Zeitung Heute : Die zwei Washingtoner Welten

Warum drei Jahrzehnte lang über die Identität von Deep Throat gerätselt wurde

James Mann

Die Enttarnung des früheren FBI-Angestellten W. Mark Felt als „Deep Throat“ hat einen ungewöhnlichen Einblick in die zwei getrennten Sphären verschafft, die in der amerikanischen Regierung schlecht und recht nebeneinander existieren. Nennen wir die eine die Versteckte Welt und die andere die Talk-Show-Welt.

Mit Talk-Show-Welt meine ich nicht nur die Leute in den sonntäglichen Plauderveranstaltungen. In den 1970ern gab es ohnehin nicht allzu viele Talk Shows. Ich benutze diesen Ausdruck eher für Promis, die im Fernsehen auftreten, Artikel oder Bücher schreiben oder regelmäßig Vorträge über das halten, was im Inneren der USA vor sich geht. Oft sind es dieselben Gesichter, die immer wieder auftauchen; schließlich (so die gängige Logik) kann ein Unbekannter nicht besonders wichtig sein oder etwas Wichtiges zu sagen haben.

Die meisten Amerikaner gehen fälschlicherweise davon aus, dass ihre Regierung von der Talk-Show-Welt regiert wird – auch, wenn es in Wirklichkeit sein kann, dass die Stammgäste dieses Universums gar keine Macht oder nur eine begrenzte Verbindung zum Zentrum der Regierungsmacht haben.

Mark Felt war ein klassischer Repräsentant jener anderen Sphäre, der Versteckten Welt. Dazu gehören Bürokratien und Institutionen, derer sich die USA tagtäglich bedienen müssen – das FBI, die CIA, die Armee. Die Versteckte Welt ist von ihrem Wesen her zwar gesichtslos, aber beständig. Regierungen kommen und gehen; die großen Organisationen bleiben. Normalerweise befolgt die Versteckte Welt ihre Anweisungen, doch gelegentlich verhindert, untergräbt und unterläuft sie sie. Politische Führer mögen die Versteckte Welt verachten, doch es bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als mit ihr und durch sie zu arbeiten.

Bob Woodward besaß ganz am Anfang seiner Reporterkarriere ein ausgezeichnetes (wenn auch eher intuitives) Gespür für die Versteckte Welt. Er hatte in der Navy in Washington gedient; seinen eigenen Erzählungen zufolge gehörten Botengänge ins Weiße Haus zu seinen militärischen Pflichten. Dort lernte er bei einem zufälligen Zusammentreffen Felt kennen.

Zu viele andere Reporter tappen in die Falle, an die zentrale Bedeutung der Talk-Show-Welt zu glauben. Seit den 1970ern konzentrierten sich die endlosen Spekulationen über die Identität von Deep Throat immer wieder ohne Anhaltspunkt auf Leute, die wenig oder keinen Zugang zu den Geheimdienst- und Polizeiinformationen hatten, die Deep Throat lieferte.

Es ist es das Alltägliche, fast Langweilige an Felt und anderen in der Versteckten Welt, das ihr Wesen und ihre Bedeutung ausmacht. Für sie ist die Institution wichtiger als persönlicher Ruhm. Darauf wollte ich in meinem Artikel von 1992 für den „Atlantic Monthly“ hinweisen, in dem ich Felt unter ein paar möglichen Deep Throat-Kandidaten nannte. Dort stand, dass die Identität von Deep Throat viel unwichtiger war als der Ort, an dem er arbeitete – nämlich das FBI.

Wie sind diese beiden Welten, die Versteckte und die Talk-Show-Welt, miteinander verbunden? Auf der Ebene des Tagesgeschäfts gar nicht. Mitglieder der Talk-Show-Welt tendieren dazu, die Existenz der Versteckten Welt zu verleugnen. Deren Anerkennung würde den herrschenden Mythos unterlaufen, dass eine Handvoll berühmter Gesichter alle wichtigen Entscheidungen treffen, um diese dann ausführlich im Fernsehen zu erläutern. Eine Bürokratie kann man nicht auf Sendung schicken oder ein Buch schreiben lassen. Unterdessen betrachten die Einwohner der Versteckten Welt die Talk-Show-Welt nicht ohne Angst, Ehrfurcht und Faszination. Es ist viel darüber spekuliert worden, warum Felt sich noch im fortgeschrittenen Alter davor scheute, sein Geheimnis zu lüften. Ich vermute, dass er als lebenslanges Mitglied der Versteckten Welt die Talk-Show-Welt als eine unkontrollierbare Kraft betrachtete, die seine ruhige Existenz in Unordnung bringen konnte. Wer mit großer Macht im Schatten operiert, begegnet dem grellen Rampenlicht mit Misstrauen.

Natürlich gibt es sehr wohl Verbindungen zwischen der Talk-Show- und der Versteckten Welt – nicht auf der Arbeitsebene, sondern ganz an der Spitze. Der Präsident, sein Kabinett und die obersten Leiter jeder Verwaltung spielen eine Rolle in beiden Sphären.

Einerseits treten sie vor die Öffentlichkeit, um ihre Politik zu erklären. Andererseits leiten sie die Bürokratien der Versteckten Welt – oder genauer: Sie versuchen sie zu leiten.

Genau das führt zu endlosen Konflikten wie denen, die 1972 gärten. Damals starb der Direktor des FBI, J. Edgar Hoover, und Nixon versuchte, dem FBI – Mark Felts FBI – für seine eigenen Zwecke die Kontrolle zu entreißen.

In vieler Hinsicht war dieser Machtkampf einzigartig. Hoover hatte das FBI nicht nur über Jahrzehnte geleitet – er hatte es praktisch geschaffen und eine Position erreicht, in der er dem Präsidenten trotzen oder ihn sogar erpressen konnte. Niemand (so hofft man) wird je wieder eine solche Machtfülle besitzen.

Es wäre falsch, die bürokratischen Konflikte von 1972 als alte Geschichten abzutun. Heute wie unter fast jeder US-Regierung kann man vergleichbare, wenn auch kleinere Kämpfe um die Kontrolle über die Bürokratien finden. Tatsächlich ist diese bürokratische Kriegsführung oft der Schlüssel zum Verständnis der Dynamik einer Regierung.

Darüber sprechen unsere politischen Führer im Fernsehen nicht, doch eine ihrer größten Sorgen ist die Frage, ob und wie sie die ihnen unterstellten Bürokratien in den Griff bekommen, so dass die Politik der Regierung ausgeführt oder zumindest nicht unterlaufen wird. Außenministerin Condoleezza Rice hat wie alle ihre Vorgänger versucht, sich die Loyalität des Auswärtigen Diensts zu sichern.

Die Regierung von George W. Bush führt uns seit fünf Jahren ein bürokratisches Tauziehen epischen Ausmaßes zwischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und dem Militär vor. Vom Tag seiner Amtseinführung an haben Rumsfeld (selbst ein Protegé Nixons) und seine obersten zivilen Berater versucht, Kontrolle über die militärische Führungsriege auszuüben.

Die Unterscheidung zwischen Talk Show-Welt und Versteckter Welt lässt sich auch auf den Journalismus anwenden. 1972 gab es bei der „Washington Post“ einige bekannte Gesichter. In gewissem Sinne waren sie Teil der Talk-Show-Welt.

Doch die „Washington Post“ war auch selbst eine große Organisation mit vielen weniger hochrangigen Redakteuren und Reportern, die außerhalb der Zeitung kaum jemand erkannt hätte. Als Reporter für den Lokalteil war Woodward ein Repräsentant der Versteckten Welt der Zeitung. In diesem Sinne war es kein Zufall, dass er und Felt miteinander ins Geschäft kamen.

James Mann war lange Reporter bei der „Los Angeles Times“ und der „Washington Post“. Sein neuestes Buch heißt "Rise of the Vulcans: The History of Bush’s War Cabinet" (Viking/Penguin). Dieser Artikel ist in der „Washington Post“ erschienen.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder

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