Zeitung Heute : Die Zwei: Sie ist untreu, er lebt damit - seit 20 Jahren.

Fatina Keilani.

Jacques: Als ich Catherine kennen lernte und von ihrem Lebenswandel erfuhr, dachte ich: Verdammt, ich verliebe mich gerade in eine, die mit vielen schläft. Aber ich dachte eben nur: Verdammt!, nicht: Katastrophe! Tragödie! Horror! Trotzdem hatte ich am Anfang so meine Probleme damit. Aber ich habe sie ja nicht zufällig gewählt, sondern bestimmt auch, weil sie dieses Leben geführt hat.

Sie hat mich davor bewahrt, als Teil eines spießigen Paars zu enden, das einander treu ist, das Kinder hat, also das normale Paar, das wollte ich nie. Catherine hat mir nie vorgeschlagen, ihr bei ihren nächtlichen Ausschweifungen zu folgen. Für meine Sexualität waren solche Praktiken auch nicht nötig. Was sie tat, regte meine Fantasie an, aber das reichte mir. Das lieferte mir eine Menge Material für meine Arbeit als Schriftsteller.

Ich weiß nicht, wie gut ich Catherine nach all der Zeit kenne. Es ist schwierig, jemand anderen von innen zu kennen. Catherine bekommt manchmal Angstanfälle, Weinkrämpfe, und ich rede ihr dann gut zu. Warum ist sie in diesem Zustand, während doch eigentlich alles gut läuft? Der andere Mensch bleibt ein Rätsel, selbst wenn man schon seit Jahren mit ihm zusammenlebt. Aber wenn er durchsichtig wäre, man ihn komplett kennen würde, dann wäre das Leben auch ziemlich uninteressant. So fragt man sich: Was wird wohl heute wieder passieren? Das ist doch fabelhaft.

Die andere Person in der Liebe zum absoluten Maßstab zu machen, halte ich für einen moralischen Fehler. Die Folge, die Eifersucht, ist zwar eine schlimme Sache. Aber ohne Eifersucht gäbe es keine Literatur, keinen Proust zum Beispiel. Und natürlich gibt es Liebe ohne Romantik. Wie die Liebe, die ich zu Catherine empfinde und sie zu mir, die uns seit mehr als 20 Jahren zusammenbleiben lässt. Wir haben gemeinsam Aufgaben bestanden, wir haben Kämpfe ausgefochten, wir haben ausgeteilt und eingesteckt, das ist eine Sache, die wächst, die sich aufgebaut hat. Wir haben Sex und Liebe immer getrennt. Das gehört nicht unbedingt zusammen, und ich glaube, der Menschheit würde es besser gehen, wenn sie aufhören würde, Liebe und Sex zu verwechseln.

Catherine: Leider hat Jacques ein desaströses Verhältnis zu den Dingen: Er verliert alles, zerbricht alles, lässt alles fallen. Das verletzt mich, weil ich das genaue Gegenteil davon bin. Ich achte sehr auf Dinge. Und ich werfe ihm vor, nicht dieselbe Liebe zu ihnen aufzubringen wie ich.

Romantik ist eine Idee, die ich für mein Leben immer abgelehnt habe. Ich habe viel gelesen, Lamartine zum Beispiel. In der romantischen Literatur enden die Geschichten oft tragisch, traurig. Je mehr ich davon mitbekam, desto überzeugter wurde meine Ablehnung. In meinem Leben habe ich alles, was eine romantische Bedeutung hätte haben können, verweigert. Diese Idee einer absoluten, idealen Liebe ist absolut unrealisierbar. Sie führt im besten Falle zum Betrug, im schlimmsten zum Verbrechen. Das verleiht der Liebe Morbidität. Es macht die Menschen krank.

Unter den Libertins, also den Ausschweifenden, gibt es eine Art zu kommunizieren, die für andere unsichtbar ist. Man erkennt sich untereinander. Es gibt kleine Zeichen, die man über den Blick oder über Gesten wahrnimmt, praktisch hat man einen sechsten Sinn dafür. Bei der Frau ist es zum Beispiel die Art, wie sie sich präsentiert, beim Mann, wie er sie wahrnimmt und darauf reagiert. Das erlaubt es, sofort zum sexuellen Akt überzugehen, was man mit anderen Menschen nicht machen könnte. Viel hängt auch vom Ort ab: Es gibt einfach Orte, an denen klar ist, weshalb man dort ist. Gesprochen wird dabei nur äußerst selten. Ich habe sicher mit über 1000 Männern geschlafen, und Jacques wusste das die ganze Zeit.

Ich bin generell sehr offen meiner Umwelt gegenüber, sehr rezeptiv, das bringt schon mein Beruf mit sich. Das Sexuelle war für mich die Fortsetzung dessen. Heute ist das aber anders. Je mehr sich das Verhältnis zu Jacques verfestigt, desto mehr lässt das Verlangen nach, außerhalb nach Vergnügen zu suchen. Uns verbindet ja noch mehr. Wir haben eine ähnliche Art, die Welt um uns herum wahrzunehmen. In ethischen und politischen Fragen denken wir genau gleich. Oft analysiert er eine Situation und beantwortet mit seiner Einschätzung genau die Fragen, die ich habe - und ich nehme an, dass es umgekehrt auch so ist. Das ist uns wichtig.

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