Zeitung Heute : Die Zweifel

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

Matthias Kalle

Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg

Vielleicht war es doch keine so gute Idee, das mit dem Aufhören und der Pause und dem Weggehen. Vielleicht handelte ich zu überstürzt, zu unüberlegt, zu, äh, emotional? Vielleicht hätte auch ein längerer Urlaub gereicht, oder ein Umzug an den Weißensee. Vielleicht habe ich mich doch wohl gefühlt und hatte das nur vergessen. Warum sonst sollte ich plötzlich Berlin vermissen, die Arbeit, die Kollegen, das Leben, das ich einmal hatte? Warum sonst jammer ich, wo ich doch das Jammern prinzipiell ablehne?

Meine Tage in Minden? Sie gehen dahin! Nach dem Frühstücken lese ich Zeitungen, manchmal auch ein Buch, danach gehe ich mit dem Hund meiner Großeltern spazieren. Am Nachmittag mache ich Besorgungen, gerne mit dem Rad, natürlich nur, wenn es nicht regnet. Die Abende verbringe ich im Kino oder bei Landy; dann reden wir von unseren Träumen. Und jetzt, in den Momenten des Zweifels, der Monotonie, der Orientierungslosigkeit, komme ich auch noch auf die seltsamsten Ideen.

Vor ein paar Tagen zum Beispiel, da stand ich in aller Herrgottsfrühe auf und setzte mich in den Wagen meines Großvaters. Am Abend zuvor habe ich mir mein Ziel ausgesucht, ich wollte noch einmal einen Ort besuchen, an dem ich sehr lange nicht mehr war. Als ich zwölf war, fuhren wir auf Klassenfahrt auf die Burg Wittlage, in der Nähe von Bad Essen. Damals spielte sich ein kleines Drama ab: Eva liebte Dirk, und Dirk liebte Eva, und jeder wusste davon, nur nicht die beiden. Und deshalb griff Eva zum äußersten und heiratete Meyer. Der kleine, dünne Bauer übernahm die Trauung. Nachdem sich Dirk auf unserem Zimmer einschloss, ahnte Eva von seinen Gefühlen für sie und rannte zu dem kleinen Bach und warf den Ring hinein, den Bauer aus einem Kaugummiautomaten herausgezogen hatte, und den sie zum Zeichen ihrer Treue tragen sollte. Dirk kam den ganzen Abend nicht mehr aus seinem Zimmer, und er kam auch nie mit Eva zusammen, aber wir anderen bekamen zum ersten Mal in unserem Leben eine Ahnung davon, was Unglück bedeutet.

Ich betrachtete noch einmal alles: die Burganlage, das Gebäude mit den Zimmern, den Bach, auf dessen Grund der Ring immer noch liegen müsste. Ich könnte nach München zurückkehren, dachte ich in diesem Augenblick, dort war ich einmal glücklich. Aber es hat auf die Dauer nicht geklappt mit dem Glücklichsein, deshalb zog ich nach Berlin, aber weil das Glück auch hier nicht ständig bei mir war, ging ich nach Minden zurück – nach acht Jahren wusste ich nicht mehr sicher, ob ich in meiner Heimat glücklich oder unglücklich gewesen bin.

Ich fuhr mit dem Wagen meines Großvaters zurück, im Radio lief das Lied „Since I left You“ von der Gruppe The Avalanches, darin heißt es: „Since I left you / I found the world so new.“ Verlassen, loslassen, verzichten – das sind wohl die Methoden und wenn die auch nicht funktionieren, dann kann man ja immer noch zurückkehren, vorausgesetzt, man darf.

Es gab mal einen Film, einen deutschen, irgendwann in den achtziger Jahren, der hatte den Titel „Überall ist es besser wo wir nicht sind“. Für eine Neuverfilmung stünde ich als Hauptdarsteller zur Verfügung.

Matthias Kalle hat Berlin verlassen und ist zurück in seine Heimatstadt Minden gezogen. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

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