Zeitung Heute : Diepgen "butzt" Platte

Noch vor kurzem sah es nach einem gemeinsamen Medi

Berliner Versagen bei regionaler Medienpolitik

Friedrich-Carl Wachs war seit September 1997 Vorsitzender der Geschäftsführung der Studio Babelsberg GmbH. Während der Berlinale 2000 gab er sein Ausscheiden bekannt.

Noch vor kurzem sah es nach einem gemeinsamen Medienbeauftragten für Berlin und Brandenburg aus - möglichst unter dem Dach einer länderübergreifenden Medienagentur. Jetzt sucht Brandenburg einen Medienkoordinator, Berlin einen Medienbeauftragten, eine Medienagentur scheint Makulatur. Was treibt die Regional-Politiker in diese all zu kleine Lösung?

Ein beklagenswerter Mangel an Vision, ein Defizit an Marktkenntnis, politische Ranküne und ein absurder Binnenwettbewerb, den es zu überwinden statt zu prolongieren gilt. Und das in Zeiten, wo über eine Fusion der Länder gesprochen wird und insofern mittelfristig sowieso eine gemeinsame Medien- und Wirtschaftspolitik erforderlich ist. Zur Ehrenrettung der Politik ist jedoch einschränkend anzumerken, dass sich Wirtschaftssenator Branoner und Wirtschaftsminister Fürniß bereits auf ein schlüssiges Konzept für einen gemeinsamen Medienbeauftragten an der Spitze einer länderübergreifenden Medienagentur geeinigt hatten. Bis der Regierende dies von der Platte "gebutzt" hat. Jetzt soll - zum wiederholten Mal - geprüft, erörtert, definiert werden ... um Zeit zu gewinnen. Auf seinen unschlüssigen Nachbarn kann aber Brandenburg nicht warten.

Warum wäre eine länderübergreifende Initiative so wichtig?

Weil sie Kräfte bündelt, statt zu spalten: Fördermittel, Ausbildungsangebote, Ansiedlungshilfen etc. Weil wir hier vom nationalen und internationalen Markt als eine große Medienregion wahrgenommen werden, die eben zufällig über die Ländergrenzen hinweggeht: Der Föderalismus mit seinen bizarren Ausprägungen auf ansiedlungswillige Investoren ist selbst wohlwollenden Ausländern kaum zu vermitteln. Und schließlich: Weil wir im harten Wettbewerb mit anderen starken und schlagkräftigen Medienregionen in Deutschland und Europa stehen.

Stimmt die Einschätzung der "Unionisten", dass eine gemeinsame Medienpolitik mehr an Arbeitsplätzen bringt als eine getrennte? Sind die "Separatisten" nicht realistischer?

Die "Separatisten" verkennen erstens, dass mittelfristig sowieso alles eins wird, und zweitens, dass auch ein Medienarbeitsplatz in Brandenburg positive wirtschaftliche Auswirkungen auf Berlin hat. So wohnen von den rund 3000 Menschen, die täglich in der Medienstadt Babelsberg arbeiten, mehr als die Hälfte in Berlin und zahlen demnach auch dort ihre Steuern.

Wie müsste das Amt eines Berlin-Brandenburger Medienbeauftragten ausgestaltet, wie eine Medienagentur organisiert sein, damit beides mehr wäre als ein schickes Büro und schöne Visitenkarten?

Ein ideales und wettbewerbsgerechtes Modell könnte folgendermaßen aussehen: Der Medienbeauftragte steht als Geschäftsführer an der Spitze der "Medienagentur Berlin/Brandenburg GmbH", die jeweils zur Hälfte für die Länder von den Landesstrukturbanken IBB und ILB gehalten wird (analog Filmboard GmbH). Mit einem schlanken Apparat kümmert er sich um alle Fragen im Zusammenhang mit der Akquisition, der Ansiedlung, der Betreuung von Medienunternehmen und Projekten in beiden Ländern in den Feldern klassischer Medien (TV/Film/Video/Print) und neuer Medien (Internet/Multimedia/Telekommunikation). Er ist der zentrale Ansprechpartner der Medienwirtschaft und Koordinator der Verwaltung mit direkter Anbindung an die Regierungschefs der Länder, um schnelle Entscheidungen zu ermöglichen.

In welchen Bereichen liegt das unausgeschöpfte Potenzial für die hiesige Medienbranche?

Unausgeschöpftes Potenzial liegt natürlich vor allem in den Feldern IT und Multimedia, wo die Medienregion als "capital of talents" große Anziehungskräfte generieren kann. Aber auch in der Film- und Fernsehwirtschaft ist noch viel mehr möglich: Zwar wird immer mehr in der Region gedreht, aber leider ist es noch nicht gelungen, die jeweiligen Produktionsfirmen hier auch heimisch zu machen - zumindest mit einer Dependance. Und schließlich: Der "weiche Standortfaktor" Ausbildung kann für die Region mit ihren hervorragenden Instituten, Universitäten und Schulen wie z. B. dffb, HFF, HdK etc. zu einem "harten" Faktor im Zeitalter der "content-collectors" werden.

Für welches Amt in der Region stünde Friedrich-Carl Wachs zur Verfügung?

Für keines - weder in einer gemeinsamen großen Lösung noch in einer Solo-Nummer Berlins oder Brandenburgs. Ich habe die Initiative für den gemeinsamen Medienbeauftragten im vergangenen Jahr mit einem klaren Personalvorschlag begonnen und hoffe unverdrossen, dass Vernunft einkehrt und dieser Kandidat gekürt wird - als gemeinsamer Medienbeauftragter beider Länder an der Spitze der Medienagentur ...Das Interview führte Joachim Huber.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben