Zeitung Heute : Die Zukunft in der Gosse

Sie sind das Rückgrat der palästinensischen Gesellschaft: gemäßigt und bemüht um eine gute Ausbildung. Nun verelenden auch sie

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Auf dem Wohnzimmertisch eine Sammlung antiker Öllampen aus Ton, an der Wand ein modernes Gemälde in Beige, auf dem Esstisch stehen dekorative grüne Gläser, und an jedem Platz liegt eine dicke Stoffserviette. Die Wohnung von Ibrahim Azem, seiner Frau Nivin und ihren drei kleinen Kindern in Ramallah ist nicht groß, aber die Einrichtung verrät auf den ersten Blick, dass die Bewohner zum Mittelstand gehören. Noch. Denn das Telefon ist schon abgestellt, weil die Familie die Rechnung seit Monaten nicht bezahlt hat. Der Kühlschrank ist leer. Mohammed, 37, und seine Frau arbeiten beide bei der palästinensischen Autonomiebehörde. Er ist Beamter in der Parlamentsverwaltung, sie Finanzbeamtin im Ministerium für Gefangene. Zusammen verdienen sie monatlich 6600 Schekel, also 1180 Euro. Doch beide haben seit vier Monaten kein Gehalt mehr bekommen.

„Wir haben Glück, dass uns unsere Eltern helfen“, sagt Ibrahim, ein großer, ruhiger Mann. Jeden Tag isst die Familie entweder bei Ibrahims Vater, der einen kleinen Holzbetrieb hat, oder beim Schwiegervater, der ein Restaurant besitzt. Miete an den Vater, dem die Wohnung gehört, zahlen sie derzeit nicht. „Es ist ein schreckliches Gefühl, den Vater um Hilfe zu bitten, eigentlich müsste ich meine Eltern unterstützen“, klagt Ibrahim.

Der Familie Azem geht es wie vielen der 160 000 Angestellten der Autonomiebehörde. Sie sind das Rückgrat des Mittelstandes in den Palästinensergebieten. Bisher haben sie trotz aller politischen Krisen über ein geregeltes Einkommen verfügt, sie bemühen sich um eine gute Ausbildung ihrer Kinder und sind politisch gemäßigt – etwa 85 Prozent der Angestellten der Autonomiebehörde gehören der Fatah an, die Israel anerkannt hat. Doch nun wird diese gemäßigte Schicht ins Elend gezogen, und es kann nicht gut sein für das Land, die Zukunft in der Gosse. In den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu absurden Szenen, als Hamas-Politiker Koffer voller Bargeld über die Grenzen ins Land brachten – Millionen waren es, gedacht vor allem für die Beamten, die seit Monaten kein Geld gesehen haben. Und dennoch hat es gerade für Abschlagszahlungen gereicht und längst nicht für alle. Die Azems haben nichts bekommen.

Dass Ausflüge ins Schwimmbad gestrichen wurden, kann die Familie verschmerzen. Dass die Kinder in diesem Jahr kein Sommercamp mitmachen, sondern monatelang vor der Tür spielen, auch. „Aber wenn wir kein Gehalt bekommen, können wir unsere Tochter Bisan nach den Ferien nicht mehr auf die Privatschule schicken“, fürchtet Nivin. Die Arab American School kostet 800 Dollar pro Jahr, bietet eine gute Ausbildung und längere Betreuungszeiten, auf die die berufstätigen Eltern angewiesen sind. Aber Bisan bekam nicht einmal ein Zeugnis, weil die Eltern im letzten Trimester das Schulgeld nicht bezahlen konnten.

„Die Welt bestraft eine Nation, nicht die Hamas“, sagt Ibrahim. Die Europäer hätten „die Wahlen finanziert, beobachtet und bestätigt, dass sie frei und fair waren. Warum erkennen sie jetzt das Ergebnis nicht an?“, fragt er.

Ab Juli will die EU wieder helfen – teilweise. Die EU-Kommission will den Palästinensern 105 Millionen Euro für Krankenhäuser, Stromversorgung und bedürftige Familien zur Verfügung stellen. Ziel ist, der palästinensischen Bevölkerung unter Umgehung der radikalen Hamas-Regierung zu helfen. Der Leiter des größten staatlichen Krankenhauses in Ramallah, Hosni Attari, sieht in dem EU-Hilfspaket aber höchstens eine Zwischenlösung. „Wir brauchen Personal und Ausrüstung!“, sagt er. Noch kämen die 346 Angestellten täglich zur Arbeit, obwohl sie nicht bezahlt werden. Aber wie lange noch? 400 Checkpoints in der Westbank und zahlreiche Straßensperrungen machen die Wege extrem lang, gleichzeitig sind die Preise für Bus und Taxi rasant gestiegen. „Was nützt mir das Material, wenn ich kein Personal mehr habe?“, fragt Hosni Attari.

Und in Gaza ist die Lage noch weitaus dramatischer. Im Schifa-Krankenhaus sind bereits sechs Patienten wegen Medikamentenmangels an Nierenversagen gestorben, sagt Jumaa al Saqqa, Krankenhaussprecher und Chirurg. Er sitzt in seinem bescheidenen Chefbüro gleich neben dem Eingang von Gazas größter Klinik. Ein einziger Ventilator versucht träge, die Hitze besser zu verteilen. Weil die privaten Kliniken so viel teurer sind und kaum einer in Gaza sich das noch leisten kann, sagt er, erbt die Schifa-Klinik nun auch deren Patienten; die Flure sind voll. 600 Betten gibt es hier, und die Vorräte für Narkosen reichten höchstens für vier Wochen.

Vier Monate nach Aussetzung der EU-Unterstützung durchzieht die Armut alle Schichten der palästinensischen Bevölkerung. Ganz unten ist sie wie immer am spürbarsten. Der Besitzer eines Lebensmittelladens im Flüchtlingslager Dschabalija in Gaza, Tawfiq Abu Jalhum, ist täglich mit den Nöten der Nachbarn konfrontiert. „Die Menschen kaufen nur noch das Nötigste: Tee, Zucker, Öl und Bohnen“, sagt er. Milch sei zum Luxus geworden. Insgesamt seien seine Einnahmen um 60 Prozent zurückgegangen. Statt für 400 Schekel verkaufe er täglich höchstens noch Waren im Wert von 100 bis 150 Schekel. Und das auf Pump. Der Mann holt ein zerschlissenes Buch hervor. Seitenweise zeigt er Schuldeneinträge aus drei Monaten. „90 Prozent der Leute, die anschreiben lassen, sind Angestellte der Autonomiebehörde.“ Noch einen Monat könne er auf Pump verkaufen, dann sei Schluss. Schuld ist in seinen Augen die internationale Gemeinschaft, die die Palästinenser mit Sanktionen belegt. „Aber“, sagt er, „die Hamas hätte ich auch nicht gewählt, wenn ich gewusst hätte, was auf uns zukommt.“

Über dem Goldmarkt von Gaza liegt gespenstische Ruhe. Eigentlich herrscht hier im Sommer Hochbetrieb: Hochzeiten stehen an, und der Goldschmuck für die Braut wird hier gekauft. Doch in diesem Jahr lassen sich kaum Kunden blicken. „In den vergangenen drei Monaten kamen noch Menschen, um Goldschmuck zu verkaufen – jetzt haben die meisten ihre Notreserve weggegeben“, sagt Abdel Tabazi, der in seiner kleinen Boutique sitzt. Er öffnet ein Päckchen aus rotem Geschenkpapier, in dem zwei goldene Ringe, ein Armband und ein filigraner Kettenanhänger liegen. Das Päckchen hat er morgens bei einem General abgeholt, der sich schämt, in den Laden zu kommen. „Dies ist der Schmuck, den er seiner Frau zur Hochzeit geschenkt hat, mehr hat er nicht“, sagt Abdel Tabazi. 300 Dollar bekommt der General dafür, das Gold wird eingeschmolzen.

Nivin Azem in Ramallah hat ihren Goldschmuck noch nicht angetastet, dank der Unterstützung durch Eltern und Schwiegereltern. Doch das Restaurant ihres Vaters macht immer weniger Umsatz, dem Holzunternehmen des Schwiegervaters bleiben die Aufträge weg. „Als nächstes werden sie uns den Strom abstellen“, fürchtet Nivin. Dann wird auch sie auf den Goldmarkt gehen.

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