Zeitung Heute : Die Zeit mit Diego . . .

Der Tagesspiegel

Herr Caniggia, wenn wir einen stolzen Mann beschreiben müssten . . .

. . . reicht ein Bild von mir, stimmt’s? Ja, ich bin verdammt stolz, dass ich wieder für Argentinien spielen darf. Ich habe dasselbe kribbelnde Gefühl der Erwartung wie früher. Ich möchte mein Bestes geben, um mich dessen würdig zu erweisen. Argentinien hat eine spektakuläre Qualifikation gespielt. Die Seleccion hat noch einmal einen zusätzlichen Fußballboom in unserem Land ausgelöst. Wir sind sehr zufrieden damit, wie es läuft.

Die Qualifikation in Südamerika wurde souverän absolviert, mittlerweile haben Sie allerdings mit vielen Verletzungen zu kämpfen. Gegen Kamerun hat es zuletzt nur zu einem 2:2 gereicht. Hat Argentinien das Potenzial, Weltmeister zu werden?

Das Potenzial bestimmt, wir gehören zu den großen Kandidaten. Doch es kann alles passieren, wir haben eine schwere Gruppe erwischt. Nicht alle Mannschaften in unserer Gruppe sind Favoriten auf den Titel, doch alle haben in den letzten J ahren großartig gespielt . . .

Dazu gehört auch England, ein Land, gegen das Argentinien in den Achtzigerjahren im Krieg stand. Ist ein Spiel gegen die Briten noch immer etwas Besonderes?

Ach, für mich ist es ein Spiel wie gegen andere starke Mannschaften auch. Sicher, in der Vergangenheit hat es spektakuläre Begegnungen gegeben, doch wir sollten uns auf das Spiel nicht anders vorbereiten als auf Nigeria oder Schweden.

Nationaltrainer Marcelo Bielsa hat Sie öffentlich gelobt. Haben Sie denn das Gefühl, dass er mit Ihnen rechnet?

Nun, er hat mir nichts versprochen. Er wollte mich bei den Testspielen sehen und sich ein Bild von meiner Form machen. Ich versuche, mein Bestes zu geben, so wie ich es auch in der schottischen Liga immer versucht habe. Natürlich kann er mir nicht garantieren, dass ich spiele. Aber ich habe meine Chance und will sie nutzen.

Also gehen Sie davon aus, in jedem Falle bei der WM dabei zu sein?

Ich hoffe schon, dass ich mitfahre. Als älterer Spieler muss ich vor allem an meiner Fitness arbeiten, und das tue ich.

Sie sind im Januar 35 geworden und spielen schon siebzehn Jahre Profifußball . . .

Das Spiel ist verdammt schnell geworden, vor allem aber haben sich die taktischen Anforderungen erhöht. Auch als Stürmer muss man heute jederzeit mitdenken. Man kann nicht vorne stehenbleiben und warten, bis ein Ball kommt, den man ins Tor schiebt. Wenn man aber mitdenkt, sich die Bälle holt, auch mal auf den Flügel ausweicht, dann kann man auch mit 35 noch mitspielen.

Sie haben mit Maradona zusammengespielt, mit Batistuta, mit Veron. Haben Sie einen Lieblingsmitspieler?

Nun, ich fühle mich sehr wohl im Kreis der heutigen Mannschaft. Sie spielen technisch sehr stark, und es macht Freude, da mitzumachen. Natürlich, die Zeit mit meinem Freund Diego Maradona war etwas Besonderes. Wir haben uns wie blind verstanden. Es tat mir leid zu sehen, durch welch schwere Momente er gehen musste.

Welche Bedeutung hat das Spiel gegen Deutschland für Sie?

Es ist schon eine große Begegnung. Zwei Mannschaften, die zweimal hintereinander gegeneinander das WM-Finale ausgespielt haben. Auch wenn es nicht den Charakter von Argentinien – Brasilien oder Deutschland – Holland hat . . .

Wie stark ist die deutsche Mannschaft heute?

Deutschland ist immer stark. Es gehört für mich zu den Favoriten.

Sie müssen nicht höflich sein.

Nein, wirklich, wenn die Deutschen eine Weile zusammen sind und dann wichtige Spiele anstehen, werden sie stark und spielen ihren besten Fußball: Das ist typisch deutsch. Ich habe das oft genug erlebt.

Das Gespräch führte Martín E. Hiller

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