Zeitung Heute : Die Zumutung des Fleisches

Sie war 26, unter der Pythonjacke trug sie nichts, als sie in der Philosophievorlesung zu Adorno ans Pult lief. Es sollte ein Happening werden. Dann sah sie seine Augen – plötzlich war es ernst. Heute will keiner mehr etwas vom „Busenattentat“ wissen. Suche hinter einer Mauer später Scham.

Tanja Stelzer

Gäbe es das Foto nicht, die Sache wäre vielleicht längst vergessen. Das Schwarzweißbild vom 22. April 1969 zeigt einen alten Mann mit fliegendem weißen Haar und irritiertem Blick, vielleicht steckt auch Angst darin. Es ist der berühmte Philosoph Adorno, er steht im Hörsaal VI der Frankfurter Universität auf dem Podium. Der große Intellektuelle scheint nicht zu verstehen. Er ist umringt von drei Studentinnen. Zwei sind nur schemenhaft zu erkennen, die dritte sieht direkt in die Kamera: ein schönes, strahlendes Gesicht, langes blondes Haar. Der Grund für die Aufregung ist auf dem verwischten Bild nicht auszumachen: Die drei Frauen tragen blanke Brüste unter ihren Mänteln.

Immer diese alte Geschichte, sagt Alfred von Meysenbug, der die Szene festgehalten hat, die den seltsamen Namen Busenattentat erhielt. Er hat schon befürchtet, dass es wieder mal darum gehe, aber er werde nicht reden, Nicht einmal am Telefon. Er klingt genervt. Das Busenattentat sei doch völlig unbedeutend, ein läppisches Ereignis. In all den Artikeln zum 100. Adorno-Geburtstag sei darüber geschrieben worden, und immer wieder werde dieses Foto gedruckt, sein Foto, wie neulich im „Spiegel“, obwohl er das untersagt habe. Das Bild dürfe auf keinen Fall mehr verwendet werden. Er schickt Briefe hinterher, die das unter der Androhung bekräftigen, er werde bei Zuwiderhandlung mit allen juristischen Mitteln dagegen vorgehen.

So ging die Szene weiter, nachdem das verbotene Bild gemacht war: Als die halb nackten Frauen Blüten auf das Haupt des Professors rieseln ließen und versuchten, ihn zu umarmen, nahm der Philosoph seine Aktentasche, hielt sie sich schützend vors Gesicht und tippelte rückwärts aus dem Saal. Es war eines der Bilder, die haften blieben von Adorno: ein erniedrigter alter Mann. Und an den 68ern blieb ein schwerer Verdacht kleben. Sie hatten ihre Eltern der Demütigung angeklagt, und nun hatten sie selbst gedemütigt. Das Opfer war, ausgerechnet, ein Gelehrter jüdischer Abstammung, der vor den Nazis geflohen war.

Das Jahr des Busenattentats an der Frankfurter Universität: Die Studentenbewegung hatte sich radikalisiert, im Januar hatten Studenten Adornos Institut für Sozialforschung besetzt. Der Philosoph holte die Polizei; deswegen forderten ihn Studenten in der Vorlesung vom 22. April zur Selbstkritik auf. Gleich darauf traten die entblößten Frauen auf. Was sie wollten, weiß noch heute keiner so recht, auch nicht, wie sie ihre Vergangenheit heute sehen. Vielleicht kann die schöne Frau auf dem Foto das Rätsel lösen.

Aber die Zeitzeugen wollen die Identität der Busenattentäterinnen nicht preisgeben. Alfred von Meysenbug gehörte damals zur Lederjackenfraktion, einer Splittergruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS); ihr wird das Busenattentat zugeschrieben. In den 70er und 80er Jahren hat der Comiczeichner Meysenbug einige Cover für Udo-Lindenberg-Platten gestaltet, heute ist er Lindenbergs engster Berater. Er sagt: „Ich nenne keine Namen.“ Der Satz kehrt wieder wie ein Mantra, wenn man in der damaligen Frankfurter Szene recherchiert.

Das große Schweigen

Eine Feministin der ersten Stunde, die Lektorin geworden ist, findet das Busenattentat „brutal“, „eine Schweinerei“. Sie kenne eine der Frauen, aber wenn sie den Namen verrate, sei sie enttarnt.

Eine andere, die dem Weiberrat des SDS angehörte und angeblich an der Planung der Aktion beteiligt gewesen sein soll, bestreitet das. Jedes weitere Gespräch lehnt sie kategorisch ab: „Über damals rede ich nicht mehr.“

Selbst der mediengewandte Günter Amendt, einst in der Clique um Alfred von Meysenbug, inzwischen Soziologe und beliebter Interviewpartner in Drogenfragen, will sich nicht zitieren lassen. Es müsse reichen, was er einmal geschrieben habe: Es gebe nur einen schwarzen Fleck in seiner Biografie – jenen 22. April 1969. Ein anderer Weggefährte von damals ist heute ein prominenter Kunstprofessor. Er gibt, ganz konspirativ, einen Tipp: Man müsse nach einer Frau suchen, die in den 80er Jahren in West-Berlin als Kuratorin gearbeitet habe.

Vielleicht ist das Busenattentat nicht mehr als eine Episode einer turbulenten Zeit. Doch irgendeine tiefere, offenbar unbequeme Wahrheit muss darin stecken. Ausgerechnet jene, die gegen das Verdrängen unliebsamer Erinnerungen protestiert hatten, scheinen einen Schwur geleistet zu haben: Die alte Geschichte ruhen zu lassen, sie zu vergessen, als könne man sie damit ungeschehen machen. Nur einer, der Filmer Gerd Conradt, Autor einer Dokumentation über den RAF-Terroristen Holger Meins, sieht keinen Grund, das Busenattentat aus der Erinnerung zu streichen. Es sei zugleich provokant und gewaltfrei gewesen – „so war 68 wunderbar“. Aber bei der Suche nach der schönen Frau kann auch er nicht helfen.

Ganz unverhofft taucht sie dann doch noch auf. Einem der alten Lederjackenjungs fällt ihr Vorname ein; einer anderen Weggefährtin lässt sich der Nachname abringen, dazu gibt sie den Hinweis: „Die redet sowieso nicht mit Ihnen.“

Aber Hannah Weitemeier redet doch. Eine Frau für den großen Auftritt ist sie noch immer. Sie schreitet durch den Vorgarten zum Gartentörchen, als laufe sie auf einem Catwalk, nur dass ihre Schritte ein wenig zu ausladend sind, fast ein bisschen machohaft. Ihre langen, schlanken Beine bringt sie in einer Hose mit leichtem Schlag zur Geltung. Darunter schauen die Spitzen eines Paars Cowboystiefel hervor, aber am liebsten, erzählt sie, noch bevor sie ins Haus bittet, spaziert sie auf High Heels über die sandigen Straßen und Bürgersteige des Orts. Hannah Weitemeier sagt, sie sei „stolz darauf“, dass sie sich hier integriert habe, dass die Nachbarn sie akzeptieren, den schrägen Vogel aus dem Westen.

Die schöne Hannah, 60 Jahre, inzwischen grau-, aber noch immer langhaarig, mit einem Gesicht, das gelebt hat, wohnt in einem kleinen Haus in Königs Wusterhausen. Es ist provisorisch hergerichtet: ein unverhofftes Erbe, das ihr und ihren Geschwistern nach dem Ende der DDR zufiel. Der Garten ist verwildert, die Äpfel faulen am Boden. Die Nachbarhäuser, verkleidet mit Holzpaneelen und Rauputz, atmen die östliche Variante jener Spießigkeit, gegen die sie damals als Studentin rebelliert hatte.

Sie ist Kunsthistorikerin geworden, betreut eine Sammlung von Werken der Künstlergruppe Zero, verfasst Aufsätze für Ausstellungskataloge. Hannah Weitemeier hat ein Buch über Yves Klein geschrieben. „Als ich sein ,Bleu‘ zum ersten Mal sah“, sagt sie, „hatte ich das Gefühl, mein Blut war blau.“ Während des Gesprächs gibt es mehrere Momente wie diesen, in denen sie unerreichbar wirkt, wie in einer anderen Sphäre. Ihre leer gerauchten Zigarettenschachteln, Benson & Hedges im goldenen Päckchen, hat sie in einem Korb neben dem Kachelofen im Wohnzimmer gestapelt, man könnte denken: eine Installation. Auf einmal ist sie wieder ganz da. Sie wehrt ab: „Selbst Künstler sein, das kann ich nicht.“ Adorno, ja, der sei ein wahrer Künstler gewesen, „er hat Himmel und Hölle verbunden“.

Sie gehörte nicht zur nahen Adorno-Gefolgschaft, war nie eine von denen, die ihn Teddy nannten, aber die Schlagworte der Frankfurter Schule gehen ihr noch immer gut über die Lippen. „Immanenz der Transzendenz“ – wie sie das so vor sich hinsagt, wirkt es, als wolle sie noch einmal die gute alte Zeit schmecken. Sie erzählt von der sakralen Atmosphäre, die in Adornos Vorlesungen herrschte: Stille, man wartete, er tänzelte rein und sprach frei, mit dieser wunderbaren Stimme, die sie noch immer im Ohr hat. Die verschachtelten Sätze, denen man nicht immer folgen konnte, waren Musik, eine wunderbare Partitur. Wie in der Kirche war es und Adorno ihr Gott.

Sie waren zu dritt, erinnert sich Hannah Weitemeier. Eine der beiden anderen Frauen taucht nach weiteren Recherchen auf. Sie ist bereit, am Telefon zu reden, wenn das Gespräch anonym bleibt. Sie dürfe auf keinen Fall erkennbar sein, so sehr schäme sie sich noch heute, sagt die Frau. Auf dem Foto, das Alfred von Meysenbug gemacht hat, steht sie hinter dem Philosophen, kaum mehr als ein Schatten, und ein wenig schattenhaft klingt jetzt auch ihre Stimme.

„Das galt als schick“

In Frankfurt war sie gar nicht als Studentin eingeschrieben. Sie arbeitete im Kinderladen, schaute nur ab und zu mal beim SDS vorbei und hörte sich Adorno an, auch wenn sie bloß Bruchteile verstand – „das galt damals als schick“. Es war eine Zeit, in der „man sich zu Sachen hinreißen ließ“. So wie es Ehrensache war, an den Stäben des Café Laumer zu rütteln, weil sie da keine Langhaarigen reinließen, so habe sie auch sofort ja zur Adorno-Aktion gesagt, als ein Freund sie gefragt habe. Sie ist von zu Hause losgegangen, die nackten Brüste unter dem Mantel, und fand sich toll. Auf dem Podium dann habe die Sache „auf einmal so eine Ernsthaftigkeit“ bekommen. „Da sah ich diese Augen. Ich bin sofort runtergeklettert.“

Wie also muss man das Busenattentat verstehen? War es vielleicht das erste Lebenszeichen des Feminismus, wollten die jungen Frauen neben den Machos der Lederjackenfraktion auch mal zu ihrem Recht kommen? Durch die Telefonleitung dringt ein müdes Lachen. „Feminismus? So viel Nachdenken war nicht drin.“

Die Frau ohne Namen wirkt ernsthaft zerknirscht. Das Busenattentat, findet sie, „beschmutzt das Bild von Adorno“. Wenn überhaupt, dann habe die Aktion nur einen Sinn gehabt, für sie persönlich: Sie kapierte, dass sie sich nicht gedankenlos mitreißen lassen durfte; es schwirrten ja eine Menge RAF-Leute in Frankfurt herum. „Ich merkte, ich mache was mit, was ich vielleicht gar nicht will.“ Sie klingt, als sei sie froh, noch einmal davongekommen zu sein. Zum Glück, das schwingt in ihrer Stimme mit, hat man sie damals nicht gefragt, ob sie bei anderen Dingen mitmachen wollte.

Es ist kühl im Haus, Hannah Weitemeier wärmt sich mit Kaffee aus der Thermoskanne. Robert Gernhardt hatte die Brüste der Busenattentäterinnen noch drei Jahrzehnte später bedichtet mit den Worten „nackig, unbeschreiblich weiblich,/knackig, unbegreiflich leiblich,/lockend, drängend, wogend, prangend,/einen ganzen Mann verlangend“. Hannah Weitemeiers berühmter Busen steckt jetzt unter einer lila Strickjacke. Damals, erzählt sie, trug sie eine Pythonjacke und nichts drunter, um den Hals und im Haar bunte Blumen. „Wir tanzten auf der Bühne, dazu spielte Musik, irgendwas Rockiges.“

Es sollte eine lustige Aktion werden, ein Happening. Sie war 26 und gerade mit einem Stipendium ein halbes Jahr in New York gewesen, hatte einen Abend in Andy Warhols verrückter Factory verbracht, ein anderer Deutscher hatte sie mitgenommen, und dann hatte Andy sie eingeladen, eine Skulptur zu schweißen. Jetzt wollten Hannah und ihre Freunde ein bisschen Andy Warhol nach Frankfurt bringen. Und außerdem, natürlich, wollten sie sich über Adornos Verhältnis zu den Frauen lustig machen. Adornos viele Liebesaffären waren bekannt, und „während der Vorlesung ließ er immer seine braunen Augen die erste Reihe entlangwandern, von einer blonden langhaarigen Studentin zur nächsten“. Obwohl blond und langhaarig, saß Hannah Weitemeier selbst nie in der ersten Reihe, sondern „etwas weiter hinten, am Rand“. Es sei ihr Freund Alfred von Meysenbug gewesen, Meyse, der gesagt habe, aus Adornos Schwäche für die Frauen „müssen wir ’n Spaß machen“.

Meyse habe sein Foto gemacht, wie oft damals; die Bilder dienten ihm als Vorlage für seine Comics. Nach zwei Minuten sei der Spuk vorbei gewesen. Nicht daran zu denken, dass die Geschichte mal dieses Ausmaß annehmen würde.

Die Frau mit der Schattenstimme will noch etwas fragen: Warum man diese Geschichte nach 34 Jahren ausgrabe? Habe das nicht etwas mit der gesellschaftlichen Situation heute zu tun, so wie man auf einmal über die Homosexualität von Thomas Mann schreibe? Liege es nicht an den blanken Brüsten, dass wir uns dafür interessieren?

Wir fragen zurück: Warum will man verhindern, dass ein Foto gedruckt wird, das ein Stück Zeitgeschichte ist? „Weil es nichts ist, worauf man stolz sein kann.“

Am 22. April 1969 waren noch mehr Frauen präpariert, sich vor Adorno zu entblößen, das sagen mehrere Zeitzeugen. Getraut haben sich aber nur drei. Die anderen blieben auf ihren Klappsitzen hocken, ließen ihre Jacken zu. An ihnen ist die Geschichte noch einmal vorübergegangen, nicht an Hannah Weitemeier und an der Frau ohne Namen. Es ist, als hätte der Geist der Zeit sie auf dieses Hörsaal-Podium gehievt, und nun kommen sie nicht mehr herunter. Ein „Zufall des Lebens“ sei es, dass sie diese Rolle gespielt habe, sagt Hannah Weitemeier.

Sie lebte in einer Wohngemeinschaft mit Meyse in der Leerbachstraße, wo jedes Zimmer eine andere Farbe hatte, ihres war rot-weiß. Meyse sah ein bisschen aus wie Warhol, „bei ihm war immer was los“. Hannah Weitemeier beginnt zu erzählen vom WG-Leben. Ihr Exkurs hat auf den ersten Blick wenig mit dem Busenattentat zu tun; auf den zweiten Blick aber erklärt er, was mit Hannah Weitemeier geschah in jenem Jahr 1969. Die Wohngemeinschaft war ein Mikrokosmos, in dem eine neue Gesellschaft ausprobiert wurde. In einem Raum schliefen ein paar Jugendliche auf Matratzen. Es waren Schützlinge von Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Nach ihrer ersten terroristischen Tat, der Brandstiftung im Frankfurter Kaufhaus Schneider im April 1968, waren Baader und Ensslin zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Im Sommer 1969 warteten sie auf ihr Revisionsverfahren und durften das Gefängnis verlassen. Die Zeit nutzten sie für die so genannte Lehrlingsaktion: Sie befreiten Jugendliche aus streng geführten Fürsorgeheimen und quartierten sie in Frankfurter Wohngemeinschaften ein. Es war eine der Vorläuferaktionen der RAF: ein Schritt, der sich gegen staatliche Repression richtete, nicht wirklich gewaltsam, aber auch nicht mehr legal.

Meyse, Hannah und ihre Freunde kümmerten sich um die Jugendlichen, beschafften ihnen Ausbildungsplätze. Hannah Weitemeier kramt ein Bild aus einem Stapel, das ein bisschen wie ein altes Klassenfoto aussieht; Andreas Baader ist auch darauf. Einer der früheren Lehrlinge hat ihr vor kurzem die Aufnahme als Postkarte geschickt und ihr Gesicht mit Kuli umkreist. Auf der Rückseite ein ungelenk geschriebener Gruß an die „liebe Hannah“.

„Meine Lehrlinge“ sagt sie noch heute, fast zärtlich. Sie wollte die Jugendlichen in die Gesellschaft integrieren, Baader wollte sie für eine Revoluzzertruppe rekrutieren. Manche von ihnen bastelten sich Pistolen, irgendwann ging in der Wohngemeinschaft aus Versehen ein Schuss los. Für die Jungs war das ein Spiel, Andreas Baader „ihr Hero“. „Was für ein blutiger Ernst sich daraus entwickelte“, sagt Hannah Weitemeier, „konnte ich damals noch nicht absehen.“ Jetzt, wo es um Baader geht, redet sie viel zu laut, als habe jemand am Lautstärkeregler gedreht. Einmal springt sie auf und macht Baader nach: wie er bei ihrer ersten Begegnung durch den Flur der Wohngemeinschaft rannte und randalierte, „der hatte eine Ausstrahlung wie ein Gangsterboss“. Gudrun Ensslin lief hinter ihm her, „wie ein schüchternes Reh“. Baader habe angefangen, sie, Hannah, zu beschimpfen, da habe sie sich mit ihm geprügelt. Noch immer wirkt sie aufgebracht, dann besinnt sie sich, entschuldigt sich. „Ich hasse den heute noch.“

Auf einmal ahnt man das Gewaltsame, Emotionale der Zeit, der gesellschaftliche Umbruch ist jetzt physisch zu spüren. Sie standen an der Schwelle zur Gewalt, und viele von ihnen hatten die Entscheidung zu treffen: Will ich weitergehen? Manchmal habe sie das Gefühl, ein Engel habe sie davor bewahrt, sagt Hannah Weitemeier.

Der Stein in der Hand

Sie hatte ihre Entscheidung am 4.November 1968 getroffen, in Berlin. Der SDS hatte zur Demonstration aufgerufen, als ein Prozess gegen Horst Mahler wegen seiner Beteiligung an den Anti-Springer-Ausschreitungen lief. Am Tegeler Weg rückte die Polizei mit Wasserwerfern an; Demonstranten warfen Steine. Hannah Weitemeier stand mittendrin und hatte Angst. Sie wollte raus aus dem Gewühl, da drückte ihr irgendjemand einen Stein in die Hand. „Ich habe diesen Stein angeguckt und wusste: Ich kann das nicht. Gewalt, das war nicht mein Ding.“

Auch der 22. April 1969 war einer jener Tage, an denen man sich entscheiden musste, wie weit man gehen wollte. Für Hannah Weitemeier war es der Tag, an dem sie zu weit gegangen ist. Dass Adorno, der von Hitler vertriebene Professor, der zurückgekehrte Emigrant, auch das Busenattentat als Gewaltakt begreifen konnte, vielleicht sogar musste, hat Hannah Weitemeier nicht geahnt. Ein wenig seltsam findet sie die Vorstellung noch heute: „Ein weiblicher Körper ist ja keine Waffe.“ Bereut habe sie die Aktion trotzdem sofort, „wir fanden uns danach gar nicht so toll“.

Das Busenattentat sei keine politische Aktion gewesen, „ich war nicht so politisch“. Sie sagt das, als sei es eine mögliche Entschuldigung, aber vielleicht war das, im Gegenteil, gerade das Problem. Sie gibt zu: Viel zu naiv sei sie gewesen, über die Biografie ihres Professors habe sie nichts gewusst. Heute verstehe sie, „dass Angst etwas ganz anderes für ihn war, gerade wegen seiner Herkunft“. Und das passierte ausgerechnet ihr, deren Familie sich immer für Juden engagiert hatte. „Hier in diesem Haus“, sagt sie, „haben meine Eltern im Krieg Juden versteckt.“

Der Ausdruck, der sich nun in Hannah Weitemeiers Gesicht abzeichnet, ist wohl das, was der Soziologe und 68er-Experte Heinz Bude als „Erschrecken über die eigene Unbedarftheit“ bezeichnet. Wie verwundbar Adorno war, lässt ein Zitat des Philosophen aus einem Brief an Marcuse ahnen: „Hier in Frankfurt“, schrieb Adorno, „wird das Wort Ordinarius gebraucht, um Menschen abzutun, oder, wie sie es so schön nennen, ,fertigzumachen‘, wie seinerzeit von den Nazis das Wort Jude.“ Da habe Adorno „maßlos übertrieben“, sagt Bude. In dem, was sich am 22. April 1969 im Hörsaal VI abspielte, sieht er dennoch ein „Symbol für das schlechte Gewissen der 68er Generation“. Die Studenten, sagt er, hätten die Großvätergeneration als ihre Fürsprecher genommen, „eine Art von intellektuellem Missbrauch“. Adorno sprach über den Schuldkomplex der Davongekommenen. Die Studenten, die seine Vorlesung zu Tausenden besuchten, „hatten das Gefühl: Er spricht über uns“: Als Kinder waren sie noch einmal vor dem Krieg davongekommen, nun begehrten sie gegen ihre Nazi-Eltern auf. Aber Adorno, sagt Bude, habe von einem ganz anderen Davongekommensein gesprochen; er habe immer auch als Holocaust-Überlebender geredet. Im Moment der Demütigung, vermutet Bude, hätten die Studenten „das Schicksal dieses Mannes gesehen“. Daher rühre das Schweigen der Beteiligten.

Vor dem Treffen hatte sich Hannah Weitemeier Bedenkzeit auserbeten. Es sei nicht einfach, sich zu outen, auch nach so langer Zeit nicht. Sie hatte sich vor allem wegen einer Legende gesorgt, lange widerlegt und trotzdem noch immer wirkungsvoll: Die barbusigen Studentinnen hätten Adorno sozusagen zu Tode erschreckt. Denn das blieb hängen: An jenem Tag waren im Hörsaal auch Flugblätter verteilt worden, auf denen stand „Adorno als Institution ist tot“. Drei Monate später starb der Philosoph wirklich, nach einem Ausflug auf 3000 Meter Höhe in der Nähe des Matterhorns. Heute sind sich die Biografen einig, dass Adornos schwaches Herz an seinem Tod schuld war, nicht das Ereignis im Hörsaal VI, dann noch eher eine unglückliche Liebe, die ihm das Leben schwer machte. Das beruhigte die Busenattentäterin.

Abschied von der Revolution

Als Adorno im August starb, waren Semesterferien. Sie habe das damals gar nicht mitbekommen, sagt Hannah Weitemeier. Sie sei wohl mit den Lehrlingen beschäftigt gewesen, habe im Kinderladen gearbeitet. Im Oktober lernte sie ihre große Liebe kennen. Sie ging nach Berlin, ließ Meyse und die Frankfurter Wohngemeinschaft zurück, all die revolutionäre Stimmung. Ein paar Mal war sie noch bei der Kommune 1 und der Kommune 2 zu Besuch. Doch mit den Matratzenlagern, mit der freien Liebe habe sich die Bewegung „unheimlich verflacht“, und ihr Leben „war da schon anderswo“. Mit ihrem Mann, mit dem sie bis 1982 verheiratet war, bekam sie zwei Kinder. Sie organisierte Ausstellungen, ihre Berliner Wohnung verwandelte sich zeitweise in einen künstlerischen Salon. Sie tauchte ab in die Welt der Kunst, in der sie noch heute lebt. Das Busenattentat verstaute sie irgendwo ganz hinten in ihrer Erinnerung.

Jetzt, am Ende des Gesprächs, steht sie „sprachlos vor dem Ausmaß, das diese Geschichte angenommen hat“. 68, für sie war das eine gute Zeit, „die freieste, die wir je hatten“. Aber es gab Momente, da kippte der Kampf für die Freiheit ins Unfreie. Die Gefahr eines Faschismus von links, von der die Rede war, sei ja kein Hirngespinst gewesen, sagt Hannah Weitemeier. Sie hat die Pistolen in der Wohngemeinschaft gesehen.

Und Adorno? 34 Jahre sind vergangen, eine Zeit, in der sie sich nicht viele Gedanken über das Busenattentat gemacht hat. Sie müsse sich für nichts in ihrem Leben verstecken, sagt sie, aber dann fügt sie noch einen Satz hinzu: „Wäre ich tot und würde Adorno begegnen, ich würde ihn bitten, dass er mir vergibt.“ Ihrem Satz guckt sie hinterher, als müsste sie noch entscheiden, ob er so stehen bleiben kann oder ob er ein wenig zu pathetisch geraten ist.

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