Zeitung Heute : Die Zukunft steht in den Karten!

Von Esther Kogelboom

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Gestern habe ich mir den Besuch bei einer Kartenlegerin gegönnt. Sie saß in einer kleinen Bretterbude, an einem Tisch, auf dem zwei Kristallsteine lagen, und schaute mich relativ verzweifelt an. Ich dachte, ich tue ein gutes Werk – doch kaum hatte sie ihren Vorhang zu- und ihre Pantoffeln ausgezogen, überkam mich leichte Panik. „Die Stunde meines Todes möchte ich übrigens auf keinen Fall wissen“, sagte ich betont leichtherzig. Die Wahrsagerin lächelte diabolisch. Sie hieß Rea.

Ich musste 21 Tarotkarten ziehen, die Rea auf unerklärliche Weise anordnete. Dann sollte ich meine Fragen an das Tarot auf einen Block schreiben. Fragen? Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte angestrengt nach. Ich kaute den Bleistift weich. Fragen, welche Fragen? Gar nicht so einfach. Schließlich fragte ich, was jeden gesunden Menschen am meisten interessiert. Nein, es ging nicht um Geld. Gespannt betrachtete ich die bunten Zeichen vor mir: meine Zukunft.

Rea sagte, nachdem sie meine Kartenkombination eingehend besichtigt hatte: „Als ich jung war, gab es in meinem Leben diesen gut aussehenden Mann. Er war charmant, groß, dunkelhaarig und hatte Muskelberge an Armen und Beinen. Ich war verzweifelt, weil ich verliebter in ihn war als er in mich. Ich ließ ihn ziehen und heiratete einen Mann, der verliebter in mich war als ich in ihn. Nach ein paar Jahren dramatische Scheidung. Jetzt bin ich alt und einsam. Ich habe nicht mal ein Haustier. Dafür stehe ich jeden Morgen um vier Uhr auf und meditiere eine halbe Stunde. Mein Schicksal ist, allein zu sein.“ „Oh, das tut mir leid“, sagte ich.

Aber sollte es nicht um mein Schicksal gehen?

Rea bat mich, erneut drei Karten zu ziehen. Sie zeigten einen Turm des World Trade Centers, gerade einstürzend, eine Frau mit langen blonden Haaren und zwei zwergenhafte Gestalten, die unter einem Baldachin tanzten. „Schwangerschaft und Hochzeit noch in diesem Jahr“, jubelte sie. „Echt“, sagte ich, einigermaßen konsterniert. „Aber was bedeutet dieser einstürzende Turm, aus dem Menschen in den Tod springen?“ – „Ach, nichts.“

Rea begann einen längeren Monolog. Ihr ohnehin schon schwer verständliches Englisch dekorierte sie effektvoll mit Wendungen aus dem Xhosa. Es ging grob gesagt darum, dass ich andere an meinem enormen Weltwissen teilhaben lassen soll. Ich sei auf der Welt, um Menschen zu führen. Ich sei der geborene Chef. Das war wahrscheinlich der Teil der Show, den jeder Kunde hört. Vielleicht stimmt es aber auch.

Nach einer Stunde schüttelte sie mir die Hand zum Abschied und ermahnte mich, öfter mal in mich hineinzuhören. Vorzugsweise um vier Uhr morgens. Mein Gott, dachte ich, wieso nicht? Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in mich reingehört habe. So kam es, dass ich heute früh um vier Uhr das Bett verließ. Ich setzte mich auf den Teppich vor den Kamin, eingehüllt in eine Decke von South African Airways, und horchte in mich hinein. Auf dem Tisch stand noch eine halb volle Flasche Rotwein. Die Möwen veranstalteten wieder einen unglaublichen Zirkus. Vor dem Haus stritten sich Obdachlose um den Inhalt der Mülltonne. Aus der Ferne erklang ein Martinshorn. Ich muss eingeschlafen sein. Das Nächste, an das ich mich erinnere, war das Geräusch des Wasserkochers. Mein Mitbewohner machte Frühstück. Die Sonne schien ins Zimmer. Meine innere Stimme sagte, sie könne jetzt dringend eine starke Tasse Kaffee vertragen.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge – und verteilt gern auch welche. Hier überprüft sie jede Woche einen guten Rat auf seinen Wahrheitsgehalt. In den nächsten Wochen arbeitet sie in Südafrika.

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