Zeitung Heute : Die Zeit läuft

Heute haben wir eine Stunde verloren – unser Leben wird ohnehin immer schneller. Eine Diagnose.

Bas Kast

Mit der Zeit ist das so eine Sache. Und das gilt nicht nur an Tagen, an denen uns eine Stunde genommen wird. „Wenn man mit einem netten Mädchen zwei Stunden zusammen ist, hat man das Gefühl, es seien zwei Minuten“, erkannte zum Beispiel Albert Einstein, „wenn man zwei Minuten auf einem heißen Ofen sitzt, hat man das Gefühl, es seien zwei Stunden.“ Der Erfinder der Relativitätstheorie hatte auch eine Erklärung für dieses Phänomen: „Das ist Relativität.“

Der Gedanke klingt simpel, aber er ist revolutionär. Sir Isaac Newton höchstpersönlich hatte noch daran geglaubt, dass die Zeit das Ewige und Unveränderliche ist. „Gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand“, schrieb der begnadete Physiker im Jahr 1687, fließe sie dahin, die „absolute, wahre und mathematische Zeit.“

Dieses Wort galt lange – nachdem sich zuvor die scharfsinnigsten Denker am Mysterium Zeit die Zähne ausgebissen hatten. „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es“, klagte etwa Augustinus von Hippo, der zu den größten Geistern der Kirchengeschichte zählt. „Wenn ich es jemandem erklären soll, weiß ich es nicht.“

Licht altert nicht

Lösen konnte das Rätsel bislang keiner. Aber Einstein kam der Lösung einen Schritt näher. Sir Newton hatte sich geirrt: Zeit und Raum sind nicht absolut, keine unveränderbaren Größen, sie sind relativ, auf einander bezogen.

Nach Einstein bilden Zeit und Raum eine untrennbare Einheit: die „Raumzeit“. Reist man durch das Universum mit einem superschnellen Raumschiff, ändert sich die Zeit. Dabei lässt sich die Bewegung durch Zeit und Raum als eine Art Nullsummenspiel vorstellen: Wer sich langsam durch den Raum bewegt, dessen Bewegung durch die Zeit ist dafür um so schneller.

Wir zum Beispiel bewegen uns mit nicht allzu hoher Geschwindigkeit durchs All, dafür bewegen wir uns recht schnell durch die Zeit – wir altern. Umgekehrt bleibt für den, der mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum flitzt, nichts mehr übrig für eine Bewegung durch die Zeit: Licht altert nicht. Bewegung durch Raum und Zeit erweisen sich als zwei Seiten einer Medaille.

Und das Verblüffende ist: Dieser Gedanke gilt, wie Einstein mit seinem Beispiel bereits andeutete, nicht nur für die Physik, sondern auch für die Psychologie. Wer kennt nicht das Gefühl, das sich einstellt, wenn wir die hektische Innenstadt verlassen, um uns ins Gartenhäuschen auf dem Land zu begeben? Wechseln wir den Ort, wechselt sich auch der Takt des Lebens.

Neuere Untersuchungen bestätigen diese Erfahrung. So ist der Psychologe Robert Levine von der California State University in Fresno um die ganze Welt gereist, um dem Rhythmus unterschiedlicher Länder und Kulturen auf die Schliche zu kommen. Anhand von drei „Geschwindigkeitsindikatoren“ bestimmte Levine das Lebenstempo von 31 Nationen.

Schnelles, altes Europa

Als erstes maß der Zeitforscher die Geschwindigkeit, mit der Fußgänger in der Innenstadt 20 Meter zurücklegen (an sonnigen Tagen). Dann stoppte er als Beispiel amtlicher Arbeitsgeschwindigkeit die Dauer, die ein Postangestellter braucht, um eine Standardbriefmarke zu verkaufen. Schließlich prüfte Levine die Genauigkeit der öffentlichen Uhren. Daraus erstellte er eine Rangliste des Gesamttempos der Nation.

Der Befund: Auf keinem Kontinent tickt die Uhr so schnell, wie bei uns – die Schweiz, Irland und Deutschland führen die Hitliste der Hetze an. „Acht der neun schnellsten Länder sind in Westeuropa zu finden“, so Levine.

Schlusslicht und damit nachgerade Wunder der Langsamkeit sind: Brasilien, Indonesien und Mexiko. „Bei einer Verabredung zum Mittagessen würden Brasilianer nach eigenen Angaben 62 Minuten warten“, berichtet Levine. „Man vergleiche das mit den Vereinigten Staaten, wo die Menschen selten mehr als eine Stunde für das Mittagessen zur Verfügung haben.“

Fünf Beschleunigungsfaktoren konnte der Interkontinentalpsychologe bei seinen Untersuchungen ausmachen: Wohlstand, Grad der Industrialisierung, Einwohnerzahl, das Klima und das Ausmaß des Individualismus. Damit offenbart sich einmal mehr ein Paradoxon der Zeit: Gerade mit dem Anstieg von High-Tech, also mit der Einführung von Zeit sparenden Maschinen, ist unsere Zeit immer knapper geworden.

Der scheinbare Widerspruch lässt sich allerdings schnell auflösen. Mit den Erfindungen steigen auch unsere Erwartungen. Die Zeit sparenden Techniken erweitern unsere Möglichkeiten dermaßen, dass mit ihnen jedes Zeitsparen wieder zunichte gemacht wird. Beispiel Auto: „Durch große Geschwindigkeiten gewinnen wir nicht mehr Zeit“, sagt der Freizeitforscher Horst Opaschowski, „sondern legen größere Strecken zurück.“

Dieses Prinzip trifft auch auf die modernsten Beschleuniger, Handy und Internet, zu. Das Handy spart uns den Weg zur Telefonzelle, macht uns aber umgekehrt für jedermann immer und überall erreichbar. Das Internet macht den Weg in die Buchhandlung und Bibliothek überflüssig, andererseits sind die Informationsquellen, die es nun im Netz abzuklopfen gilt, schier endlos.

Steigende Möglichkeiten = steigende Geschwindigkeit = steigender Druck. Ein Druck, dem man sich nur schwer entziehen kann. Wer es wagt, sein Handy zeitweise auszuschalten, kann sich auf den Ärger von Kollegen und Freunden fest verlassen („Kannst du vielleicht das nächste Mal wenigstens deine Mailbox anschalten?“).

Die Folge: Der Takt des High-Tech-Lebens nimmt stetig zu. Wir schlafen heute 40 Minuten weniger pro Nacht und essen schneller als noch vor zehn Jahren. So sank die tägliche Essenszeit bei europäischen Berufstätigen von einer Stunde und 18 Minuten in den 60er Jahren auf eine Stunde und sechs Minuten Ende der 90er Jahre, wie der Soziologe Manfred Garhammer ermittelt hat.

Dabei hat die Geschwindigkeit in unserer Gesellschaft inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass viele nur noch einen absurden Ausweg sehen: Fast 40 Prozent der Berufstätigen träumen von einem Tag, der 30 (und noch mehr) Stunden hat, um so endlich „ausreichend Zeit“ zu haben, wie eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung ergab. So hatte Einstein das auch wieder nicht gemeint mit der Relativität.

Das Glück des hohen Tempos

Die Frage ist, ob es überhaupt einen Ausweg aus unserem Hochgeschwindigkeitszug der Zeit gibt. Können wir uns dem Irrsinnstempo entziehen und dafür die Langsamkeit entdecken? Aber Moment, langsam… Wollen wir das auch wirklich? Gefällt uns das Tempo nicht insgeheim? Haben wir kein Vergnügen daran, unsere Möglichkeiten stetig zu steigern? Nehmen wir die Hetze nicht billigend in Kauf, weil wir genau wissen, was wir dafür zurückbekommen?

Tatsächlich stieß der Glücksforscher Ed Diener von der Universität von Illinois in Urbana-Champaign auf eine eigentümliche Ambivalenz des hohen Lebenstakts: Einerseits ist die Selbstmordrate in individualistischen Speed-Kulturen höher als in kollektiven, langsameren Gesellschaften. Andererseits ist das seelische Wohlbefinden im Allgemeinen größer. „Einerseits sind Menschen an schnellen Orten anfälliger für Herzerkrankungen“, stellt auch der Psychologe Levine fest, „andererseits sind sie eher mit ihrem Leben zufrieden.“ Der Grund: Wohlstand, Wahl- und Entfaltungsmöglichkeiten gehen eben auch mit Glück und Lebenszufriedenheit einher.

Am Privilegiertesten ist dabei der, der den Wohlstand und die Wahlmöglichkeiten nutzen kann – und zugleich in der Lage ist, sich der Geschwindigkeit zu entziehen, wenn er will. Zeit als solche ist nicht das, worauf es ankommt. Arbeitslose haben eher zu viel Zeit, eine leere Zeit, die geradezu krank machen kann. Worauf es ankommt, ist: selbst bestimmen zu können, wann man sich in den Schnellzug der Zeit begibt – und wann man sein Leben entschleunigt. Glücklich ist der, der die Zeit strecken und stauchen kann, wie es ihm gefällt: der, um es mit Einstein zu sagen, Kontrolle hat über die Relativität der Zeit.

Wie weit diese Relativität gehen kann, zeigen zwei afghanische Brüder, von denen der amerikanische Anthropologe Edward Hall berichtet. Sie hatten sich in Kabul verabredet, suchten sich aber vergeblich. Schließlich nahm sich ein Angehöriger der US-Botschaft der Sache an und stieß bald auf die Wurzel des Problems: Die Brüder waren, schon richtig, in Kabul verabredet. Dummerweise hatten sie nur versäumt, das Jahr festzulegen.

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