Zeitung Heute : Die Zukunft ist von gestern

Präsident des Iran wird wohl ein Altbekannter: HashemiRafsandschani. Eine Bankrotterklärung für das Land, sagen viele

Markus Ziener[Teheran]

Bis dicht vor das Gesicht drückt der Kameramann des staatlichen Fernsehens das Objektiv, er filmt den Mann in der ersten Reihe, der sich gerade den Schmerz aus dem Leib schreit. Der Mann ruft die Namen zweier Imame, jenen des Märtyrers Hussein, eines Enkels des Propheten Mohammed, und den von Ajatollah Chomeini. Es ist der Vorabend von Chomeinis 16. Todestag, und hier im Heiligen Schrein in Teheran, Chomeinis Mausoleum, werden seit einer Stunde Leben und Leiden der islamischen Geistlichen besungen und beweint. Viele hundert Menschen sind da, das Fernsehen ist live dabei.

So gehen auch die tumultartigen Szenen über den Sender, als wenige Minuten später Irans Staatschef Mohammed Chatami erscheint. An Chomeinis Grab wird der scheidende Präsident gefeiert. Nur wenige Stunden zuvor war das anders. Bei einer Rede in der Provinz war Chatami von Mitgliedern einer radikalislamischen Bürgerwehr beschimpft worden.

Das Hin und Her um den Reformer Chatami, der nach zwei aufeinander folgenden Amtszeiten nun aufhören muss und der so viele Hoffnungen enttäuscht hat, führt bei vielen zu Verdruss. Fortschrittliche Iraner wie Abdullah Momeni von der größten iranischen Studentenorganisation Tahkim Wahdat kennen nur eine Konsequenz aus dem Gerangel um die Präsidentschaftskandidatur: „Die Menschen sind es müde, diesem Regime noch einen demokratischen Mantel umzuhängen“, sagt er. Deshalb ruft er auch zum Boykott der Wahlen am 17. Juni auf.

Die Kritik gilt insbesondere dem mächtigen Wächterrat, der Gesetzesinitiativen und Präsidentschaftskandidaten auf ihre Konformität mit dem Islam überprüft. Er schloss zum Beispiel erst den Reformerkandidaten Mustafa Moein von der Wahl aus, dann ließ er ihn wieder zu – nun gilt er vielen im fortschrittlichen Lager als „Kandidat von Gnaden des Wächterrates“ und ist deshalb womöglich chancenlos. Im konservativen Lager dagegen befehden sich der ehemalige Chef des Fernsehens, Ali Larijani, und ein Ex-Polizeichef namens Mohammad Baqr Kalibaf und nehmen sich gegenseitig die Stimmen weg.

Profiteur dieser Konstellation ist Akbar Hashemi Rafsandschani, ein reicher Geschäftsmann, der schon einmal Präsident war. Er gibt sich schon jetzt wie der neue Staatschef, wenn er im Teheraner Marmorpalast Hof hält. Dort lässt er sich Zettelchen von devoten Fragestellern reichen, die er entweder selbst beantwortet oder an seine Entourage weiterreicht. Kehrt der 71-Jährige noch einmal ins Präsidentenamt zurück, dann könnte mit ihm auch jener Iran zurückkehren, der nach Chatami eigentlich der Vergangenheit angehören sollte. Ein Iran, der gesellschaftliche Konflikte zudeckt, der Aufbruch als Störung empfindet und in dem am herrschenden System nicht gerüttelt wird. Aber auch ein Iran, der den Einzelnen in Ruhe lässt. Und genau das ist vielen Iranern heute genug.

„Alles soll wieder werden, wie es war“, sagt Sajeed, Betreiber eines kleinen Gemischtwarenladens an der belebten Teheraner Ferdowsi-Straße. Sajeed verkauft dort seit 20 Jahren Datteln und Nüsse, importierte Würstchen und Zigaretten. Seine beste Zeit hatte er in der ersten Hälfte der 90er-Jahre unter Rafsandschani. „Alles war berechenbarer, wir hatten uns eingerichtet“, sagt er.

Eingerichtet auch mit der Polizei, den Behörden, den Schikanen und der Korruption. Die Reformer um Chatami wollten all dies ändern, den Staat modernisieren und demokratisieren. Bürger wie Sajeed sollten endlich Steuern zahlen. Doch die Versuche scheiterten – und produzierten nur noch mehr Unordnung.

Zumindest in Teheran ist der Gottesstaat liberal. „So wie die nur knielangen Mäntel und Kopftücher heute die Mädchen verhüllen, ist das mehr sexy als bei euch im Westen“, sagt Omid, ein freischaffender Journalist. Und wer mit der Seilbahn hinauf auf den knapp 4000 Meter hohen Teheraner Hausberg Towchal fährt, der sieht dort oben die Geschlechtertrennung faktisch aufgehoben. Männliche und weibliche Snowboarder unterscheiden sich durch nichts von jenen in den Alpen oder den Rocky Mountains.

Rafsandschani steht – mehr oder weniger freiwillig – für genau diese Erosion der religiösen Sittenstrenge. Mit viel Geduld könnte unter ihm gesellschaftlich das geschehen, was Chatami in acht Amtsjahren politisch nicht zustande gebracht hat: die Umwertung des Systems, ein Gottesstaat nur noch dem Etikett nach.

Rafsandschani, das ist der Besitzer eines Pistazien-, Immobilien- und Telekomimperiums, der Überlebende vieler Anschläge, der Vertraute und „Bankier“ des Ajatollah Chomeini, bei dem er Ende der 40er Jahre in der heiligen Stadt Qom studierte. Rafsandschani, das ist der Mann, der dem heutigen religiösen Führer Ajatollah Ali Chamenei den Weg an die Macht geebnet hat. Mit diesem würde er es wieder zu tun haben, wie schon zwischen 1989 und 1997, seinen ersten beiden Amtsperioden.

Doch das Verhältnis der beiden Männer ist belastet. Könnte Chamenei allein entscheiden, er würde wohl einen der konservativen Kandidaten zum Präsidenten machen. Denn Hashemi, wie Rafsandschani nur genannt wird, wird sich kaum reinreden lassen in die Amtsgeschäfte.

Dennoch: „Wenn es drauf ankommt, dann halten die Mullahs zusammen“, sagt ein langjähriger Beobachter der Szene. Rafsandschanis rechte Hand im Wahlkampf, Mohammad Atrianfar, rühmt die Flexibilität seines Chefs. „Hashemi hat gezeigt, dass er sich immer wieder ändert“, sagt er.

Dass ausgerechnet Rafsandschani, der Mann mit Vergangenheit, nun der neue Retter sein soll, ist für viele schon die Bankrotterklärung des Systems: „Es fehlt an allen Enden eine neue Politikergeneration“, sagt ein Diplomat in Teheran.

Diese Erkenntnis mag auch Chatami gekommen sein. Bevor er nach einer halbstündigen Ansprache das Rednerpult im Heiligen Schrein verlässt, ruft er den Gläubigen zu. „Vielleicht komme ich wieder.“ Dabei huscht ein Lächeln über sein Gesicht.

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