Zeitung Heute : Die Zeit vergehen sehen

Andreas Austilat

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Die Kleine ist ja an Zeitungen sehr interessiert. Neulich, da hatte sie sogar einen Beitrag in ihrer Schülerzeitung. Eigentlich war es mehr eine Kurzgeschichte, über Flöckchen, den entlaufenen Hund. Toll. So etwas muss man fördern. Weshalb ich ihr immer wieder mal aus unserem Blatt vorlese.

Und weil sie gerade erst auf der Museumsinsel war – kulturell ist sie auch wahnsinnig interessiert –, erzählte ich ihr am Dienstag von dieser Meldung im Lokalteil: „Stell dir vor, das Pergamonmuseum wird wohl erst im Jahr 2026 saniert sein.“ – „Was heißt denn saniert?“ Ich hatte mit einer anderen Frage gerechnet, weshalb ich kurz ins Schleudern kam: „Na, repariert, wieder ganz gemacht, fertig eben.“ Nach einer kurzen Pause sagte sie für ihre Verhältnisse ungewöhnlich laut: „2026? Da bin ich 30 Jahre alt, das ist ja furchtbar!“ Mathe mag sie ebenfalls. Nur erwachsen werden mag sie nicht. Ob sich das eigentlich irgendwann gibt? Und dann schaute sie mich so komisch an und fragte: „Wie alt wirst du denn in 20 Jahren sein?“ Mein Gott! Für einen Moment sah ich ihn ganz deutlich vor mir, einen alten Mann auf den Stufen des Pergamonaltars. Neben sich seine 30-jährige Tochter. Das darf doch nicht wahr sein. Warum dauert das so lange. Ich hab mich dann erkundigt: Wussten Sie, dass Eumenes II. von Pergamon auf seinen nagelneuen Altar gerade mal 21 Jahre gewartet hat. Und das war vor 2180 Jahren.

Gestern hat mich die Kleine gefragt, was wir denn am nächsten Wochenende machen. Ich weiß auch nicht warum, kurz kam mir die Melancholie-Ausstellung in der Nationalgalerie in den Sinn. War mir dann aber doch zu schwermütig, ich hab den Gedanken gleich wieder verworfen. „Monopoly“, habe ich stattdessen gesagt, „lass uns Monopoly spielen, da kann man Häuser bauen, eins-fix-drei.“

Keine Sorge, noch haben die Bauarbeiten im Pergamonmuseum gar nicht richtig begonnen. Und bis auf das Markttor von Milet ist alles frei zugänglich. Aber halten Sie sich ran, spätestens 2009 soll’s richtig losgehen. (Pergamonmuseum, Museumsinsel, Am Kupfergraben 5.)

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