Zeitung Heute : „Diese Kritik ist undankbar und dumm“

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Was wird anlässlich des Bush-Besuchs die Botschaft der Deutschen sein?

Ich hoffe, dass ankommen wird, dass die deutsche und die amerikanische Politik sehr viel näher beieinander liegen, als das gemeinhin wahrgenommen wird. Ich bin aber besorgt wegen der angekündigten Demonstrationen, zu der offensichtlich Teilnehmer aus ganz Europa anreisen wollen. Ich kann leider, nach allem, was ich über die Vorbereitung dieser Aufmärsche gelesen und gehört habe, nicht ausschließen, dass es zu gewalttätigen Zusammenstößen wie beim G-8-Gipfel in Genua kommen wird. Angesichts der deutschen Nachkriegsgeschichte und der Leistungen der Amerikaner für unser Land kann ich nur sagen: Eine solche übertriebene Kritik an den USA, eine solche hässliche Botschaft an den Präsidenten ist in hohem Maße geschichtsvergessen, undankbar und dumm.

Auch Abgeordnete von Rot-Grün haben zur Demo aufgerufen.

Ich bin darüber nicht erfreut. Nichts gegen den Wunsch, seiner Meinung öffentlich Ausdruck zu geben, dafür gibt es die Demonstrationsfreiheit. In jeder anderen Stadt könnte man diese Demonstration abhalten, in Düsseldorf, Köln oder Frankfurt, aber nicht in Berlin. Berlin ist eine andere deutsche Stadt. Berlin ist ein Symbol, und das verdankt die Stadt den Amerikanern.

An wen richtet sich ihr Appell, an eingeschworene Gegner der USA oder möglicherweise gewaltbereite Demonstranten?

Die erreiche ich wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht erreiche ich andere, die sich aufraffen und öffentlich machen, dass sie anders über das deutsch-amerikanische Verhältnis denken als die Demonstrationsteilnehmer und sich über den Besuch von George W. Bush freuen. Es gibt viele Möglichkeiten, Zeichen zu setzen. Ich fände es sehr bedauerlich, wenn allein diese Demonstration das Klima dieses Besuchs bestimmen würde.

Sprechen die Parlamentarier mit Bush?

Zunächst halte ich es für eine sehr wichtige Geste, dass Bush sich nun die Zeit genommen hat. Nach seiner Rede wird er zu einem Gespräch mit Fraktions- und Parteivorsitzenden und anderen zusammenkommen.

Hat die Bundesregierung Anlass, die Politik der Regierung Bush zu kritisieren?

Kritik unter Regierungen, zwischen befreundeten Ländern ist normal. Und es gibt Anlass zur Kritik. Mein Eindruck ist aber, dass wir in sehr vielen Fragen näher beieinander stehen als in manchen anderen Zeiten.

Manche klagen, dass die US-Regierung nicht mehr auf ihre Verbündeten hört?

Es gab eine Zeit in Washington, in der deutsche Besucher diesen Eindruck gewinnen konnten. Aber nun gilt eher das Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass wir uns einander wieder angenähert haben – vor allem in der Einschätzung des Nahost-Problems. Es stimmt nicht, dass die USA die Leistungen der EU nicht sehen. Sie schätzen die Rolle Europas, das im „Quartett“ bei der Beilegung des Streits um die Geburtskirche half.

Das Interview führte Hans Monath.

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