Zeitung Heute : Die Zwei: Ein Wunderkind: Midori.

Aufgeschrieben Susanne Kippenberger

Midori

Seit 1990 treten wir regelmäßig gemeinsam auf. Wir sind zusammen gewachsen, im Laufe der Jahre hat sich da so ein Vertrauen entwickelt - das ist es, was unser Spiel ausmacht. Wenn wir üben, ist es nicht so, dass wir unser Timing genau festlegen, wir kommunizieren anders: indem wir füreinander spielen und dabei allmählich die Musik auf eine ähnliche Weise fühlen. Ich liebe seinen Klang, ich kann ihm stundenlang zuhören.

Bei den Proben arbeiten wir nicht jedes Detail heraus, im Gegenteil. Wir wissen ja beide, was wir mit der Musik wollen, deshalb gelingt es uns, unseren Sound zu hören. Wir treten als Einheit auf - nicht als zwei Wesen, die gleichzeitig spielen. Wir bewahren unsere individuellen Eigenschaften, aber was wir präsentieren, ist mehr als die Summe aus zwei Individuen.

Oft sind wir tagelang unterwegs. Mit Bob ist das sehr unkompiliziert. Wir teilen uns auch die Aufgaben: Er ist derjenige, der Auto fährt, ich kümmere mich um die anderen Reisearrangements. Ich bin ziemlich praktisch und pragmatisch. Gerade in fremden Ländern, wo wir keinen Menschen kennen und mit den Sitten nicht so vertraut sind, sind diese Reisen ja sehr schwierig. Da suchen wir einfach Zuflucht in der Gesellschaft des anderen.

Wir sind beide eher zurückhaltende Menschen, aber an Bobs Gesichtsausdruck kann man ganz viel ablesen. Er hasst es, wenn ich pädagogisch klinge, und ich hasse es, wenn er so lange braucht, um zu einem Schluss zu kommen. Eines haben wir gemeinsam: Wir können beide Kapern und Mayonnaise nicht ausstehen! Was wir gar nicht teilen: einen gemeinsamen Sinn für Humor. Aber wir verstehen und schätzen den des anderen. Wenn wir bei mir üben, hören meine Hunde zu. Sie lieben ihren "Onkel Bob", er schenkt ihnen viel Aufmerksamkeit. Sie betteln ihn an, dass er sie hochhebt, knuddelt, füttert. Bei mir machen sie das nicht.

Eine Vaterfigur war Bob nie für mich. Allerdings: Rat habe ich oft gesucht bei ihm. Das Wichtigste, was ich von ihm gelernt habe? Wie wichtig und wertvoll Vertrauen ist.

McDonald

Ich kann mich noch genau an unsere erste Begegnung erinnern. Es war mitten im Januar, sie war 15 und ich 35. Ihre Mutter hatte sich, auf der Suche nach einem Pianisten, aus dem New Yorker Telefonbuch alle Robert McDonalds rausgesucht und angerufen - sie hatte mich mal gehört. Es war ein unglaublich kalter Tag, aber Midori schien das überhaupt nicht zu merken. Sie trug ein Kleidchen, als wären es 30 Grad. Sie war ein extrem gesprächiger Teenager. Als wir uns kennenlernten, war sie sehr ruhig, ein bisschen schüchtern. Aber später, auf Tournee, hat sie über alles geredet, was ihr in den Sinn kam. Sie ist immer sehr neugierig gewesen. Und wir waren beide offen füreinander. Unsere musikalischen Instinkte passten zusammen. Seit 1990 spielen wir regelmäßig Kammerkonzerte zusammen. Aber jeden Abend ist es anders. Das ist für Musiker schon ein Luxus: dass wir uns so gut kennen, das ist nicht unbedingt üblich.

Wir sind viel und lange auf Reisen. Man muss sich mögen, um so was durchzuhalten. Jeder versucht auch unterwegs, Zeit für sich zu haben. Kulturelle Verständnisschwierigkeiten hat es nie gegeben. Midori erscheint mir sehr amerikanisiert, sie kam früh aus Japan in die USA.

Midori ist ein unglaublich großzügiger und aufmerksamer Mensch, ihre intellektuelle Neugier überrascht mich immer wieder. Musik ist ja nur eins der Gebiete, für die sie sich interessiert, neben Kunst und Literatur, selbst ihren Terrier hat sie Willa nach der Schriftstellerin Willa Cather benannt, und ihren Dackel Franz nach Schubert. Dazu kommt die Psychologie, da hat sie gerade ihr Diplom gemacht, und ihr Engagement für den Musikunterricht in der Grundschule.

Wir stehen beide an sehr verschiedenen Punkten in unserem Leben, sind auch sehr unterschiedlich, aber wir akzeptieren die Unterschiede. Wir haben einen völlig entgegengesetzten Humor - aber wir tolerieren den des anderen. Und ihre Hunde haben sehr amüsante Persönlichkeiten. Sehr charmant.

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