Zeitung Heute : Die Zurückgelassenen

Vor zehn Jahren zogen die UN ihre Truppen ab. Sie waren an der Befriedung Somalias gescheitert. Und noch immer ist es lebensgefährlich in den Straßen Mogadischus, der Hauptstadt der Anarchie

Christoph Link[Mogadischu]

Der Müll liegt auf den Straßen, daneben campieren Flüchtlinge in Laubhütten. Die Knochenhaufen der Kamelschlachterei an der Hafenstraße wachsen in den Himmel, zerbeulte Kleinbusse ohne Scheiben werden mit Menschen voll gepfropft. Der Hafen ist geschlossen, der internationale Flughafen ebenfalls. Man sieht keine Ausländer.

Mogadischu ist eine der wenigen Städte der Welt, an der die Globalisierung spurlos vorbeigegangen zu sein scheint. Kein einziger Europäer, kein Chinese, die sonst von Kinshasa bis Libreville überall in Afrika den Handel vorantreiben, in Mogadischu sind sie nirgends zu sehen. Außer Libyen und Dschibuti unterhält hier kein Land eine diplomatische Vertretung.

„Americano! Americano!“, rufen die Kinder, wenn sie dennoch einmal einen Weißen durch das getönte Seitenfenster eines Autos erblicken. Die Stadt ist geschäftig, tausende Wasserverkäufer treiben ihre Eselskarren an, der Bakara- Markt ist lebendig, zwei Jugendbanden, so hört man, sind hier die Marktpolizei.

Seit dem Abzug der Vereinten Nationen im März 1995 ist keines der weißen UN-Autos, die in jedem Krisenland der Welt im Einsatz sind, in Mogadischu mehr unterwegs. Nur somalisches Personal ist hier beim UN-Entwicklungsprogramm oder für Unicef tätig. Wenn sich Geschäftsleute oder Politiker durch die Stadt bewegen, tun sie es im Konvoi mit „Technicals“, den Pritschenwagen, auf denen ein Maschinengewehr installiert ist und auf dessen Ladefläche junge Männer mit Kalaschnikows sitzen.

Aber welcher Politiker traut sich nach Mogadischu? Ein paar Abgeordnete, wie der Arzt und Geschäftsmann Ali Basha zum Beispiel. Er sei „erschöpft“ vom langen Exil in Kenia, sagt er, und nun versuche er, in Verhandlungen einen eigenen Sicherheitsplan für Mogadischu durchzusetzen.

Im August 1992 hatten die Vereinten Nationen die Operation Hoffnung begonnen, die nach Jahren des Bürgerkrieges hungernde Bevölkerung sollte versorgt werden. Doch die UN-Truppen gerieten zwischen alle Fronten. Die Milizen des Clanchefs Mohammed Farah Aidid töteten beispielsweise 23 Blauhelmsoldaten aus Pakistan. 1993 wurden US-Soldaten bei der Jagd auf Aidid in Mogadischu getötet und ihre Leichen unter dem Jubel der Bevölkerung geschändet. Am 3. März 1995 wurde die UN-Mission schließlich erfolglos abgebrochen und alle Blauhelme abgezogen. Insgesamt waren 38000 Soldaten aus 21 Ländern an der Operation Hoffnung beteiligt. Tausende Somalier, 100 UN-Soldaten und 42 Amerikaner waren bei den Kämpfen getötet worden.

Im Oktober letzten Jahres hatte ein von Clanführern und Warlords bestimmtes Parlament im sicheren Nachbarland Kenia einen neuen Präsidenten für Somalia gewählt: den 71-jährigen Abdullahi Jussuf Ahmed. Aber der „Alte“, wie man in Mogadischu herablassend sagt, sitzt mit seiner Regierung und dem Parlament immer noch in Nairobi und zögert den Umzug ständig hinaus. Seine Sicherheit ist nicht garantiert, und mit seinem Ruf nach neuen, fremden Friedenstruppen unter Einschluss der unbeliebten Äthiopier hat sich der Präsident letzte Sympathien in Mogadischu verscherzt.

Als Jussuf Ahmed kürzlich seinen Premierminister Ali Mohammed Gedi auf eine Erkundungstour nach Mogadischu schickte, da begann der Trip mit begeistertem Jubel der Bevölkerung, denn Gedi gilt als ein Sohn der Stadt, ist hier geboren und aufgewachsen, aber am fünften Tag endete die Reise so: Eine Granate explodierte bei einer Ansprache im Fußballstadion, wenige Meter von Gedi entfernt. Unter den 15 Toten – 38 Menschen wurden verletzt – waren der Täter und einige Leibwächter, die ihn vom Werfen der Granate abhalten wollten. Gedi überlebte.

Ali Basha ist trotz all dem zurückgekommen. Er will aus den geschätzten 20000 bis 40000 Kämpfern in der Stadt eine Nationalarmee machen. Baupläne für Kasernen waren schon gezeichnet, aber mit dem Anschlag gegen Gedi verschwinden sie wohl wieder in der Schublade. „Wir haben viel erreicht“, sagt Ali Basha. Auf der 50 Kilometer langen Strecke vom Flughafen in die City habe es früher 29 Straßenblockaden gegeben, an denen Milizen Maut von den Reisenden erpresst hätten. „Jetzt sind es nur noch drei.“

Dabei ist die Militarisierung von Mogadischu ohnegleichen. Die Milizen der Warlords, der Geschäftsleute und der islamischen Gerichte konkurrieren miteinander. Vereinzelt gibt es Bemühungen, die Milizionäre zu versöhnen.

Im Hotel Shamo fand dieser Tage ein Seminar zur Umerziehung von Kämpfern statt. 50 junge Krieger saßen da am Tisch, mit Militärhüten und Sonnenbrille, das Handy um den Hals baumelnd, sie sahen Videofilme und hörten Vorträge. Ihre Waffen legten sie an der Rezeption ab. Man zeige hier Filme, die die Gewalt darstellen, sagte Jabriel Abdulle vom Zentrum für Forschung und Dialog, das mit den UN zusammenarbeitet. Die Milizionäre sahen den Dokumentarfilm „Emotional Appeal“, eine Ansammlung schrecklicher Szenen: Einem Kleinkind wird der Kopf mit Steinen zertrümmert, eine Frau wird vergewaltigt, eine Kugel tötet das ungeborene Kind einer Schwangeren. Alles wurde in Mogadischu gedreht.

Nach dem Film werden viele der Kämpfer weinen, sagte Jabriel Abdulle, das solle sie zum Grübeln bringen. Abdulle hat in den letzten Jahren ein Umdenken bei den Milizionären beobachtet. Die meisten hätten keine Verträge mit den Warlords, es seien Tagelöhner, die jetzt mehr und mehr so etwas wie eine langfristige soziale Absicherung einforderten. Auch die Kämpfe in Mogadischu hätten abgenommen. Vor Jahren noch hätten Gefechte sechs Stunden bis mehrere Tage gedauert. Jetzt lieferten sich die Clans nur noch Scharmützel von einer halben bis zu einer Stunde, denn sie müssten Geld sparen. Ein sechsstündiger Kampf kostet 116000 US-Dollar, haben Experten errechnet, eine Kugel einen halben Dollar.

Gefährlich ist das Leben trotzdem. Im Februar wurde eine BBC-Reporterin getötet, im April zwei Mitarbeiter einer schwedischen Hilfsorganisation, vor kurzem wurde eine Granate in die Geburtsklinik des SOS-Kinderdorfes geworfen.

„Früher hatten wir Reiche, eine Mittelschicht und die Armen“, sagt der Hotelangestellte Adjos. Jetzt habe man nur noch sehr viele Arme und sehr wenig Reiche. Vereinzelt sieht man tatsächlich den stattlichen Neubau eines Privathauses in Mogadischu. Er selbst, sagt Adjos, lebe von den Überweisungen seines Bruders aus den USA, im Monat 200 Dollar, damit bezahle er die Gebühren für die Privatschule seiner Kinder und die Behandlung bei Privatärzten. Halbwegs intakt steht das Mitte der 70er Jahre gebaute, riesige Banabir-Krankenhaus in Mogadischu, ein Geisterhaus, fast ohne Patienten. „Wir haben kein Gehalt“, sagt ein Krankenpfleger. Eine Frau, die den Versuch schildert, das Krankenhaus mit Ehrenamtlichen zu führen, bricht nach dem Vortrag in Tränen aus.

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