Zeitung Heute : Die Zweifelhaft

Monika de M. saß 888 Tage im Gefängnis. Eine Frau, die ihren Vater ermordet hat – so urteilte das Berliner Landgericht 2005. Nun fordert selbst der Staatsanwalt den Freispruch

Katja Füchsel Kerstin Gehrke

Das Frauengefängnis Berlin- Pankow ist kein Ort, an dem Zukunftspläne gut gedeihen. Die 888 Tage hinter Gittern vergingen für Monika de M. in Monotonie, kein Ende absehbar, es hätte 15, vielleicht 20 Jahre so weitergehen können: 6 Uhr 15 Wecken, Frühstück, Putzdienst, Freizeit, 21 Uhr 15 Einschluss. Jetzt muss Monika de M. mit 52 Jahren erst wieder lernen, Pläne für ihr Leben zu schmieden. Doch für heute, den Tag, an dem die Justiz sie nach mehr als vier Jahren voraussichtlich aus ihren Fängen lässt, hat sich die Arzthelferin mit dem rundlichen Gesicht etwas vorgenommen. Die des Vatermordes Angeklagte will sich für ihr Schlusswort von der Bank erheben und selbst zur Anklägerin werden. Von wegen im Zweifel für den Angeklagten! „Man ist hierzulande so lange schuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist“, verkündet Monika de M. in ihrem Wohnzimmer und drückt energisch eine Zigarette im Aschenbecher aus. Genau das will die Arzthelferin heute auch den Richtern entgegenschleudern, bevor sie sich zur Urteilsfindung zurückziehen.

Die 29. Große Strafkammer wird nicht lange beraten müssen und auch sonst verspricht das Geschehen in Berlins Justizpalast kaum Überraschungen: Vor dem Saal werden sich Journalisten aus dem ganzen Land einfinden. Die Reporter werden ihr die Mikrofone entgegenstrecken und Worte wie „Justizirrtum“ und „Ermittlungsskandal“ zurufen. Es wäre nicht irgendeiner. Zu lebenslanger Haft hatte das Berliner Landgericht Monika de M. 2005 verurteilt. Sie habe eine besonders schwere Schuld auf sich geladen, hieß es damals in dem Urteil.

Und nun zweifelt kaum einer daran, wie das Urteil in dieser zweiten Instanz ausfallen wird. Beim letzten Prozesstag hatte selbst der Staatsanwalt auf Freispruch plädiert.

Aufgeregt? Monika de M. schüttelt mit dem Kopf, fährt sich mit der Hand durch die blonden, kurzen Haare. „Nee, nicht aufgeregt – sauer“, sagt die Berlinerin. „Das waren viereinhalb Jahre meines Lebens!“ So lange stand sie unter Verdacht, ihren Vater ermordet zu haben. Über die Couch ihrer Neuköllner Eineinhalb-Zimmer-Wohnung hat sie eine blaue Decke gebreitet, vielleicht um das abgenutzte Polster zu kaschieren. Auf der Lehne sitzen Puppen und Plüschtiere, gegenüber steht eine Schrankwand, mit Spitzendeckchen, goldfarbenen Bilderrahmen und der blauen Schachtel, die ihr eine Mitgefangene gebastelt hat, aus kleingeschnittenen Rosen-Postkarten, die Kanten sorgfältig vernäht und mit Wolle umhäkelt. Im Gefängnis gibt es nur eines im Überfluss: Zeit.

Das meiste, was Monika de M. einst besaß, hat das Feuer in der Nacht zum 18. September 2003 zerstört. Ihr Vater, 76 Jahre alt, bettlägerig und schwer krebskrank, kam bei dem Brand im Buckower Uhuweg ums Leben. M.s Lebensgefährte rettete sich mit einem Sprung aus dem Fenster. Er hatte 2,6 Promille. Als die Retter eintrafen, stand Monika de M. an einer Hausecke. Eine Polizistin, die ihr die Nachricht vom Tod des Vaters überbrachte, wurde von ihr angeherrscht: „Wie soll er da schon rausgekommen sein.“

Die Worte scheinen nicht zu dieser Frau in der gelben Bluse zu passen, die heute so offen über sich spricht. „Mit Männern habe ich kein glückliches Händchen“, sagt sie. Der Vater ihres Sohnes war drei Jahre nach der Geburt im Suff erstickt und auch ihren zwölf Jahre jüngeren Freund Charly – vorbestraft, arbeitslos, alkoholkrank – hatte sie 2001 in ihrer Stammkneipe kennengelernt. Die beiden schlossen einen Pakt, als sie im Frühjahr 2003 in die Doppelhaushälfte des Vaters zogen: Monika de M. ging arbeiten, Charly sollte kochen und sich um den Vater kümmern. Dass sich die beiden Männer ständig stritten, der Alte drohte, das Paar rauszuschmeißen, will Monika de M. erst Monate später erfahren haben.

Anfangs gingen die Ermittler von einem Schwelbrand aus. Vermutlich habe Theodor de M. – wie so oft zuvor – im Bett geraucht und sei dabei eingeschlafen, hieß es. Doch drei Wochen später klingelte morgens die Polizei, bat die Arzthelferin zu einem zweiten Verhör – und nahm sie im Morddezernat dann fest. Wegen Mordes an ihrem Vater. „Da bin ich aus allen Wolken gefallen, ich konnte das gar nicht verstehen, stand völlig unter Schock“, sagt Monika de M.

Ein Gutachten des Berliner Landeskriminalamts, kurz: LKA, war zu dem Ergebnis gekommen, dass in dem Haus in der Tatnacht literweise Brennspiritus verkippt worden sei. Außerdem soll sich Monika de M. schon am Tag nach dem Brand bei einer Versicherung erkundigt haben, wie hoch die zu erwartende Versicherungssumme sei und wann sie ausgezahlt werde. 29 Jahre hat sie als Arzthelferin gearbeitet, zuletzt bei einer Ärztin in Kreuzberg. Ihre Chefin war als Zeugin vor Gericht geladen, lobte ihre Hingabe, mit der sie sich um die Patienten und den kranken Vater kümmerte. „Sie hat ihren Vater aufopferungsvoll gepflegt“, versicherte auch die Ärztin des Vaters vor Gericht.

Trotzdem: Monika de M. kam in die Zelle – und fiel in ein tiefes Loch. Die erste Zeit habe sie sich völlig isoliert, geweint und sich selbst gebetsmühlenartig versichert: „Dir kann nichts passieren, du hast nichts gemacht.“ Die Gefängnisleitung sorgte sich um den Lebenswillen der neuen Insassin, man nahm ihr das Besteck weg, gab ihr Geschirr aus Plastik – was laut de M. überflüssig war. „Ich wollte mich nie umbringen.“

Im Juli 2004 begann vor der 22. Großen Strafkammer der Prozess. Damals war sich de M. sicher, dass der Albtraum bald vorbei sei. Also packte sie vor jedem Prozesstag ihre Sachen zusammen. Vier, fünf Mal – vergeblich. Im Januar 2005 urteilte das Gericht: lebenslänglich! Verbunden mit der strafverlängernden „Feststellung der besonderen Schwere der Schuld“. Die Angeklagte schnitt bei den Prozessbeobachtern nicht gut ab, die Arzthelferin habe gleichgültig, barsch und teilnahmslos gewirkt, auch wenn sie immer wieder beteuerte. „Ich habe meinen Vater nicht getötet!“

Doch die Richter stützten sich auf das LKA-Gutachten – und ignorierten vier entlastende Expertenmeinungen –, sprachen von einem ganzen „Motivbündel“ bei der Tochter. „Sie war pleite, ihr Lohn wurde gepfändet, der Sohn saß im Gefängnis, der Lebensgefährte trank“, zählte der Richter auf. Weil der Vater das Paar aus dem Haus werfen wollte, habe die Arzthelferin „praktisch an der Grenze zur Asozialität“ gestanden. Mit der Versicherungssumme von 220 000 Euro habe Monika de M. ein neues Leben anfangen wollen. Ihren Freund Charly schloss die Kammer wegen mangelnder Intelligenz als Täter aus. Als er zwei Jahre später nach einem Gelage tot zusammenbrach, hatte Monika de M. schon keinen Kontakt mehr.

Doch es gab einen, der hat von Anfang an nicht an die Schuld von Monika de M. glauben können: Rudolf Jursic, 60 Jahre alt, Schwager. Breitbeinig sitzt Jursic auf dem Sofa, ein weißes Hemd spannt über seinem mächtigen Bauch, dazu trägt er eine Jogginghose. Vor viereinhalb Jahren hat er gewissermaßen den Beruf gewechselt, wurde vom Ingenieur zu einem Privatdetektiv in eigener Familiensache. Jursic schätzt, dass er etwa 2500 Stunden damit verbracht hat, die Wahrheit zu finden. Er experimentierte zu Hause in der Küche und im Keller mit Feuer, zündelte mit Spiritus, Benzin und Schnaps. Jetzt knallt Jursic Diagramme, Lagepläne, Formeln und Exposées auf den Couchtisch, als seien es Trümpfe. „60 Professoren in Deutschland habe ich angeschrieben – acht haben mir mit Tipps geholfen.“ Als Schüler verachtete Jursic Chemie, die vergangenen Jahre haben ihn zum Experten gemacht.

Und zum Helden – jedenfalls in den Augen von Monika de M. „Ohne meinen Schwager würde ich noch in Pankow sitzen.“ Man kann die Frau mit den hellblauen Augen dutzendmal fragen, die Antwort bleibt immer dieselbe: Keine einzige Sekunde, versichert Monika de M., habe sie geglaubt, dass das Urteil wirklich lebenslang bedeuten könnte. „Mein Anwalt hat ja sofort Revision eingelegt.“ Also richtete es sich Monika de M. so gut wie möglich im Frauengefängnis ein. Sie fand unter den Betrügerinnen, Räuberinnen und Totschlägerinnen einige Freundinnen, verdiente als „Hausmädchen“ – also Putzfrau – rund 90 Euro im Monat. Mit dem Geld kaufte sie sich Tabak, Kaffee und Lebensmittel, die die Frauen dann zum Kochen oder Backen zusammenlegten. Im Knast habe es echte Könnerinnen gegeben, schwärmt de M. „Was ich da an Kuchen gegessen habe, war schon toll.“

So ging das noch ein Jahr lang – bis der Bundesgerichtshof das erste Urteil zerpflückt und komplett aufhebt. Monika de M. kommt nach Hause. Im zweiten Prozess wird eine Expertin des Bundeskriminalamts als Obersachverständige beauftragt. Sie bestätigt, dass auch sie keinerlei Hinweise gefunden habe, dass ein Brandbeschleuniger im Spiel war. Für den Nachweis des LKA gebe es „keine vernünftige Erklärung“. Nur wenige Minuten später plädiert der Ankläger auf Freispruch.

Rudolf Jursic feuert das an. „Jetzt geht der Kampf erst richtig los!“, ruft er, während er mit dem Zeigefinger die Tischplatte zu durchschlagen droht. Für ihn sind die Brandermittler vom LKA schlicht „inkompetent“. Schon öfter hätten sie „unschuldige Berliner zu Unrecht der Brandstiftung bezichtigt“. Immer wieder würden die LKA-Gutachter Spiritus als angeblichen Brandbeschleuniger nachweisen, „was aber falsch ist“. Berlins Polizeipräsident musste am Montag seinen Leuten im Abgeordnetenhaus beispringen: Wenn sich Gutachten widersprechen, heiße das nicht, dass die Experten Fehler gemacht hätten, sagte Dieter Glietsch: „Ich habe keine Zweifel an der Seriosität des LKA.“

Worte, die Monika de M. bitter lächeln lassen. Der Makel wird sie wohl stets begleiten, wenn sie demnächst in Berlins Arztpraxen um Anstellung bittet. Derzeit lebt sie von Hartz IV, kann nach dem Freispruch aber zumindest mit einer Haftentschädigung rechnen: Elf Euro gibt es für jeden Tag, den sie im Gefängnis saß.

Als sich die Gefängnistore für Monika de M. öffnen, geht sie nicht spazieren oder ins Restaurant. Aber sie verbringt Ewigkeiten „bei Aldi und Rossmann“, will „alles sehen, anfassen, riechen“. Bei ihrer ersten Autofahrt, auf dem Weg zum Jobcenter, habe sie sich wie eine Anfängerin gefühlt, sagt sie. Die anderen hatten sie an den Straßenrand gehupt.

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