Zeitung Heute : Dienstleister für einen Sommer

Erntehelfer oder Eisverkäufer: In den Ferien suchen viele eine Nebentätigkeit. Doch Stellen gibt es selten

Dorothee Schmidt

Als die Menschen vor zwei Jahren vor der Neuen Nationalgalerie stundenlang Schlange standen, um die MoMA-Ausstellung zu sehen, stellte Arek sich immer wieder von Neuem an. Damit hat der Volkswirtschaft-Student acht Euro pro Stunde verdient. „Ein Reisebüro hatte mich als Platzhalter für Touristen gemietet, die nicht so lange warten wollten“, erzählt der 27-Jährige Pole. Er hat auch schon gegen Bezahlung an Demonstrationen teilgenommen und Passanten gezählt. Vermittelt haben ihm diese Jobs die Heinzelmännchen, die studentische Arbeitsvermittlung der Freien Universität Berlin.

Wenn am 5. Juli die Sommerferien in Berlin und Brandenburg beginnen und wenig später auch die vorlesungsfreie Zeit der Unis, dann werden viele Schüler und Studenten die Zeit nutzen wollen, um die Urlaubskasse aufzubessern oder sich etwas zum Lebensunterhalt dazuzuverdienen.

Jutta Schlagemilch und ihre Kollegen von der Job-Zeitarbeits-Vermittlung für Studenten bei der Agentur für Arbeit Berlin Süd vermitteln in der „Silberlaube“ der FU in Dahlem vor allem Hilfstätigkeiten „von heute auf morgen“. Zur Zeit seien das Gartenarbeiten, Pflegejobs und Tätigkeiten im Büro und Privathaushalt. Der Anteil der Jobs, für die man höher qualifiziert sein muss, liege bei zehn Prozent.

Auch die Agentur für Arbeit Berlin Nord hat noch Ferienjobs in Berlin anzubieten – jedoch nur für Studenten. In Berlin gebe es die klassischen Ferienjobs in der Touristikbranche – als Alleinunterhalter und Entertainer. In den Ferien würden auch Erntehelfer gesucht. Im Service und als Küchenhelfer hätten Studenten ebenfalls Chancen, Arbeit zu finden.

Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn vergibt Jobs und studienbezogene Praktika in der ganzen Welt. Mit besonderen Qualifikationen ist auch jetzt noch ein Job am Mittelmeer zu bekommen. „Wer gut Spanisch spricht, den können wir noch im Juli und August in ein Hotel in Spanien vermitteln“, sagt Renate Bertrand vom Team Nachwuchsförderung. Die beliebten Jobs für den Sommer sind aber schon lange vergeben. Wer auf einer Farm in Island, im Disneyland Paris oder bei der Weinernte in Kalifornien arbeiten will, der sollte sich Ende September die neue ZAV-Broschüre besorgen. Für Animationsjobs, die sehr beliebt sind, beginnen die Castings schon im Herbst. 500 bis 900 Euro pro Monat könne man dort verdienen, sagt Renate Bertrand.

Für Schüler sei es schwieriger, einen Ferienjob zu ergattern, sagt Doris Ebert von der Arbeitsagentur Mitte. „Die meisten Firmen wollen Mitarbeiter ab 18.“ Der Jugendarbeitsschutz macht es für Arbeitgeber einfacher, volljährige Aushilfen einzustellen. Angebote gibt es trotzdem. Doris Ebert rät allen Schülern, bei der Jobvermittlung in Mitte vorbeizukommen oder „ruhig selbst überall nachzufragen“. Denn Kaufhäuser und der Lebensmittelhandel meldeten freie Stellen nicht an die Agentur. „Ferienjobs werden über Mundpropaganda vergeben“, sagt Uwe Mählmann von der Agentur für Arbeit Berlin Süd. „In der Schule und über Freunde.“

Simone Hartmann von der Supermarktkette Kaufland gibt Schülern den Tipp, an den schwarzen Brettern ihrer Filialen zu schauen, ob noch Ferienarbeiter gesucht werden. Chancen gebe es. Die Bäckerei Kamps beschäftigt das ganze Jahr über viele Studenten und Schüler in ihren 105 Berliner Filialen. Frank Larisch rät, sich direkt in den Filialen zu bewerben.

Aber die Zeiten, in denen ganze Schüler- und Studentengenerationen in den Ferien am Fließband standen oder Kaufhausregale auffüllten, sind vorbei. Früher habe es mehr Jobs gegeben, sagt Hansjörg Edling von der studentischen Arbeitsvermittlung Heinzelmännchen. Das habe nicht nur mit der hohen Arbeitslosigkeit zu tun. „Viele Berliner Arbeitgeber sind ins Umland gezogen oder ganz weggegangen.“ Und die immer komplizierteren Renten- und Sozialversicherungsgesetze machten es aufwändiger und finanziell unattraktiver, Studenten einzustellen.

VWL-Student Arek ist jetzt aber wieder auf Jobsuche — noch bevor die Ferien begonnen haben. Auch im Semester seien viele Studenten auf Arbeit angewiesen, um sich ihren Unterhalt zu verdienen, sagt Hansjörg Edling. In den Ferien steige jedoch die Nachfrage. Die Jobvermittlung der Heinzelmännchen ist ein Glücksspiel. Nicht wer morgens als Erster dort ist, hat die besten Chancen, sondern wessen Ausweis bei der Verlosung zuerst gezogen wird. 84 Studenten suchen an diesem Morgen einen Job. Interessieren sich mehrere für eines der Angebote, die ausgerufen werden, bekommt derjenige den Zuschlag, dessen Ausweis vor den anderen gezogen wird. Die erste Durchsage schallt durch den Flur: „Es werden Leute für eine Inventur gesucht. Es gibt sechs Euro pro Stunde.“ Arek winkt ab. Er wird auf ein besseres Angebot warten.

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