Zeitung Heute : Die Zweier-Wette

Warum Bindungen befreien können – ein Lob der Verlobung / Von Ines Langelüddecke und Patrik Schwarz

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„Von der Homo Ehe bis zur Zuwanderung, von der Generationen- gerechtigkeit bis zur Nachhaltigkeit – immer stellt sich die Frage, wie viel Bindung wollen wir: zu Kindern wie Alten, zu Einwanderern, zu Lebensgefährten, zu Heimat, Karriere, Natur oder Gott.“

Für Rolf, der die Freiheit

predigte und die Bindung suchte.

Wir haben uns verlobt. Erst hinterher haben wir erfahren, dass wir alles falsch gemacht haben. Man sagt nicht: „Ich will mich mit Dir verloben.“ Es heißt, „Willst Du mich heiraten“, klärten uns nachträglich Freunde auf, die sich als erfahrener im Umgang mit bürgerlichen Gebräuchen erwiesen.

So richtig viel hätten wir mit dem Ratschlag auch dann nicht anfangen können, wenn er uns rechtzeitig ereilt hätte. Die Frage nach dem Heiraten hatten wir uns schon zuvor ein paar Mal gestellt, mal beim Abwaschen, mal in einer Sommernacht auf einer Berliner Dachterrasse. Wann zählte es? War das erste Mal das echte Mal? Oder das letzte? Ein richtiger Anfang musste her, ein Moment des Versprechens, ein Augenblick, der alles eröffnet. Und so war unsere Verlobung relativ richtig – relativ zu unseren Vorstellungen.

Wir können nicht für andere sprechen, aber für uns ist dies eine seltsame Zeit: Wir leben in einer Periode, da der Kanon bürgerlicher Umgangsformen sich längst aufgedröselt hat wie ein alter Teppich. Nur die Fäden sind noch da. Und anders als vielleicht die Generation vor uns, haben wir Spass daran, die Fäden wieder zu verknüpfen – bestimmt von unseren eigenen Vorstellungen, aber nicht ganz losgelöst von den Mustern aus überholten Zeiten.

Von unserer Verlobung soll dieser Essay den Bogen schlagen zur Bedeutung der Bindung in ganz anderen Feldern: Wo überall erscheint uns 25- bis 35-Jährigen Bindung wieder attraktiv, im Privaten wie in der Politik, obwohl sie doch denen, die vor 30 Jahren in unsrem Alter waren, als Fessel galt? Letztlich sammeln wir damit Anhaltspunkte für eine Suche: Wie kann ein Politikentwurf aussehen, der die Wertschätzung für Bindung zum Maßstab hat? Unweigerlich reden wir dabei in Kategorien von Generationen, von zweien vor allem: den 68ern und ihren Kindern. Was die einen abzustreifen suchten, so unser Eindruck, erscheint den anderen viel versprechend. Unser Blick ist dabei radikal subjektiv – und wir zählen auf eine beliebige Zahl von Kronzeugen unseres Alters, die unseren Befunden nur zu bereitwillig widersprechen. Schließlich gefällt uns am Lobpreis der Verbindlichkeit nicht zuletzt die Kraft, im Zeitalter der Beliebigkeit Widerspruch zu provozieren.

II.

Geboren in Ost und West, aber beide in den 70ern, sind wir Kinder der Freiheit – erleben wir deshalb die Bindung als große Verlockung? Wir nennen uns vor anderen „Mann“ und „Frau“ – „ich warte noch auf meinen Mann“, „meine Frau hat noch gar nicht angerufen“ – obwohl wir noch längst nicht vermählt sind. Die irritierten Blicke sind die Bestätigung: Heute sprengt die Konventionen, wer das Konventionelle betont. Wo früher der Reiz im Spiel mit der Freiheit lag, liegt jetzt die Provokation im Spiel mit der Verbindlichkeit.

Wir kokettieren mit der Bindung – und nehmen sie doch ernst. Mit der Verlobung haben wir uns eine Form gesucht, in Traditionen verwurzelt, und sie nach unsrem Sinn gestaltet. Nicht weil es sich so gehört, sind wir nun verlobt, sondern weil wir uns etwas davon versprechen. Gerade weil wir es mit dem Heiraten so eilig nicht haben, wollten wir der Zwischenzeit einen Rahmen geben.

Wir nehmen uns ein doppeltes Privileg: Zum einen geben wir unserer Beziehung unseren eigenen Ausdruck – ohne Scheu vor dem Rückgriff auf die traditionelle Formensprache unsrer Gesellschaft. Zum zweiten gestalten wir diese Form so offen, dass jeder von uns beiden darin mit seinen eigenen Vorstellungen Platz findet – ohne dass diese notwendigerweise in allen Punkten zur Deckung kommen. Bindung so verstanden wandelt sich von der eindimensionalen Verpflichtung zum komplexen Muster, selbstbestimmt ohne haltlos zu sein.

Verlobt sein, das ist Proben und Prüfen, schrieb Patrik auf seine Karte zum Tag, aber mit einem Ziel im Blick: der Entscheidung, ob wir auf Dauer miteinander leben wollen. Ich habe unsere Bindung schon geprüft, sonst wollte ich nicht die Verlobung, antwortete Ines, sie ist ein erster Schritt zur Heirat und gleichzeitig Bestätigung der Beziehung. Sind beide Ansichten deckungsgleich? Der Rahmen lässt Platz – für sie und für ihn, und unsere zwei Interpretationen dazu.

Das Echo auf unsere Entscheidung spiegelt eigene Erfahrungen: Überschwang und Unsinn!, befindet ein Freund, der seine erste Ehe bereits hinter sich hat. Habt Ihr Euch das gut überlegt?, fragt eine Tante mit schmerzhaften Erinnerungen an die eigene frühe Bindung. Die Liebe ist das Größte, gleich in welcher Form, antwortet die eine Mutter, die andere reist mit Wein und Blumen zum Glückwunsch an. Beide Väter nicken in stiller Zustimmung: So ist’s recht – und spendieren je ein Abendessen. So manche Gleichaltrigen freuen sich privat – und wundern sich politisch. Macht man das noch? Macht man das wieder? Ist das nicht ziemlich konservativ? Schon die Vokabel von der Verlobung klingt verstaubt. Vielleicht fällt die Verwunderung auch einfach nur deutlicher aus, weil die Heirat ihren angestammten Platz im gesellschaftlichen Ritualreigen längst zurückerobert hat. Das Erstaunen, dem sich aussetzt, wer sich bindet, ist jedenfalls mehr politischer denn privater Natur – zu Recht.

III.

Wie hältst Du’s mit der Bindung? Nahezu unbeobachtet von Spindoktoren und politischen Trendscouts umreißt die Frage inzwischen neue Grenzen politischer Zugehörigkeit. Entlang dieser Unterscheidung sortiert sich zunehmend die Gesellschaft – hier die Bindungsskeptiker, da die -euphoriker und in der Mitte ganz viele, die ihren persönlichen Weg suchen zwischen den Polen. Fast jedes Thema der aktuellen politischen Debatte lässt sich in diese Kategorie fassen. Von der Homo-Ehe bis zur Zuwanderung, von der Generationengerechtigkeit bis zur Nachhaltigkeit – immer stellt sich die Frage, wie viel Bindung wollen wir: zu Kindern wie Alten, zu Einwanderern, zu Lebensgefährten, zu Heimat, Karriere, Natur oder Gott?

Traditionell ist die CDU die Partei, die die Werte der Verbindlichkeit hoch hält, von der Verlobung im privaten bis zur Traditionswahrung im öffentlichen Raum. Als fühle sie den oben beschriebenen Geist, ruft CDU-Chefin Angela Merkel bereits ein christdemokratisches Jahrhundert aus. Noch ohne den Begriff füllen zu können, beansprucht sie die Meinungsführerschaft für eine wieder erwachte Werteorientierung in der Gesellschaft. Die linken Parteien tun sich damit üblicherweise schwerer, die Sozialdemokraten mehr noch als die bürgerlich eingefärbten Grünen.

Gleichzeitig steht unbeantwortet die Frage im Raum, die seit mehr als zehn Jahren die Gemüter in allen Parteien bewegt: was kommt denn nun jenseits von rechts und links, dieser so oft schon für überholt erklärten Grenze?

Gerade in der individualisierten Gesellschaft, so glauben wir, ist die Sehnsucht nach der Verbindung über den Einzelnen hinaus am Wachsen. Zwei politische Konzepte, die in den letzten Jahren zu Zentralbegriffen der politischen Debatte wurden, zeigen, wie weit das Bewusstsein schon ausgeprägt ist. Was ist etwa Generationengerechtigkeit anderes, als die Erkenntnis, dass wir in der Sorge um das Gemeinwohl nicht nur unseren Zeitgenossen verpflichtet sind, sondern die Bindung über die Generationen hinausreicht? Im selben Geiste entspringt das ökologische Konzept der Nachhaltigkeit der Einsicht in die unvermeidliche Bindung des Menschen an die Natur.

Wie hältst Du’s mit der Bindung?, ist eine Leitfrage, die zu neuen Antworten führt, denn sie erlaubt Konstellationen quer zum bestehenden politischen Spektrum. Wer Bindung für einen Wert hält, der hält womöglich die verstärkte Integration hier lebender Ausländer für wichtiger als die Aufnahme immer neuer Zuwanderer, weil Fremde erst dann eingebunden sind, wenn sie genügend Deutsch sprechen. Diese vermeintlich „rechte“ Position kann durchaus einhergehen mit der „linken“ Ansicht, dass die doppelte Staatsbürgerschaft ein Segen ist, weil sie die Komplexität unterschiedlicher Bindungen (zum Herkunfts- wie zum neuen Heimatland) gesellschaftlich anerkennt und rechtlich absichert.

Ähnliches gilt in Fragen der Weltanschauung. Wer Bindung für einen Wert hält wie die Kirchen, müsste eigentlich die Homo-Ehe begrüßen, denn jeder Schwule, der heiratet, vergrößert die Gemeinschaft aller Homos wie Heteros, die sich in einer Partnerschaft zur Teilung von Rechten wie Pflichten verabreden. Auch die Bedeutung der Religion als Bindekraft entfaltet sich erst jenseits traditioneller Grenzen: Nicht mehr zwischen rechtgläubigen Christen und spinnerten Esoterikern verläuft ein gesellschaftlicher Graben (auch wenn es die Kirchen zu ihrem eigenen Schaden so darstellen), sondern zwischen Menschen, denen alles Transzendente fremd ist, und denen, die eine Verbindung zu Gott suchen – in welchem persönlichen Sinne auch immer.

Gemeinsam ist diesen Beispielen, was wir schon für unser Verständnis von Verlobung zu beschreiben suchten: Bindung in Zeiten der Individualisierung wird kraftvoll (und reizvoll) erst, wenn sie Komplexität ermöglicht. Nur dann kann sie eine Brücke schlagen zwischen Menschen mit individuellen, auch gegensätzlichen Vorstellungen von sich selbst und der Welt. Nur dann ist sie anschlussfähig für eine Gesellschaft, die sich nicht mehr auf universalverbindliche Konzepte festlegen lassen will. Diese Komplexität im Verständnis von Bindung unterscheidet die neue Form, die uns vorschwebt, von den althergebrachten Mustern tradierter, rigider Festlegungen. Wie bei der Verlobung ist zunächst offen, welcher Formensprache sich der Wunsch nach Verbindlichkeit bedient. Leitmotiv ist vielmehr die Suche an sich – als Suche nach einem selbst gewählten Weg.

IV.

Wie lässt sich der rote Faden auf einen Begriff bringen? Willy Brandt brachte den Deutschen einen Gedanken näher, für den unsere Sprache keinen angemessenen Ausdruck kennt: „compassion“. Mitleid bedeutet es jedenfalls nicht. „Jemand aus Mitleid zu lieben, heißt ihn nicht wirklich zu lieben“, schreibt Milan Kundera. „Compassion“ dagegen, die Gabe der einfühlenden Anteilnahme, war für den Friedensnobelpreisträger Brandt eine zentrale Voraussetzung gesellschaftlichen Engagements wie verantwortungsbewussten Staatshandelns. Ähnlich dem kaum übersetzbaren „compassion“ verfügt das Englische auch für den Gedanken der Bindung über ein weit vielschichtigeres Wort: „commitment“. Es umfasst die widerstrebenden Seiten der Bindung: das einschränkende Element im Sinne einer Verpflichtung ebenso wie das Element der Freiwilligkeit, das aus einer möglichen Bürde erst die Entscheidung aus freien Stücken werden lässt.

Wer ein commitment eingeht, begibt sich in Verantwortung, die Verbindung aus Verpflichtung und Freiwilligkeit macht das Commitment belastbar, erlaubt Dritten, sich darauf zu verlassen. Soweit die Idee – in der Praxis fehlt bisher ein überzeugender Bannerträger, um ein „Age of commitment“ auszurufen. Doch die Voraussetzungen für einen gesellschaftlichen Diskurs über die Bereitschaft zur Bindung stehen nicht schlecht. Trotzdem wohnt dem commitment als politischer Kategorie ein Rest an Schrecken inne.

Bindung befreit – und Bindung schmerzt. So falsch es wäre, die erste Wahrheit zu übersehen, so naiv wäre es, die zweite zu bemänteln. In der weitgehend individualisierten Gesellschaft des Jahres 2003 erscheint allerdings die Vorstellung weit plausibler als vor 30 Jahren, dass Begrenzungen auch befreiend wirken können. Während seinerzeit Bindungen fast immer Fesseln waren, stellt heute Zügellosigkeit nicht nur im Verhältnis von Ökonomie zu Ökologie eine Gefahr dar. Trotzdem bleibt die Frage, welche Geisteshaltung man braucht, um sich im „Age of Commitment“ zurecht zu finden.

Am einfachsten ist das vielleicht am schwierigsten Beispiel zu skizzieren, der Suche nach Gott. Wer seine Bindungen aus freien Stücken eingeht, muss sich zwangsläufig als Formenschöpfer betätigen. Längst schaffen sich viele Menschen ihre eigenen Rituale, für Bedürfnisse von der Verlobung bis zur spirituellen Einkehr. Schwer haben es da wohl vor allem die Fundamentalisten aller Art. Wer Begriffe absolut setzt, und etwa Gott nur als allein wahren und gültigen Gott denken kann, dem dürfte schwer verständlich sein, dass eine religiöse Bindung ganz individuell gestaltet ausfallen kann. Dasselbe gilt natürlich für den fanatischen Atheisten. Wer felsenfest dem Irdischen verbunden ist, dem wird auch das Verständnis für jede individualisierte Form von Gott abgehen.

Bedarf es also der postmodernen Distanz, um sich im Kosmos der multilateralen Bindungen zurecht zu finden? Auch der Dauerironiker dürfte im „Age of Commitment“ seine Schwierigkeiten haben. Wer nichts als gültig stehen lassen kann, wer in allem nur Zitat sieht, beraubt sich selbst der Befriedigung des authentischen Erlebnisses, von dem jede Bindung lebt. Am ehesten findet sich wohl zurecht, wer die Haltung eines Postironikers einzunehmen vermag: Wir nehmen ernst, was wir tun, aber wir spielen mit den Formen.

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