Zeitung Heute : „Dies ist ein Krieg der Regierung Allawi“

Nahost-Experte Perthes über das Interesse der Rebellen am Häuserkampf und die Chance auf Wahlen

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Amerikanische und irakische Truppen sind ins Zentrum von Falludscha vorgedrungen. Ist der Häuserkampf überhaupt zu gewinnen, Herr Perthes?

Die Amerikaner und die irakischen Streitkräfte können eine solche Schlacht natürlich gewinnen. Aber das heißt überhaupt nicht, dass sie den Krieg gewinnen können. Ein massiver Einsatz mit allem, was den Amerikanern zur Verfügung steht, könnte zu erheblichen Opfern unter der Zivilbevölkerung führen. Das wiederum könnte politische Auswirkungen der Art haben, dass mehr Hass und mehr Widerstand für weiteren Zulauf zu den Aufständischen und terroristischen Organisationen sorgen. Deshalb haben die Rebellen in Falludscha auch ein starkes Interesse daran, die Amerikaner und die irakische Armee in einen lang anhaltenden Kampf innerhalb der Stadt zu ziehen und sich nicht auf eine offene Feldschlacht einzulassen.

Welche Bedeutung hat der jordanische Terrorist Abu Mussab al Sarkawi dabei?

Es geht um Sarkawi. Man vermutet, dass er in Falludscha ist. Zumindest sind offenbar viele seiner Anhänger in der Stadt. Allerdings ist zu bedenken, dass es in den letzten Monaten eine Neigung gab, jeden Anschlag und jede bestialische Form des Tötens, die von Terroristen ausgegangen ist, mit dem Namen Sarkawi zu verbinden. Das ist sicherlich auch propagandistischen Bedürfnissen geschuldet gewesen, um sagen zu können: Hier haben wir eine Person, die wir kennen, wir haben ein Bild von ihr, eine Vorstellung. Das erlaubte es, ein Stück weit zu verdecken, dass die Bereitschaft zum Kämpfen und Töten im Irak viel weiter verbreitet ist.

Gibt es berechtigte Hoffnungen, bis zum Januar die Voraussetzungen für demokratische Wahlen schaffen zu können?

Ob das gelingt, weiß ich nicht. Sicher ist das das Ziel aller Bemühungen: In möglichst kurzer Zeit, wenn möglich sogar mit einigem Abstand zum Wahltermin am 27. Januar, durchzusetzen und zu zeigen, dass die irakische Regierung Herr der Lage in allen Teilen des Landes ist. In gewisser Weise haben wir es bei der Großoffensive ja eher mit einem Krieg der Regierung Allawi zu tun als mit einer Offensive der Amerikaner. Die US-Besatzungsmacht hat es sich vor der Übergabe der Regierungsgeschäfte an die Iraker leisten können, bestimmte staatsfreie Zonen entstehen zu lassen, solange die Besatzungsmacht nicht direkt bedroht wurde. Aber eine Regierung, der es um Legitimität geht, die durch Wahlen bestätigt werden muss, eine solche Regierung kann es sich nicht leisten, nur über einen Teil des Landes zu herrschen und nur in einem Teil des Landes Wahlen durchzuführen. Insofern entsteht hier die historisch-ironische Situation, dass die Wahlen, wenn sie stattfinden, nicht der Beweis sein werden, dass der Irak tatsächlich demokratisch ist – es wird gar nicht so sehr darauf ankommen, wie frei und fair die Wahlen sind – sondern die Wahlen würden der Beweis dafür sein, dass es den Irak als Staat wieder gibt und die irakische Regierung staatliche Autorität in alle Teile des Landes ausgebreitet hat.

Was bedeutete es für den Irak, wenn die Wahlen nicht stattfinden könnten?

Das wäre eine ganz wesentliche Niederlage der irakischen Regierung. Es wäre eine Niederlage nach innen, weil sie zeigen würde, dass Zustimmung und Mitarbeit nicht überall gewährleistet sind. Es wäre aber auch eine Niederlage nach außen, weil es noch unwahrscheinlicher werden würde, dass internationale Hilfsorganisationen, dass die Weltbank und andere helfend eingreifen.

Auch US-Präsident Bush hat mit der Offensive alles auf eine Karte gesetzt …

Er hat den Krieg im Mai 2003 für gewonnen, die Hauptkampfhandlungen für abgeschlossen erklärt. Mittlerweile ist klar, dass der Krieg alles andere als zu Ende und ganz sicher nicht gewonnen ist. Dass dies für Bush auch ein Test auf Glaubwürdigkeit und Kompetenz ist, ist klar.

Welche Folgen hätte ein Scheitern für Bush?

Vor den US-Präsidentschaftswahlen hätte das vielleicht seine Erfolgsaussichten beeinträchtigt. Jetzt, mit einem Mandat für vier weitere Jahre, ist er dabei, der amerikanischen Bevölkerung klar zu machen, dass die Auseinandersetzungen im Irak nicht in kurzer Zeit beendet sein werden.

Wann und wie könnten sie überhaupt beendet werden?

Klar ist, dass man diesen Krieg nicht allein mit militärischen Mitteln beenden kann. Es braucht eine politische Dimension. Dazu gehören die Wahlen. Dazu gehört aber zweifellos auch eine klare und für die Iraker glaubwürdige Aussage, dass die amerikanische Besetzung in absehbarer Zeit zu Ende geht. Voraussetzung dafür wäre natürlich, dass die Sicherheit im Lande gewährleistet ist, dass irakische Armee und irakische Polizeikräfte zureichend ausgebildet sind.

Ist das eine realistische Aussicht?

Nun: Das ist mein Best-Case-Szenario.

Volker Perthes ist Nahost-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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