Zeitung Heute : Die Zeugin der Anklage

„Ich habe meine Familie und mein Vertrauen verloren“, sagt Christina. „Zum Tausch habe ich die Erinnerungen einer Prostituierten bekommen.“ Normalerweise hätte man sie abgeschoben, zurück in die Ukraine, aus der sie weggelockt wurde. Doch in Rheinland-Pfalz ist das jetzt anders.

Harald Martenstein[Mainz]

Christina betritt den Raum. Um als Fotomodell arbeiten zu können, wäre sie wahrscheinlich zu klein, schätzungsweise ein Meter 65. Abgesehen davon ist Christinas Schönheit makellos. Sie trägt einen grobmaschigen weißen Rollkragenpullover, Jeans, dazu einen knöchellangen Mantel, die Haare sind blond, die Augen braun. Sie ist Anfang 30, aber man würde sie jünger schätzen. Sie lächelt. Wohlgeformte Zähne. Das Lächeln wirkt schüchtern, sie spricht langsam, artikuliert genau, in hervorragendem Deutsch. Während des Redens denkt sie nach, das sieht man.

Christinas erster Satz heißt: „Ich hatte ein gutes Leben.“ Das war in Kiew. Christina ist Kauffrau, spricht perfekt Englisch und Spanisch, arbeitete in einer spanischen Firma als Assistentin der Geschäftsführung. Sie hatte einen fünfjährigen Sohn und einen festen Freund. Sie gehörte zur kleinen postsozialistischen Mittelschicht. Damals, Ende der 90er. Eines Tages beschließt die spanische Firma, dass die Filiale in der Ukraine sich nicht lohnt, Christina wird arbeitslos.

Ein Cousin kommt zu Besuch. Er lebt in Deutschland und schafft regelmäßig BMWs nach Kiew, um sie dort zu verkaufen. Er ist etwas älter als sie. Er sagt: „Warum hängst du hier rum? Ich kenne jemanden, der sucht für ein paar Monate eine Haushaltshilfe. Du kriegst über 2000 Mark, nebenher kannst du noch als Babysitterin arbeiten. Drei Monate, danach kommst du mit einem Haufen Geld zurück. Das Visum besorge ich schon.“ In Christinas altem Job bekam sie 300 Mark im Monat.

Christina sagt: „Ich bin nicht naiv. Aber der Mann war jemand aus der Familie. Ich kannte ihn, seit ich ein Kind war.“

Der Cousin besorgt das Visum. Zusammen mit einer Freundin, die zehn Jahre jünger ist als sie, fährt sie mit dem Bus nach Frankfurt. Eine deutsche Frau, jung, nett, holt die beiden am Bahnhof ab. Zu dritt fahren sie in ihre Wohnung. Bei einer Tasse Kaffee sagt die Deutsche: „Ich brauche keine Haushaltshilfe. Ihr zwei könnt auf den Strich gehen.“ Und: „Ich hab euch gekauft von so einem Typ. Aber ihr seid trotzdem freie Menschen. Wenn ihr’s nicht machen wollt, fahre ich euch wieder zum Bahnhof, kein Problem. Ihr müsst mir nur meine Unkosten ersetzen. 6000 Mark pro Person. Das Visum hat allein 3000 gekostet. Ich bin korrekt, wisst ihr. Nur verarschen lass ich mich nicht. Für mich arbeiten ein paar Schwarze, die tun alles, damit sie von mir ihre Drogen kriegen.“ Christina hat Zigaretten und ein paar Cent in der Tasche. Damals spricht sie kein Wort deutsch.

Ein untypisches Opfer

Wir sitzen in einem Besprechungszimmer des Mainzer Landeskriminalamts. Das Treffen ist mit Hilfe der Polizei zustande gekommen. In Deutschland genießen Zeugen Schutz, die Aussagen zur Struktur von kriminellen Organisationen machen können oder die in akuter Gefahr schweben. Kronzeugen. Denen verschafft man sogar eine neue Identität, wenn es sein muss. Den verschleppten Frauen aber hat das nicht viel genützt. Sie kennen ihren Zuhälter, aber nicht die Bandenstrukturen. Ob sie akut gefährdet sind oder vielleicht nur latent, weiß letztlich niemand. Wenn also Frauen wie Christina irgendwo in einem Bordell entdeckt wurden, hat man sie in den meisten Fällen einfach in ihre Heimat abgeschoben. Dort werden sie von den Zuhälterringen in Empfang genommen und nach ein paar Wochen wieder losgeschickt, diesmal in ein anderes Land. Das Risiko der Täter lag nahe bei Null.

Die verschleppten Frauen sind Opfer, aber werden beinahe wie Täter behandelt.

Seit einiger Zeit gibt es, nur in Rheinland-Pfalz, eine neue Art von Zeugenschutz, die dort „Kooperationskonzept“ heißt. Es bedeutet: Frauen, die gegen Menschenhändler vor Gericht aussagen, dürfen erst einmal in Deutschland bleiben, bekommen eine Wohnung, möglichst weit weg vom Tatort, Sozialhilfe, psychologische Betreuung, Hilfe bei der Arbeitssuche, alles recht unbürokratisch. Wer im Heimatland bedroht sein könnte, darf auch nach dem Prozess bleiben. Die Sache war eine Idee von Innenminister Walter Zuber. Seitdem steigt die Zahl der Verurteilungen.

Christina hat ihre psychologische Betreuerin dabei, Eva Schaab von Verein „Solwodi“, der sich um Opfer von Menschenhandel kümmert. Ein Polizist sitzt ebenfalls im Zimmer. Er sagt mehrmals, dass Christina ein untypisches Opfer sei – älter, gebildeter, seelisch stabiler. Sie habe die ganze Sache, na ja, gut verkraftet. Andere, die das Gleiche erlebt hätten, seien heute gebrochene Persönlichkeiten. Andere waren 16, sie war Ende 20. Christina nickt und lächelt.

Sex ist in Deutschland billig geworden, vor allem seit dem Ende der Sowjetunion. Der Motor: Armut. Das Angebot: unbegrenzt. Die Polizei schätzt, dass 80 Prozent der Prostituierten aus Osteuropa in dem Bewusstsein nach Deutschland gekommen sind, dass sie im Bordell arbeiten werden. 20 Prozent sind Opfer von Menschenhandel.

Es läuft im Prinzip genauso wie der Viehhandel. Die Frauen werden von den Klubs oder den Zuhältern gekauft und weiterverkauft, auch von Land zu Land. Wer mit Prostitutionsexperten über das Sexgeschäft redet, zum Beispiel mit Eva Schaab, lernt allerdings schnell, dass sich kaum pauschale Aussagen machen lassen. Die Grenze zwischen freiwillig und unfreiwillig ist fließend. Die Frauen hören zu Hause: „Du kommst in einen ganz edlen Laden, hast drei Männer pro Nacht, alle nett und kultiviert, und kriegst 5000 Euro im Monat.“ Stattdessen werden viele erst mal vergewaltigt, dann wie Tiere gehalten, mit 15 oder 20 Freiern pro Nacht, die nicht nett sind und auch nicht kultiviert. Es gibt die Prostituierte, die ihrem Beruf freiwillig, selbstbewusst und gern nachgeht, es gibt erbärmliche Sklavenexistenzen, und es gibt sämtliche Nuancen zwischen diesen beiden Extremen. Manchmal arbeiten beide, die Freiwilligen und die Sklavinnen, in demselben Bordell, Zimmer an Zimmer. Es handelt sich um einen weitgehend deregulierten Sektor des Wirtschaftslebens. Das einzige Gesetz, das wirklich gilt, ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage.

Die Frau fährt Christina und ihre Freundin in das Bordell. Es ist eines von der miesen Sorte, finster und dreckig. In der ersten Nacht müssen sie noch nicht arbeiten. Am Morgen kommt die Frau wieder. „Du kannst doch Sprachen und bist gebildet. Ich bring dich woanders hin.“ Christina wird ihre Freundin nicht wieder sehen. Sie wird viele Kilometer weiter gefahren, in einen Klub. Für gebildete Kunden. Christina bekommt einen falschen spanischen Pass und einen neuen Namen. Spanien ist in der EU, da gibt es bei einer Razzia keine Probleme wegen fehlender Arbeitserlaubnis.

Jetzt lebt und arbeitet sie in einem Zimmer, in diesem Klub. Es sind etwa zwölf Frauen aus fast ebenso vielen Ländern. Es ist schwierig, sich zu unterhalten. Alle sind misstrauisch, auch die Frauen untereinander. Manche kommen und gehen, mit Sporttasche, wie im Fitnessstudio. Die Freiwilligen. Christina darf nie allein vor die Tür. Wenn sie von einem Kunden gefragt wird, sagt sie, sie komme aus Valencia.

„Die Prostitution ist das eine“, sagt sie heute. „Aber deine Identität zu verlieren, ist genauso schlimm. Ich hatte keinen Namen mehr, keine Familie, keine Vergangenheit. Ich existierte nur noch zu einem einzigen Zweck.“ Wenn ein Kunde im Klub sie möchte, muss sie sich an der Bar ihren Schlüssel holen, hinterher gibt sie ihn wieder ab. So behält der Klub die Übersicht über ihre Einnahmen. Alle paar Tage kommt die deutsche Frau, ihre Besitzerin, und holt sich ihren Anteil. Ein paar Euro darf Christina behalten.

Das beliebteste Druckmittel in solchen Bordellen heißt: Türkenpuff. Türkenpuff ist die Strafe für Fehlverhalten. Er ist gefürchtet, weil er so billig ist, für Arbeiter. Nicht alle Kunden sind Türken, aber viele. Es muss sehr schnell gehen. Das bedeutet: Besonders viele Männer, extrem lange Arbeitszeit. 11 bis 23 Uhr, das ist das Mindeste. Die übelsten Läden aber sind die mit Hauslieferung. Der Kunde lässt sich eine Frau in die Wohnung liefern und zahlt bei Abholung. Der Preis richtet sich nach dem Zustand der Frau. Je kaputter sie ist, desto teuer wird es.

„Ich bin nicht geschlagen oder misshandelt worden. Der Klub war gepflegt. Auch die meisten Kunden. Mir ist nichts passiert. Außer, dass ich vor kurzem die Assistentin der Geschäftsführung war und ein Kind hatte und Karriere machen wollte und jetzt war ich eine Prostituierte ohne Namen geworden. Ich habe meinen Freund und meine Familie und mein Vertrauen verloren. Zum Tausch habe ich die Erinnerungen einer Prostituierten bekommen. Am meisten hatte ich Angst davor, mich an diesen Job zu gewöhnen. Ich habe jeden Tag gedacht: Das hier ist nicht mein Leben. Das bin nicht ich. Und ich habe pausenlos gedacht: Ich bin stark. Das ist mein wahrer Charakter. Stark.“

Die rettende Razzia

Christina ist in der Art Edelbordell gelandet, von dem in der Ukraine manche Frauen träumen. Sie hat keine Ahnung, wo genau in Deutschland sie ist. Den Namen der Stadt findet sie nach einer Weile heraus. Er sagt ihr nichts. Sie hat auch keine Ahnung, wer ihre Kunden sind. Vielleicht Prominente?

Nach ein paar Monaten darf sie allein in die Stadt. Sie ruft zu Hause an. Sagt: „Mir geht’s gut. Muss schnell wieder auflegen, das Geld reicht nicht.“ Was soll sie ihren Eltern auf Fragen antworten? Sie steht vorm Polizeipräsidium. Was soll sie der Polizei erzählen?

In der Ukraine arbeiten Polizei und Zuhälter oft zusammen. Ein hoher Polizeioffizier verdient 300 Euro im Monat. Sie sind fast immer bestechlich. In Deutschland stellen die Klub-Besitzer den Frauen gern Polizisten vor, mit denen sie zusammenarbeiten – manche Polizisten sind echt, andere nicht. Sie sagen: „Wenn ihr den Mund aufmacht, werdet ihr eingesperrt und abgeschoben.“

Die Objekte des Menschenhandels haben keine Vertrauensperson. Statt dessen beherrscht sie ein Gefühl der Lähmung. Christina erzählt ihre Geschichte einem Mann, der häufig zu ihr kommt. Der Stammkunde sagt: „Ich schicke gleich morgen die Polizei.“ Er kommt nicht wieder in den Klub, die Polizei ruft er auch nicht an.

Nach einem halben Jahr: die Razzia. Polizei kommt maskiert und bewaffnet in den Klub. Irgendwer hat ihnen jetzt doch einen Tipp gegeben. Manche Freier tun das. Christinas Pass wird kontrolliert. Sie bekommt ihn zurück. Kein Problem, eine Legale. Sie wagt nicht, etwas zu sagen, all die Leute vom Klub stehen neben ihr. Da fängt sie an, spanisch zu sprechen, aber völlig falsch, wirr und mit übertriebenem Akzent. Einer der Polizisten kann ebenfalls spanisch. Er sagt: „Die da nehmen wir mal besser mit.“ Sie kommt für den Rest der Nacht in eine Einzelzelle.

Der Polizist, der beim Gespräch dabei ist, sagt. „Heute machen wir das nicht mehr. Wir sperren die Frauen nicht mehr ein.“

Am nächsten Morgen erzählt sie ihre Geschichte. Danach sagt sie: „Ich will nach Hause.“ Der Polizist, der sie verhört, gibt ihr einen Rat. „Wir können dich abschieben, und du bist wieder in der Ukraine. Aber dann wird es noch schlimmer. Es wird immer noch schlimmer. Sie kriegen dich und schicken dich wieder los. Wenn du aussagst, darfst du hierbleiben, und wir helfen dir. Zuerst kommst du ins Frauenhaus.“ Christina sagte: „Da komme ich doch gerade her.“ In der Ukraine gibt es nur eine Art Frauenhaus.

Christina tritt als Zeugin auf, gegen die Frau, die sie von ihrem Cousin gekauft hat. Sie war früher selber Prostituierte. Dieser Rollenwechsel ist nicht selten. „Ich hatte keine Angst vor ihr. Im Gegenteil. Ich bin stolz darauf, dass ich mutig war. Diese Frau hatte nicht mal den Mut, mir im Gerichtssaal in die Augen zu schauen.“ Das Urteil lautet zwei Jahre auf Bewährung. „Zu wenig“, sagt Christina. „Ich war die einzige Zeugin. Meine Freundin wurde auch befreit, aber sie hat sich lieber abschieben lassen, als auszusagen.“ Und: „Ich bin sehr stolz auf mich. Ich erzähle Ihnen meine Geschichte, damit andere Frauen Mut bekommen und zur Polizei gehen.“

Wir dürfen sie nicht fotografieren und ihren Namen nicht nennen. Wir müssen an ihrer wahren Geschichte einige Details verändern. Racheakte gegen sie sind möglich. Aber meistens, erzählt der Polizist, verzichten die Täter auf Rache. „Die halten lieber den Ball flach. Wenn sie aus dem Gefängnis wieder freikommen, besorgen sie sich neue Frauen.“ Nachschub gibt es genug.

Bis der Prozess beginnt, dauert es fast vier Jahre. In dieser Zeit holt Christina ihren Sohn zu sich, lernt Deutsch, macht den deutschen Abschluss als Bürokauffrau und findet eine Stelle. Irgendwo. Sie leidet unter Herzproblemen, von denen der Arzt meint, sie seien psychosomatisch, und sie schläft meistens nur drei Stunden pro Nacht. Der Cousin verkauft immer noch Frauen und BMWs, aber traut sich nicht mehr nach Deutschland. Ihre Eltern haben den Cousin aus der Familie verstoßen. Ihr damaliger Freund hat die Beziehungen zu ihr abgebrochen.

Ansonsten geht es ihr gut.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben