Zeitung Heute : Die Zukunft der Grünen: Die Schongang-Generation

Markus Huber

Am Sonnabend ist am Kollwitz-Platz in Prenzlauer Berg Markttag. Dann gibt es Blumen, Käse, Yogi-Tees, biologisch angebaute Karotten und biologisch abbaubare Tofu-Würste. Es ist ein Markt für die 30-Jährigen, und sie kommen in Scharen: mit Klamotten, die man nur in diesen Mitte-Läden mit diesem Mitte-Schick bekommt; mit Frisuren, die aussehen, als wären sie gar keine, und trotzdem ungemein viel Arbeit machen. Die Menschen, die hier ihren Wochenend-Einkauf erledigen, sind im Leben angekommen, und als Zeichen ihrer Ankunft schieben sie einen Kinderwagen vor sich her.

Am Kollwitz-Markt sind Ökologie und Umwelt wichtig, und deswegen kostet ein Freiland-Ei hier dreimal so viel wie bei Aldi. Wer hierher kommt, ist wahrscheinlich nicht besonders stolz darauf, ein Deutscher zu sein, zumindest nicht so, wie Laurenz Meyer von der CDU das meint. Die Döner gehen hier jedenfalls gut weg; Man kann annehmen, dass die meisten hier irgendwann schon einmal die Grünen gewählt haben - und vielleicht erklärt das, warum Jürgen Trittin, der Umweltminister, sonnabends gern über den Kollwitz-Markt streift. Schließlich hatte er doch einmal genau dieses Publikum als "Hauptdomäne" seiner Partei bezeichnet: "Wir wollen die neue Mittelklasse - mit intelligenten Konzepten für Solidarität."

Dieser Satz stand 1996 in der "Frankfurter Rundschau". Jetzt ist das Jahr 2001, und Trittin stapft ziemlich einsam durch seine angestrebte "Domäne". Er kauft Schwarzbrot, er isst Döner, er lächelt, grinst - doch niemand grinst zurück. Ob sie ihn nicht erkennen? Wohl kaum. In seinen Jeans, dem roten Hemd und der schwarzen Lederjacke sieht der Minister genauso aus wie immer - und damit ziemlich anders als die anderen. Das ist ein möglicher Erklärungsansatz für die Tatsache, dass die Zielgruppe hier am Kollwitz-Platz peinlich genau darauf schaut, dass sie nicht auf Trittin schaut.

Trittins Anschlussprobleme sind exemplarisch für das Verhältnis seiner Partei zu den jungen Wählern. Die Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zum Beispiel waren für die Grünen nicht nur die Wahlschlappen Nummer 15 und 16 in Serie; sie waren vor allem bittere Niederlagen bei der Gruppe der Unter-35-Jährigen, in Baden-Württemberg verloren die Grünen in dieser Altersgruppe sogar zwölf Prozent.

Woran liegt das? Was machen die Grünen falsch? Grietje Bettin sitzt in ihrem Flensburger Büro und weiß es auch nicht so recht. Sie ist 25, Abgeordnete der Grünen im Bundestag und die Jüngste ihrer Fraktion. Sie sagt, in den Medien kämen immer nur die gleichen fünf Grünen-Politiker vor, und die seien alle um die 50. Junge Politiker könnten sich bei den Grünen schwer nach oben arbeiten, glaubt sie, und lässt damit durchblicken, dass die jungen Wähler bestimmt am liebsten junge Politiker wählen würden. Vielleicht stimmt das ja gar nicht, aber in jedem Fall, findet Grietje Bettin, haben die Grünen ein "spaßfeindliches Image" - ein schlechtes also in Zeiten des kollektiven Spaßes. Und dann sei da noch diese Negativ-Spirale: "Wir haben zu viele Wahlen verloren und haben deshalb ein Loser-Image. Junge Leute wollen keine Loser wählen."

Eine Theorie, der sich der Hamburger Politologe Joachim Raschke nicht anschließen mag. In seinem Buch "Die Zukunft der Grünen" hat er sich ebenfalls Gedanken über die Grünen und die Jungen gemacht, und er kommt zu dem Schluss, dass die Partei einfach die falschen Themen anspricht: "Sie kämpft immer noch für die alten Themen, die heute nicht mehr so ziehen. Und deswegen ging schon lange kein innovativer Gedanke mehr von ihr aus." Themen wie Internet und New Economy hätten die Grünen verschlafen. Und: "Aus allen Jugendstudien geht hervor, dass Junge Leute heute nicht mehr eine Beamten-Karriere anstreben. Im Moment gibt es einen Trend zur Selbstständigkeit. Da haben die Grünen nichts zu bieten."

Eine Frage der Turnschuhe

Seit 30 Monaten sitzen die Grünen nun in Gerhard Schröders Regierung, viele haben davon profitiert. Sie haben ihren persönlichen Image-Wandel geschafft: 69 Prozent der Deutschen wollen, dass Joschka Fischer, der Außenminister, in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielt. Oder Renate Künast: Die Verbraucherschutzministerin katapultierte sich nach zwei Monaten Kampf gegen die Seuchen auf den dritten Platz des ZDF-Politbarometers. Solche Werte waren für Grüne vor dem Regierungseintritt undenkbar. Und trotzdem ist da dieses Problem - vor allem bei den Jungen.

Werner Graf etwa ist gerade einmal 20 Jahre alt geworden und kann mit diesen Popularitätswerten wenig anfangen: "Was nützt es den Grünen, wenn 80 Prozent der Deutschen von Fischer eine gute Meinung haben? Die haben von Fischer eine gute Meinung, weil er sich ihrer Meinung nach für einen Grünen anständig verhält", glaubt Graf und schiebt nach: "Wählen werden sie uns deswegen trotzdem nicht." Graf kommt aus Nürnberg, wird dort gerade zum Event-Manager ausgebildet und stieß vor vier Jahren zu den Grünen. Seit zwei Jahren ist er Vorstandssprecher der Grünen Jugend. Beim 16. ordentlichen Bundeskongress der grünen Jungfunktionäre Ende März ist Graf zusammen mit seiner 24-jährigen Kollegin Ramona Popp als Sprecher bestätigt worden. Man könnte also sagen, er ist "Vorsitzender der Grünen Jugend", aber das darf man nicht, weil die jungen Grünen noch Wert auf Basisdemokratie legen. Ein Vorsitzender ist da nicht drin.

Der Bundeskongress fand in Hamburg-Altona statt, in der Rudolf-Steiner-Schule, an den Wänden waren Kinderzeichnungen und Poster mit politisch-korrekten Botschaften. Die Jungen haben einen ganzen Nachmittag lang in Arbeitskreisen über das Internet diskutiert, über die Chancen und Risiken, die sich aus den neuen Technologien für ihre Generation ergeben.

Die meisten waren um die 20, und sie sahen einander alle irgendwie ähnlich. Sie trugen Schlabberhosen, weite H & M-T-Shirts, Turnschuhe. Allerdings nicht die strengen weißen Tennis-Schuhe, die vor 20 Jahren so modern waren. Im Jahr 2001 ist die Firma Converse in, die bequeme, weit geschnittene Schuhe produziert. Claudia Roth, die neue Parteivorsitzende, war auch da: Optisch wie altersmäßig stach sie mit ihrem roten Seidenschal ziemlich heraus. Sie lobte die Jungen für ihre Initiative und sagte, das Internet sei die Zukunft.

Auf dem Pausenhof, wo das Rauchverbot nicht galt, interessierten sich allerdings die wenigsten fürs Internet. Da ging es um Trittin und die Patriotismus-Debatte, um den Castor-Transport und um die vielen Wahlniederlagen. Antworten? Trittin hat in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht geschadet, der Castor hingegen schon, und die Wahlniederlagen sind ein Unglück, an dem die Parteispitze schuld ist. Sie verbreite immer noch das Image einer Lehrer- und Professoren-Partei. Für knapp 20-Jährige sind Lehrer und Professoren rote Tücher.

Daniel aus Nürnberg, Bezirkssekretär der Grünen in Mittelfranken, war auch in Hamburg. "Wer wählt schon gerne die Partei, die seine Eltern gewählt haben?", sagt er. Wobei dieses Problem natürlich auch die CDU und die SPD haben. Mit seinen 26 Jahren ist Daniel so etwas wie der Dino unter den Jungen Grünen. Er studiert Geschichte und Deutsch und will Lehrer werden. Früher, sagt er, hätten es seine Freunde cool gefunden, dass er sich bei den Grünen engagiert: "Heute akzeptieren sie das gerade noch einmal, weil ich ja auch sonst ein netter Kerl bin."

Von Wellness nichts zu spüren

Als sich die Grünen in den achtziger Jahren langsam zu einer Partei formierten, waren sie eine relativ homogene Gruppe von um die 30-Jährigen. Viele hatten eine gemeinsame Geschichte, hatten Frankfurt, Wackersdorf, die Pershing II. Es gab Ziele, und es gab einen Kitt, der sie trotz Flügelkämpfen zusammenhielt. Heute fehlt so etwas, zumindest scheinbar. "Es gibt keine Protestkultur mehr", meint die Bundestagsabgeordnete Bettin, "nichts, worüber sich Junge aufregen können, keine Ereignisse mehr. Das trifft die Grünen auf Grund ihrer Geschichte härter als die anderen Parteien." Bettin glaubt, dass die heutige Jugend unpolitischer geworden ist - ihre Altersgenossen bezeichnet sie deshalb als "Schongang & Wellness-Generation".

Natürlich gibt es auch Orte, an denen noch die alten Fragen debattiert werden. Werner Graf zum Beispiel war beim Castor-Transport. Mit zwei Freunden war er in Dannenberg, sie haben die Nacht im Auto verbracht, drei Mann in einem gemieteten Ford Focus, ohne Guten-Morgen-Kaffee, nur mit Anti-Kater-Kippen. Am Dannenberger Verladebahnhof hat er gejubelt, als über den Lautsprecher vom VW-Bus die Erfolgsmeldungen kamen: Wer wo welchen Streckenabschnitt besetzt hielt, wie lange der Castor-Transport schon aufgehalten wurde.

Von "Wellness" war da gar nichts zu bemerken; von einem "Schongang" erst recht nicht. Und es waren vor allem junge Leute da. Aber dass er bei den Grünen ist, hat Graf in Dannenberg lieber verschwiegen. Und als sie von der Polizei eingekesselt wurden, hat er sich gefragt, ob er bei der richtigen Partei ist.

Eine Lösung haben die jungen Engagierten bei den Grünen nicht für ihr Problem. Jürgen Trittin wird in diesem Jahr 47, Joschka Fischer ist mittlerweile 53. Fritz Kuhn ist 44, seine Vorsitzenden-Kollegin Claudia Roth wird im Mai 46. Immerhin: Ihre Altergenossen blieben ihnen auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewogen. Auch das Bürgerschreck-Image ist weg - bei den beiden Landtagswahlen legten die Grünen in der Generation der Über-60-Jährigen kräftig zu. Ein Hoffnungsmarkt.

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