Zeitung Heute : Die Zukunft des Lernens ist digital – aber nicht nur

Es gibt unterschiedliche Lerntypen. Die Lehre muss für jeden das passende Angebot machen.

Hans-Ulrich Heiß
Digitale Werkzeuge. Sie sind weder eine Mode noch bedeuten sie das Ende der Präsenzlehre. Es kommt darauf an, wie die Lehrenden die neuen Möglichkeiten nutzen. Foto: TU Presse/Dahl
Digitale Werkzeuge. Sie sind weder eine Mode noch bedeuten sie das Ende der Präsenzlehre. Es kommt darauf an, wie die Lehrenden...Foto: Ulrich Dahl/Technische Universit

Als ich in den siebziger Jahren studierte, malten die Professoren riesige Tafeln voll. Wir mussten zuhören, mitschreiben und verstehen. Skripte, das heißt Texte, die den Inhalt der Vorlesung umfassten, gab es oft nicht. In einigen Fällen hatte der Professor ein Buch geschrieben, das als Grundlage der Vorlesung diente und das Studierende mit einem kleinen Rabatt kaufen konnten. Natürlich gab es Bücher, die den Stoff abdeckten, aber sie waren meist anders aufgebaut als die Vorlesung. Fehlte man in einer Vorlesung, musste man sich von Kommilitonen die Mitschrift ausleihen und abschreiben.

Knapp 40 Jahre später hat sich einiges geändert. Hörsäle gibt es zwar noch, aber die Tafel ist oft ersetzt durch eine Leinwand, auf der Texte und Bilder präsentiert werden. Das Web ist universale Quelle des Wissens geworden. Studierende können sich Lehrinhalte weltweit herunterladen und damit arbeiten. Lehrende zeichnen ihre Vorlesungen auf und stellen die Videos ergänzt um multimedial aufbereitete Lehrmaterialien auf Lernplattformen im Web zur Verfügung, so dass ein Besuch der Vorlesung nicht mehr notwendig erscheint. Selbst Experimente in den Naturwissenschaften werden digital bereitgestellt. E-Mail und Chat prägen die Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden. Apologeten dieses Trends sagen den Tod der Präsenzlehre voraus und weisen den Hochschullehrern die Rolle von Medienproduzenten zu, die sich im globalen Wettbewerb behaupten müssen.

Die Studiengänge und ihre Inhalte werden heute nicht mehr vom Ministerium geprüft, sondern müssen sich einer Akkreditierung unterziehen, die sich zunehmend auf formale Aspekte der Studiengangsgestaltung (zum Beispiel Modularisierung, Kreditpunkte, studentische Arbeitslast) konzentriert. Dies ist charakteristisch für den bisherigen Verlauf der Bologna-Reform, die sich vorwiegend mit der Struktur der Studiengänge (Bachelor/Master statt Diplom) befasste.

Jetzt muss der Schwerpunkt auf Inhalte gelegt werden – und ihre bestmögliche Vermittlung. Ein bedeutender Schritt in diese Richtung ist die Lernzielorientierung. Statt nur Inhalte vorzugeben, wird für jeden Studiengang festgelegt, über welches Wissen und welche Fähigkeiten die Absolventen nach Abschluss des Studiums verfügen sollen. Das mag banal klingen, hat aber weitreichende Konsequenzen für Studienaufbau, Studieninhalte, Gestaltung von Lehrveranstaltungen und Prüfungsformen, denn alles muss auf die Lernziele ausgerichtet sein. Es hat auch Konsequenzen für das Selbstverständnis von Lehrenden und Lernenden. Insbesondere werden dabei neuere Erkenntnisse der Lernforschung berücksichtigt. So ist die auf Benjamin Bloom zurückgehende Taxonomie des Lernens, in der die Stufen Wissen, Verstehen, Anwenden, Analysieren, Synthetisieren und Evaluieren unterschieden werden, mittlerweile Alltag in der Hochschuldidaktik. Hochschullehrer verstehen sich nicht nur als Wissensvermittler, sondern als Begleiter eines Lernprozesses, in dessen Zentrum die Studierenden stehen. Dies wird gelegentlich auch als „Paradigmenwechsel vom lehrzentrierten zum lernzentrierten Ansatz“ bezeichnet.

Praktisch bedeutet das neue Formate von Veranstaltungen, die stärker projektorientiert oder fallbasiert organisiert sind. In idealer Umsetzung führt das zu forschendem Lernen, bei dem Studierende in überschaubaren und ihren Fähigkeiten angepassten Forschungsvorhaben typische Phasen wie Hypothesenbildung, Methodenwahl, Durchführung, Überprüfung und Darstellung der Ergebnisse selbst durchlaufen. Dabei erfahren sie unmittelbar, wie wichtig Fakten- und Methodenwissen sind. Zudem eignen sie sich persönliche und soziale Kompetenzen an, die für jede spätere Tätigkeit erforderlich sind wie recherchieren, Zeit und Arbeit einteilen, Entscheidungen treffen, Ergebnisse darstellen – und mit Frustration und Kritik umzugehen.

Auch bei diesen neuen Formaten ist zu berücksichtigen, dass es unter den Studierenden unterschiedliche Lerntypen gibt. Die Vielfalt des Lernens, wie sie sich heute abzeichnet, ist als Segen zu verstehen. Ich glaube, dass weder die Präsenzlehre verschwindet, noch dass es sich bei den multimedialen Angeboten um eine kurzfristige Mode handelt. Vielmehr ergänzen sich die Angebote und erlauben den Studierenden eine individuelle Kombination der für sie besten Methoden.

Lernen ist nicht mehr an einen festen Ort und eine feste Zeit gebunden. Dies schafft mehr Freiräume auch für diejenigen Studierenden, die Teilzeitjobs haben, um ihr Studium zu finanzieren. Gleichzeitig verlangt dieser Freiraum Eigenverantwortlichkeit. Es ist daher Aufgabe der Hochschulen, den Studierenden in den ersten Semestern ihre Rolle in diesem Lernprozess zu verdeutlichen, ihnen helfen herauszufinden, wie sie am besten mit den Angeboten umgehen.

Was erhalten bleiben muss, als Essenz einer universitären Bildung, ist die Bedeutung von Hochschullehrern, die mit Begeisterung für ihr Fach, mit Einblicken in ihre Forschung, mit ihrem Wissenschaftsverständnis die Augen der Studierenden zum Leuchten bringen. Lehren heißt, ein Feuer entfachen, nicht einen leeren Eimer füllen (angeblich Heraklit).

Der Autor ist Professor für Kommunikations- und Betriebssysteme und Vizepräsident für Studium und Lehre der TU Berlin.

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