spitzfindigkeiten ab, weil er das nationalsozialistische Selbstverständnis von Politik - Politik als "biologische Sendung" - zum Maßstab nimmt. Da er in der Ausmerzung und Vernichtung angeblicher "Rassenschädlinge" die eigentliche Antriebskraft des NS-Staates sieht, attestiert er ihm ein hohes Maß an Effizienz bei der Durchsetzung dieser Ziele, auch im apokalyptisch anmutenden Untergang.

Auch wenn Burleighs Interesse mehr der NS-Ideologie als den sozialen Strukturen gilt, kann er natürlich nicht der Frage ausweichen, worauf der Rückhalt der Herrschaft Hitlers in der deutschen Gesellschaft beruhte. Burleigh macht hier Anleihen beim wiederentdeckten Ansatz der "politischen Religion", der davon ausgeht, dass auf Grund des Verlustes an transzendenter Religiosität bestimmte Kollektive wie Volk oder Klasse eine heiligmäßige Stellung einnehmen und als Objekt "massenhafter Begeisterung oder Anbetung" fungieren konnten. Stilisiert man auch den Nationalsozialismus zu einer solchen "politischen Religion", dann muss man nach den Anknüpfungspunkten Ausschau halten, welche die deutsche Gesellschaft so empfänglich für das nationalsozialistische Angebot machten.

Nationalsozialistische Außenpolitik ist bei Burleigh getreu seinem Ansatz integraler Bestandteil einer kompromisslosen Rassenplitik, die - nach außen gewendet - mit Notwendigkeit in einen "messianischen Rassenkrieg" eingemündet habe. So unstrittig es ist, dass gerade der Weltanschauungskrieg gegen die Sowjetunion die kriegerische Umsetzung rassenideologischer Fixierungen bedeutet - sollten dabei nicht die traditionellen Antriebskräfte der Außenpolitik des NS-Staates völlig aus dem Blick geraten. Hier fehlt Burleigh wie so manchen Holocaust-Experten das Gespür für den Eigenwert politisch-strategischer Überlegungen der NS-Führung, die gerade beim Angriff auf die Sowjetunion eine erhebliche Rolle spielten. Doch das mindert den herausragenden Wert seiner Arbeit nicht.

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