Zeitung Heute : Die Zukunft erfinden

Der Energiebedarf der Bevölkerung unseres Planeten wächst dramatisch. Gefragt ist Innovationsstärke

Utz Claassen

Vor 400 Jahren starb Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen, nicht zuletzt weil er darauf beharrte, dass die Sonne sich nicht um die Erde drehe. Späteren Vordenkern drohte zwar nicht mehr der Ketzertod, oft aber erfuhren sie Spott oder Ablehnung: Als Thomas Stephenson seine Dampflokomotive plante, behaupteten die Kritiker, dass auf den glatten Schienen die Räder durchdrehen würden. Ein für uns heute genauso abwegiger Gedanke wie die seinerzeit geäußerte Befürchtung, dass durch die Beschleunigung des Automobils das Gehirn zusammengequetscht werde.

Heute sind Innovationen fester Bestandteil aller Wirtschaftsstrategien, Innovationsstärke ist der Schlüssel zu hoher Wettbewerbsfähigkeit. Innovationen sind auch der Schlüssel für die Wiedererstarkung der deutschen Wirtschaft. Die spannende Frage ist: Woran erkennt man, dass eine Neuerung tatsächlich eine Innovation ist – also eine qualitative Verbesserung, die sich auf dem Markt bewährt. Das Potenzial echter Innovationen ist zum Zeitpunkt ihrer Schöpfung oftmals nicht auf Anhieb zu erkennen.

Ein berühmtes Beispiel hierzu: Xerox betrachtete sich als eine Kopiergeräte- und nicht als eine Computerfirma; die Anfänge der modernen PC-Technik mit Mouse und Benutzeroberfläche aus dem Palo Alto Research Center Xerox-PARC wurden vom Management daher nicht weiterverfolgt. Eine ironische Wendung, denn Xerox, das seine eigene erfolgreiche Existenz einer zunächst verspotteten Technik – dem Fotokopierer – verdankte, versäumte die nächste große Technologie, obwohl das Unternehmen alle Trümpfe in der Hand hatte. Xerox wollte einfach das tun, was Unternehmen tun müssen, um erfolgreich zu sein: Kunden zufrieden stellen, Markt entwickeln, Marge realisieren. Der Laserdrucker entsprach dieser Logik und erfüllte genau diesen Zweck. Aber das große Geschäft mit dem Computer machten Apple und Microsoft. Sie erkannten das Potenzial und sahen die Innovation.

Innovation ist zu einem Schlüsselbegriff der globalisierten Welt geworden. Das Vordenken in Szenarien für die zukünftige Gegenwart erfordert ein Abweichen von der Norm und verlangt oftmals nach zunächst absurd anmutenden Ideen. Nur durch das Beschreiten neuer Wege können Menschen und Unternehmen dem fundamentalen Strukturwandel weltweit Rechnung tragen. Innovation ist mit Wagnis verbunden: Sowohl Gesellschaft als auch Unternehmen müssen bereit sein, gewohnte Pfade zu verlassen und einen Schritt hin zur Non-Konformität zu riskieren.

Und: Innovation geht vom Menschen aus. Die menschliche Kompetenz bildet einen entscheidenden Grundpfeiler, um Innovation erfolgreich zu gestalten und zu realisieren. Die Investition in Forschung und Entwicklung, in die kostbare Ressource Wissen, die Förderung des menschlichen Potenzials ist daher notwendige Bedingung für einen effektiven Innovationsprozess. Erfolg versprechende Ideen müssen erkannt, unterstützt und in innovative Produkte überführt werden. Dazu bedarf es eines Bewusstseins für Innovation.

Innovation kann zwar nicht verordnet, wohl aber initiiert und unterstützt werden, und so hat die Bundesregierung die „Partner für Innovation“ ins Leben gerufen: Wissenschaft, Wirtschaft und Gewerkschaften, die gemeinsam in verschiedenen „Impulskreisen“ an zukunftsorientierten Schlüsseltechnologien arbeiten. Die EnBW – als innovatives Unternehmen bekannt – ist Partner für das Thema „Energie“.

Der Energiewirtschaft kommt in Zukunftsszenarien eine wesentliche Rolle zu. Energie ist mehr als nur Strom aus der Steckdose – sie ist Voraussetzung für die Funktionsweise der essenziellen Bereiche unseres Lebens. Sie ist Garant für die Erhaltung unseres Lebensstandards und wird deshalb zu Recht als „Lebensmittel“ betrachtet. Energie sichert Wohlstand und ermöglicht nachhaltiges Wirtschaften. Die wirtschaftliche und strukturelle Entwicklung unserer Volkswirtschaft ist in erheblichem Maße von Energiewirtschaft und Energiepolitik abhängig. Werden die Innovationspotenziale der Energiewirtschaft konsequent genutzt, kann dies einen großen positiven Einfluss auf die zukünftige Verfügbarkeit und Sicherheit von Energie, auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und auf die Lebensqualität seiner Bewohner entfalten. Die Energiewirtschaft trägt aber auch Verantwortung für das Klima: Der sorgsame Umgang mit Ressourcen und klimaschonende Produktion sind längst zur vorrangigen Aufgabe auch der großen Stromproduzenten geworden. Deutschland hat das Fachwissen, um auf diesem Sektor eine Vorreiterrolle in Europa, ja sogar weltweit einzunehmen. Dieses Fachwissen läuft im „Impulskreis Energie“ zusammen, und so konnten bereits einige potenzialträchtige Projekte aus diesem Kreis hervorgehen. Das wichtigste Themenfeld des Impulskreises ist der effiziente Umgang mit Energie. Zum Beispiel: Die energieeffiziente Sanierung von Schulgebäuden soll den Kommunen Energie und damit Kosten einsparen, darüber hinaus sollen auch die Schüler und ihre Familien mit den Vorteilen des energieeffizienten Bauens vertraut gemacht werden. Ein weiteres Projekt des Impulskreises: Kleine und mittlere Unternehmen sollen mit so genannten „Energietischen“ lernende Netzwerke schaffen, um kompetente Information und Anleitung zum effizienten Energiemanagement weiterzugeben. Im Projekt „EnBW EnyCity“, der Energiestadt der Zukunft, sollen moderne Technologien und Prozesse alle Energieerzeugungsmethoden zu einem flexiblen und effizienten Energiesystem zusammengefasst werden. Und es ist noch zu wenig bekannt, dass in Deutschland ein immenses, auch global bedeutsames Innovationspotenzial zum Thema Energie existiert. Dieses einmalige Know- how soll das Projekt „EnBW EnyCity“ für urbane Regionen weltweit nutzbar machen.

Denn Energieversorgung ist gerade auch im globalen Kontext betrachtet eines der entscheidenden Zukunftsthemen, weil der Energiebedarf der Bevölkerung unseres Planeten dramatisch wächst. In China etwa liegt der derzeitige Elektrizitätsverbrauch pro Kopf bei rund einem Sechstel des Durchschnittswertes der EU15-Länder. Niemand darf, kann und wird den Chinesen verwehren wollen, auf unserem Wohlstands- und damit annähernd auch auf unserem Energieverbrauchsniveau zu leben. In China entsteht damit rein rechnerisch ein zusätzlicher Bedarf von mehr als 2000 Kraftwerken mit einer jeweiligen Kapazität von 500 Megawatt – eine für deutsche Verhältnisse unvorstellbare Größenordnung. Dabei ist Chinas Bevölkerungsentwicklung noch gar nicht berücksichtigt. Andere dynamische Wachstumsländer wie etwa Indien, Indonesien oder Brasilien kommen noch dazu.

Bei der Emission von Klimagasen kann diese Entwicklung zu einer völlig neuen Dimension von Problemen führen: Nach bisherigen Berechnungen würde die Versechsfachung des chinesischen Pro-KopfVerbrauchs an Strom zu einem zusätzlichen CO2-Emissionsvolumen von circa 3500 Millionen Tonnen pro Jahr führen, setzt man den gegenwärtigen technologischen Stand sowie den heutigen Energiemix fossiler und regenerativer Erzeugungsformen, jedoch ohne Kernenergie, voraus. 3500 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich: Das ist etwa sieben Mal so viel wie die Menge, die heute in Deutschland von Industrie und Energiewirtschaft zusammen emittiert wird. Auch in dieser Rechnung ist der Bevölkerungsanstieg noch nicht berücksichtigt und erneut haben wir über Staaten wie Indien noch gar nicht gesprochen.

Von den über sechs Milliarden Menschen auf unserem Globus verfügen heute etwa eine Milliarde Menschen über einen ähnlichen Zugang zu Energie wie wir, eine weitere Milliarde über einen leicht eingeschränkten, zwei Milliarden über einen deutlich eingeschränkten, und zwei weitere Milliarden über so gut wie keinen. Dies stellt global eine der größten sozialen Ungerechtigkeiten dar. Nimmt man jedoch an, dass eines Tages alle Menschen den gleichen Zugang zu Energie und Stromverbrauch haben wie wir in Europa, so ergeben sich noch ganz andere Zahlenwerte als die aus dem chinesischen Beispiel.

Die Befriedigung des erwarteten Energiebedarfs der nahen Zukunft ist also – neben der Wasserversorgung und dem globalen Frieden – die wichtigste und ehrgeizigste Herausforderung der Gegenwart. Bereits heute verbraucht die Welt etwa alle 12 Tage eine Milliarde Barrel Öl. Doch wie oft wird ein neues Ölvorkommen im Milliarden-Barrel-Bereich gefunden? Auch die heute angenommenen zeitlichen Reservereichweiten an Gas, Braun- oder Steinkohle werden vor dem Hintergrund der dynamischen Entwicklungen voraussichtlich neu zu bewerten sein. Eine der wichtigsten Fragen, die mit dem steigenden Energiebedarf einhergehen, beschäftigt sich mit dem Klimawandel. Sir David King, der wissenschaftliche Chefberater der britischen Regierung, hält eine mögliche Klimakatastrophe für noch bedrohlicher als den Terrorismus.

Den Energiehunger können wir nur dann ökonomisch, ökologisch und sozial erfolgreich stillen, wenn uns zweierlei gelingt: die Überwindung einer ideologisierten, interessengeleiteten Debatte und die Entwicklung einer integrierten globalen Energiepolitik. Das erfordert ein Umdenken in der Energiewirtschaft ebenso wie bei den Energiepolitikern. Die Unternehmen müssen lernen, dass die Ertragsentwicklung der nächsten fünf Jahre unmöglich wichtiger sein kann als die ökologische Entwicklung auf unserem Planeten in den nächsten fünf Milliarden Jahren, dass Wettbewerb um Ideen der richtige Weg ist und interessengeleitete Verharrung in die Sackgasse führt. Die Politik muss verstehen, dass in einer globalen Betrachtung keine, aber auch gar keine Form der Energieerzeugung von vornherein ausgegrenzt werden kann und der Energiemix der Zukunft nicht beliebig gestaltbar ist.

Genauso wichtig ist der Übergang von nationaler zu globaler Energiepolitik. Solange Regionen, die für Sonnen- und Windenergie klimatisch, geografisch und demografisch geeignet sind, auf fossile Energieträger setzen und zugleich dicht bevölkerte Staaten mit volatilem Windaufkommen und vergleichsweise wenig Sonne regenerative Erzeugungsformen milliardenschwer subventionieren, ist der Ressourceneinsatz global unausgewogen. Es reicht nicht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Der Anteil Deutschlands am Weltenergieaufkommen liegt im unteren einstelligen Prozentbereich. Allein werden wir die Dinge nicht zum Guten wenden können. Wir müssen andere zum Nachdenken bewegen.

Wir können die Zukunft nicht vorhersagen, aber gerade beim Thema Innovation sollten wir das umsetzen, was der Turing-Preisträger Alan Kay schon 1971 riet: „The best way to predict the future is to invent it.“

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der EnBW Energie Baden-Württemberg AG. Er ist verantwortlich für das Thema „Energie“ im Rahmen der von Bundeskanzler Gerhard Schröder ins Leben gerufenen Initiative „Partner für Innovation“.

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