Zeitung Heute : Die Zukunft hält ihren Lohn bereit

Der Tagesspiegel

Von Ursula Weidenfeld

Immer, wenn Gewerkschaften und Arbeitnehmer über Lohn und Gehalt verhandeln, stellt sich die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Systems. Und immer antworten die Rationalisten und Logiker, dass der Zusammenbruch nahe sei, weil das System nicht zukunftsfähig ist. Weil offenkundig sei, dass die Tarifvertragsparteien nicht in der Lage seien, Verträge zu schließen, die Bestand haben. Und zwei Jahre später wundern sich alle, dass das System der kollektiven Tarifverhandlungen in Deutschland immer noch existiert und dass sich Gewerkschaften und Arbeitgeber wieder daran machen, es endgültig zu ruinieren.

Das Mirakel hat zwar zuallererst damit zu tun, dass in Deutschland der Staat die Tarifautonomie garantiert – und dass er beispielsweise den Betriebsparteien verbietet, Absprachen zu treffen, die einen Tarifvertrag unterlaufen. Doch es hat auch damit zu tun, dass sich – jedenfalls in Westdeutschland – immer noch ein Großteil der Unternehmen und der Arbeitnehmer zum Tarifvertrag bekennen. Die Außensicht, dass der Tarifvertrag volkswirtschaftlich unsinnig ist, hält der Innensicht nicht stand: Und die sagt, dass Tarifverträge im Großen und Ganzen nützlich und absolut zukunftsfähig sind.

Tatsache ist, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber neben den archaischen Lohn- und Gehaltsverhandlungen längst Strukturen etabliert haben, die tragen: Neben dem Lohn- und Gehaltstarifvertrag gibt es beispielsweise welche über Arbeitszeitkonten, über betriebliche Altersversorgung, über die Altersteilzeit, über Fortbildung, über Ausbildung oder über die Behandlung von Arbeitern und Angestellten. In vielen dieser Bereiche haben sich Tarifverhandlungen jedenfalls in Deutschland offensichtlich bewährt: Sonst gäbe es keine mehr.

Alle profitieren

Für diejenigen, die einen Job haben und die Arbeitgeber, die ein gut geführtes und effizientes Unternehmen führen, sind Tarifverträge nützliche Einrichtungen: Sie regeln Dinge, die man vielleicht mit dem eigenen Chef oder dem eigenen Betriebsrat so nicht vereinbaren könnte: Arbeitszeitkonten, die über drei oder mehr Jahre laufen zum Beispiel. Damit kann man einen großen Teil der Überstunden und auch der Unterbeschäftigung in schlechten Zeiten kompensieren, ohne dass es teuer wird.

Auch die Tarifverträge zur Altersvorsorge zeigen, wie innovativ gewerkschaftliche Politik sein kann. Die großen Tarifvertragsparteien gründen gemeinsame Pensionsfonds, um die betriebliche Variante der Riester-Rente in die Tat umsetzen zu können. Die am besten Ausgebildeten profitieren vom Flächentarifvertrag, weil er ihre Arbeitsplätze flexibler und sicherer macht. Und die profitabelsten Unternehmen profitieren ebenfalls: Weil sie zum Beispiel durchschnittlich weniger Lohn und Gehalt zahlen müssten, als wenn sie allein verhandeln. Und weil sie die Flexibilisierungsmöglichkeiten der Verträge voll ausschöpfen können.

Es ist also der leistungsfähigste Teil der Tarifinsider, die den maximalen Vorteil davontragen, die auf die Zukunftsfähigkeit der Gewerkschaften und der Arbeitgeber und der Flächentarifverträge jeden Eid schwören würden.

Zu wenig neue Arbeitsplätze

Doch Zukunftsfähigkeit misst sich eben nicht nur am Votum der Insider: Die Arbeitslosen, die Schlechtverdienenden, die Geringqualifizierten, die Unternehmen mit einer miserablen Rendite – die bestraft der Flächentarifvertrag. Er sorgt durch die Lohnhöhe und die Arbeitskosten dafür, dass die Beschäftigten und Unternehmen, die das Geld nicht mehr verdienen, das der Tarifvertrag fordert, aus dem Markt ausscheiden. Für die Beschäftigten heißt das, dass sie arbeitslos werden. Und für die Unternehmen heißt es, dass sie insolvent werden.

In wirtschaftlich guten Zeiten ist dieser Effekt durchaus erwünscht: Weil er dafür sorgt, dass die Produktivität der Unternehmen wächst, die im Markt bleiben. Und weil er dafür sorgt, dass die Beschäftigten, die in schlechten Unternehmen arbeiten, in gute wechseln können.

Nur, dass die Zeiten schon lange nicht mehr so gut sind. Heute bleiben die Beschäftigten, die ihr Geld nicht mehr verdienen können, arbeitslos. Und für verloren gegangene Arbeitsplätze in Unternehmen entstehen zu wenige neue. Und da liegt auch der Grund, warum Gewerkschaften und Arbeitgeber im Augenblick jedenfalls keine zukunftsfähige Tarifpolitik machen. Beide Verbände verfolgen eine klare Klientelpolitik, die einen offener und die anderen weniger offen.

Bei der IG Metall kommt ein weiterer Aspekt dazu: In der Organisation kämpfen im Moment zwei Fraktionen gegeneinander um die Nachfolge von Gewerkschaftschef Klaus Zwickel. Die einen um den heutigen Vizevorsitzenden Jürgen Peters gelten im eigenen Lager als Traditionalisten, die anderen um den baden-württembergischen IG-Metall-Bezirkschef Bertold Huber als Modernisierer.

Demjenigen, der dem diesjährigen Tarifabschluss seinen Stempel aufdrücken kann, werden die besten Chancen auf die Zwickel-Nachfolge eingeräumt. Und über die Zukunftsfähigkeit der IG Metall will die Gewerkschaft dann nach der Lohnrunde wieder nachdenken.

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