Zeitung Heute : „Diese gedankliche Schärfe habe ich da gelernt“

Der Autor, Musiker und HU-Absolvent Hans-Eckardt Wenzel über philosophische Raucherpausen, einen genialen Satz von Marx und Auftrittsverbote „Welchen Hochmut besaß ich, über Dinge zu sprechen, über die ich nichts wusste“

Mit Steffen Mensching (li.) stand Wenzel in den 80er Jahren auf der Bühne. Foto: HU
Mit Steffen Mensching (li.) stand Wenzel in den 80er Jahren auf der Bühne. Foto: HU

Hans-Eckardt Wenzel, woran erinnern Sie sich zuerst, wenn Sie an Ihre Studienzeit in der Humboldt-Universität denken?

Es gibt so ein Bild: In den Vorlesungspausen von Professor Wolfgang Heise hat man an den Aschenbechern gestanden, die ich immer „silberne Ritter“ nannte; er rauchte seine Pfeife und unterhielt sich über alles, was von Hegel in die Gegenwart hinein langte. Das waren unglaublich intensive Momente für mich, diese Nähe zu einer von mir sehr geschätzten und geachteten Person.

War dieses philosophische Gespräch eine Erfahrung, die Sie erst in der Uni gemacht haben, oder entdeckten Sie die intellektuelle Seite der Kunst und Kultur schon in der Schulzeit?

Das Interesse hatte ich immer. Aber ich stamme aus einer Kleinstadt, und deutsche Provinzmenschen leiden unter einer großen Hybris. Sie glauben, immer schon alles zu wissen. Ich bin auch mit so einem Ansatz in die Uni gegangen. Da ich wegen Stimmproblemen nicht Lehrer werden konnte, habe ich etwas gesucht, das abstrakt klang – und „Ästhetik und Kulturwissenschaft“ klang abstrakt. Ich ging nach Berlin und hatte eigentlich vor, nach zwei Monaten das Studium abzubrechen, wie sich das gehört als Künstler, um freischaffend zu werden. Als ich dann die ersten Wochen da war, begriff ich, was ich alles nicht weiß und wie dumm ich bin. Welchen Hochmut ich besaß, über Dinge zu sprechen, über die ich nichts wusste.

Was genau hat Sie veranlasst, dann doch länger zu studieren?

Als ich Hegel, Kant, die klassische Philosophie gelesen hatte, die ästhetischen und Theaterkonzeptionen, versetzte mich das in eine unglaubliche Unruhe. Ich stand eigentlich in einem ganz anderen Zusammenhang in der Welt, als ich aus dieser Kleinstadt dachte. Dann setzte die Disziplinierung bei mir ein, die die Humboldt-Universität bei mir erzeugte. Ich habe wirklich gelernt, wissenschaftlich zu lesen und wissenschaftlich zu denken. Was mir heute noch anhängt: Ich bin nicht in der Lage, ein Buch einfach aus Genuss zu lesen, ich exzerpiere dauernd. Das ist natürlich auch ein Fluch. Aber diese gedankliche Schärfe habe ich da gelernt, bei unglaublich großartigen Lehrern.

Sie sind in der Nähe der Lutherstadt Wittenberg aufgewachsen. Hat sich Ihr musisches Talent in Ihrem elterlichen Milieu herausgebildet?

Meine Eltern sind beide Lehrer. Es war ein sehr kultivierter Umgang mit Literatur und Musik. Mein Vater ist auch Maler. Er hat grundsätzlich Brecht-Songs gehört, wenn er malte: „Ein Schiff mit acht Segeln ...“ Damit bin ich groß geworden.

Wie entwickelte sich der Wunsch, auf die Bühne zu wollen?

Ich habe sehr zeitig angefangen, Texte zu schreiben. Ab der zweiten Klasse hatte ich irgendwie das Gefühl, das ist mein Zuhause; und ich konnte in der Schule einmal in der Woche meine Gedichte vortragen. Bis ich dann irgendwann von dem Pionierleiter „entdeckt“ und auf die politische Schiene geschoben wurde. Ich habe dann Auftragsgedichte gemacht – zum Frauentag, zum Tag der Armee – und bin da sehr gefeiert worden als junger, blond gelockter Knabe, der dichtet.

Gab es in Ihrer Heimatstadt Vorbilder?

Ich habe sehr zeitig eigene Liederabende gemacht und kam in große Kollision mit den Leuten in der Stadt. Teilweise durfte ich wegen meiner langen Haare nicht auftreten, dann wegen der Jeans nicht und dann wegen der Lieder. Ich merkte, dass die Enge mich unglaublich aggressiv machte. Ich wusste, ich muss aus dieser Stadt weg. Aber was hatte man in der DDR für eine Möglichkeit, in die Welt aufzubrechen (lacht) außer als nach Berlin oder Leipzig zu gehen? Mehr Welt gab's nicht.

Sie wurden an der HU zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Wissen Sie, warum man Sie angenommen hat?

Die Sektion Ästhetik/Kunstwissenschaften hatte Interesse an kreativen Leuten und wollte nicht irgendwelche Funktionäre herstellen oder Leute, die willfährig etwas machen. Vielleicht war es auch, dass ich ein bisschen vom Größenwahn getragen war. Ich war mir irgendwie sehr zeitig sicher, dass ich als Künstler freischaffend existieren werde.

Nach drei Monaten Studium haben Sie aus dieser Sektion heraus die Liedertheatergruppe „Karls Enkel“ gegründet.

Das war das Wichtigste in der Zeit für mich – erst die Gruppe, dann das Studium. Man saß jeden Abend in der Woche zusammen, hat über irgendwas geredet, Texte geschrieben und geprobt. Und das Erstaunliche war, dass das auch von der Sektion toleriert und unterstützt wurde. Das ging soweit, dass ich denen sagte, ich komme jetzt zwei Monate nicht in die Uni, um zu schreiben. Sie sagten, okay, du musst das dann nachholen.

Die Gruppe „Karls Enkel“ trägt im Namen ein offensichtliches Bekenntnis zur marxistischen Lehre, allerdings mit der kleinen ironischen Bemerkung, die Enkel fechten es anders aus?

Wir haben den Namen nachher ein bisschen aufgeladen, weil sozusagen auch Karl Valentin, aber auch Karl May für mich dazu gehört. Die Reduktion auf diesen einen Karl ist eher die ideologische Lesart, wie sie die Funktionäre hatten.

Aber Sie haben sich nicht dagegen gewehrt, oder?

Warum sollte man sich dagegen wehren? Ich halte Marx für einen der größten Philosophen, die es gibt. Uns nur auf das zu reduzieren, ist nicht richtig. Es war der Versuch, diesen Widerspruch zwischen empirischem Wahrnehmen einer Welt und den ideologischen Bildern darüber irgendwie auszulegen und ihn auszutesten. Wir kamen alle aus der Singebewegung. Da war das Ideologische vorrangig. Und dazu hatten wir keine Lust mehr. Wir haben versucht, nach anderen Impulsen, anderen Textstrukturen zu suchen. Die Commedia dell’arte, das Volkstheater, war mir sehr nah.

Aus dieser Zeit stammt Ihr Lied „An Mich, Nachts“. Es handelt vom Leben eines Studenten in einer Hinterhofwohnung, wenn er schlaflos über die Welt nachdenkt.

(Wenzel spielt das Lied auf dem Klavier und singt.)

Es hat so eine melancholische Seite. War das der Sound Ihres Studiums – melancholisch?

Ganz und gar nicht. Es war immer eine klare, kühle Analyse von Verhältnissen. Dieses Melancholische, fast auch Weinerliche, wurde einem ausgetrieben, was ich als angenehm empfand. Es war immer der Gegenentwurf.

Welche Persönlichkeiten an der Uni haben Sie geprägt?

Viele. Ich habe bei Wolfgang Heise meinen Abschluss gemacht. Er ist eine zu Unrecht unterschätzte Person, die kaum noch wahrgenommen wird. Er ist der Inspirator gewesen für so viele Leute wie Christa Wolf oder Volker Braun. Seine Hegel- und Hölderlin-Vorlesungen waren Offenbarungen für mich, ein so bescheidener, kluger und analytischer Mann, wie ich es selten erlebt habe. Auch von der menschlichen Haltung her. Dann ist für mich Karin Hirdina eine ganz wichtige Person gewesen, auch eine ganz scharfe Denkerin, die einem die schlechten Arbeiten um die Ohren gehauen hat. Selbst Lothar Kühn, der Marxistisch-Leninistische Philosophie gelesen hat, freitags früh um Acht, wo kein Mensch hinging, ist eine der interessantesten Personen.

Mit „Karls Enkel“ haben Sie sich 1983, im offiziellen Karl-Marx-Jahr, auf Marx direkt bezogen in dem Programm „Die komische Tragödie des 18. Brumaire des Louis Bonaparte nach Karl Marx oder Ohrfeigen sind schlimmer als Dolchstöße“.

Etwas Schöneres gibt es nicht, um diesen Zustand zu beschreiben. Wir haben eine Dramatisierung des Stückes hergestellt, und es wurde verboten. Mit Gutachten unserer Professoren haben wir es dann durchbekommen, dass wir es im Kulturbund einige Male spielen durften. Aber das ist genau dieser Widerspruch, den man heute vielleicht nicht mehr begreift – sich auf eine Tradition zu berufen.

In Marx’ „18. Brumaire“ gibt es das Zitat, dass sich Geschichte immer als Farce wiederholt. Hatten Sie schon damals die DDR als Farce empfunden?

Selbstverständlich. Das war die Revolution, die keine war, 1945 nicht so wie auch 1989 nicht. Man borgt sich Posen. Und das ist dieser geniale Satz von Marx. Hegel bemerkt irgendwann, dass sich alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen irgendwann wiederholen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Und natürlich war die DDR eine Farce, eine Operette.

Sind Sie mit „Karls Enkel“ permanent auf Konfrontationskurs gegangen?

Wir haben bis 1979 eigene Texte gemacht. Das ging schon ab 1978 nicht mehr richtig auf. Die Produktionen wurden verboten. Dann haben wir uns an „tote Dichter“ gehalten, versucht, einen Mühsam-Abend in der Volksbühne auf die Beine zu bringen. Er wurde von der SED-Kreisleitung der Universität verboten. Wir haben uns mit dem Material aus der Zeit des Sozialistengesetzes aufgeladen, damit man nicht, wie Heise es sagte, in der „Fetischisierung der Unmittelbarkeit verkommt“. Das darf man nicht zulassen, sagte er, denn das ist eine Gefahr. Dann wird man klein. Dann nimmt man die Größe des Gegenstandes an, den man bekämpft. Man muss größer sein.

Wie haben Sie gelebt in dieser Zeit?

Nicht sehr gut. Ich war verheiratet, hatte ein kleines Kind und habe in einer Hinterhofwohnung in der Dimitroffstraße (heute Danziger) gewohnt, Außenklo, unbeheizte Küche, in der ich komponiert und geschrieben habe. Alle Versuche, eine ordentliche Wohnung zu bekommen, scheiterten. Meine Frau hat Chemie studiert und wir haben mit dem Kleinkind in einem Zimmer geschlafen. Das ist auch etwas, wo ich insistiert habe. Irgendwann hatte ich mich damit abgefunden, du hast eben keinen Anspruch auf irgendetwas. Dann können sie mir auch den Buckel runterrutschen.

Welche Orte aus der Studienzeit sind Ihnen am meisten in Erinnerung?

Das Wichtigste waren diese Treffen im „Café kaputt“. Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße, stand früher ein Hotel mit einem Café, da war die ganze intellektuelle Schiene. Dort traf man sich grundsätzlich nach den Vorlesungen oder Seminaren und redete. Da haben wir Texte geschrieben, gearbeitet, Seminare miteinander vorbereitet. Dann sind es die Bibliotheken. Einer der für mich schönsten Räume war das Winckelmann-Institut, die Klassische Archäologie. Wenn man da die Türen hinter sich zugemacht hat, war man in einer völlig anderen Welt. Auch die 11. Feuerbach-These, die im Flur stand, das ist wirklich ein guter Text. So eine große, altehrwürdige Universität, Hegel war da – ich habe das sehr genossen, diese Atmosphäre.

Konnten Sie alle Bücher lesen, die Sie wollten?

Ja. Ich hatte zunächst begonnen, meine Diplomarbeit über faschistische Lyrik zu schreiben. Ich habe alle „Giftscheine“ bekommen, ich konnte alles lesen. Mir ist dann bloß körperlich so schlecht geworden von diesem Mist, dass ich das abbrechen musste. Ich habe dann eine Arbeit über Theodor Kramer geschrieben. Das war der Hinweis meines Professors, als ich gesagt hatte, ich kriege die Arbeit nicht hin, das macht mich krank. Da hat er gesagt, dann machen sie es wie in der Medizin, impfen sie einen Antistoff. Nehmen sie einen Antifaschisten. (lacht)

Wenn Sie zurückblicken: Was können Sie heute noch vom Studium gebrauchen?

Ich kann die Selbstdisziplin gebrauchen, die ich da gelernt habe. Diese Rücksichtnahme gegenüber anderen Sachen. Eine Ehrfurcht, das klingt sehr konservativ, eine Ehrfurcht vor der Geschichte und was darin gedacht wurde.

Wie kann man die Energie einer Uni für sich positiv nutzen?

Man muss sein eigenes Interesse definieren können. Wenn ich aber das übernehme, was andere meinen, was ich tun sollte oder wo man gerade einen guten Job bekommt, dann komme ich vielleicht auch gut durch, aber ich bin nicht bei mir, sondern ich trickse mich von Anfang an aus. Dann ist die Universität etwas Schwaches. Dann fordert sie nur Leistung von mir ab. Aber wenn ich herausfinden kann, wo ich am besten bin und meine Energie da für mich bündele, dann gelingt es mir, Kraft zu entwickeln.

Das Gespräch führten Jörg Wagner und Heike Zappe (ausführliche Fassung unter www.hu-berlin.de/alumni/prominente/interviews). Wenzel singt am Sonntag, 10. April, um 17 Uhr in der Schinkelkirche Neuhardenberg.

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