• „Diese Kulisse! Diese Atmosphäre!“ Heute tagt der BDI – ausgerechnet in Honeckers altem Protzgebäude Die Palastrevolution

Zeitung Heute : „Diese Kulisse! Diese Atmosphäre!“ Heute tagt der BDI – ausgerechnet in Honeckers altem Protzgebäude Die Palastrevolution

Nadja Klinger

Herr Vogel flattert durch die absonderliche Szenerie. Er überblickt alles. Er landet, hat was zu schaffen, dann flattert er weiter. Moment mal, Herr Vogel, wie sind Sie denn hier reingekommen? „Wie ich das gemacht habe? Na, ich wollte unbedingt.“ Ist man hier sicher? „Sicherer als an manch anderem Ort.“ Sein Handy piept. Schnell spricht er ein paar Anweisungen in den Hörer. Und was kostet das alles? Sein Handy piept wieder. „Was es kostet? Lassen Sie das weg!“ Man kriegt ihn nicht zu fassen.

Er hat im Moment hier das Sagen. Seine Agentur „media event“ vermarktet Veranstaltungen. Wer Stephan Vogel engagiert, für den sucht er nach geeigneten Orten und richtet sie her. Oder er geht an eine Stelle in der Stadt, die alles andere ist als ein Ort – wo sich nichts mehr bewegt, wo die Zeit stillsteht und kein Herz mehr schlägt – und macht was draus. Hat er das notwendige Kleingeld zur Verfügung, kann er ziemlich auf den Putz hauen. Im Moment kommt das Kleingeld vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Vogel steckt es in den Bauch einer tristen Ruine am Ufer der Spree, die vor Zeiten der Palast der Republik war. Das Haus des Volkes. Dort bereitet er die Jahrestagung der Industriellen vor.

Etwa 100 Leute arbeiten im Halbdunkel für ihn. Es riecht nach einer Mischung aus Bunker und Berliner Wetter. Regenwasser tropft von rostigen Stahlträgern. Stephan Vogel lässt Bergsteiger in die gewaltige Dachkonstruktion klettern und alles rausholen, was nicht niet- und nagelfest ist. Seine Leute haben aus Holz eine Arena gezimmert, in der heute Männer in feinen Anzügen Platz nehmen. Ein Podest wurde errichtet, über das der Bundeskanzler zum Rednerpult schreiten wird. Man hat eine Treppe gebaut, über die der polnische Staatspräsident kommen wird. Außerdem haben Vogels Leute einen blauen Teppich gelegt, der weist den sicheren Weg zum Büffet. Es gibt zahlreiche Sperrgitter, denn überall lauern Abgründe. Etagen enden unvermittelt im Nichts, stellenweise hört einen halben Meter vor den Fenstern der Fußboden auf. Wer einen Schritt zu weit geht, kann mehrere Stockwerke tief fallen. Für Strom ist gesorgt, für Wasser. Das Bundeskriminalamt streift umher, die Feuerwehr positioniert Schläuche. Es geht zu wie im Zirkus: routiniert und zugleich aufregend. Als kämen bald die Raubtiere.

Zirkus kennt der Palast der Republik. Er wurde gebaut, um Aufsehen zu erregen. Was er dem Volk der DDR wirklich wert war, hätten die Bürger nach 1989 schnell vergessen, wäre die Bundesrepublik dem Palast nicht mit geballter Abneigung zu Leibe gerückt. Er war voller Asbest, aber wohl nicht giftiger als andere vergleichbare Bauten aus den 70er Jahren. Verschlossen stand er nun in der Mitte Berlins und hauchte sein Leben aus. 120 Millionen Mark kostete es, den Asbest rauszuholen. Danach wurde das endgültige Verschwinden des Palastes beschlossen. Ab Frühjahr 2005 wird abgerissen. An seiner Stelle soll Gras wachsen, bis sich die Stadt dort wieder ein Schloss hinsetzt. Der Bau wird 80 Millionen Euro kosten, ist also weit und breit nicht Sicht.

Schon 2002 war Berlins Kultursenator dafür, den vom Gift befreiten Palastrest zu beleben. Der Verein „Zwischen Palast Nutzung“ ist entstanden. Es schien plötzlich, als wäre Asbest das einzige Argument gegen das Haus gewesen. Im letzten Sommer fanden öffentliche Führungen statt, die restlos ausverkauft waren und immer wieder verlängert wurden. Stahl und Beton brachten Künstler auf Ideen. Frank Castorf, Intendant der Volksbühne, erwog, „Berlin Alexanderplatz“ aufzuführen. Der Regisseur Volker Schlöndorff und der Intendant der Staatsoper wollen „Fidelio“ inszenieren, David Bowie und Udo Lindenberg würden mitmachen. Der zeit- und leblose Raum im Innern der Ruine war, im Gegensatz zur rasenden, hechelnden Stadt, in jedem Sinne und für alles offen. Bereits Ende letzten Jahres haben sich private Sponsoren für die Finanzierung der Sicherungsmaßnahmen in der Ruine gefunden. Von August bis Oktober werden das Hebbeltheater und die Sophiensäle mit Bühnenprogrammen drin sein.

Der Palast sei der schrillste Schuppen im Land, hat Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer gesagt. Sie meinte das abfällig. Die da jetzt reingingen, meinte sie, wollten den Abriss sabotieren und mittels DDR-Nostalgie den Wiederaufbau des Schlosses gefährden. Das hörte sich an, als könnte es für die Zukunft Berlins nur eine einzige, von der Politik vorgegebene, Idee geben. Adrienne Goehler, Vollmers grüne Parteifreundin, Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds, hat sich stellvertretend für die Künstler gegen die Vorwürfe gewehrt. Dem Palast sei das Ende unübersehbar eingeschrieben, hat sie gesagt. Er warte auf Vollzug. Aber stilles Warten ist doch kein Leben. Es wäre „nicht unschön, wenn wir eine Zeit des Abschieds einräumen würden“, fügte Goehler hinzu.

Auch Stephan Vogel ist nach der Asbestsanierung in die Ruine gekommen. Er sagt, er sei überwältigt gewesen. Warum, dazu sagt er kaum was, versieht es aber mit Ausrufezeichen. „Die Kulisse! Die gigantische Atmosphäre!“ Er dachte sofort an seinen Auftrag, die Jahrestagung des BDI unterzubringen. Er erkämpfte sich die notwendigen Genehmigungen. Und nun tagen heute 1500 Industrielle an der Stelle, wo einst das Volk im „Theater im Palast“ saß. Weder die Bundestagsvizepräsidentin hat aufgeschrien noch sonst jemand. Und Vogel kommt, während er ungestört seinen Plan umsetzt, regelrecht ins Schwelgen. „5000 Leute hatten in diesem Theater Platz! Man konnte alles bewegen, alles hochfahren, von 5000 Plätzen auf 500 reduzieren!“, sagt er. „Wahnsinnstechnik!“

Auf seinen Jahrestagungen formuliert der BDI, was die Politik seiner Meinung nach für die Industrie tun muss. Erst redet der Präsident, dann antworten die Politiker. Schröders, Westerwelles, Bütikofers Reden wurden über die Tagesordnung verteilt. Damit die Anwesenden bis zum Ende bei der Sache bleiben, wurde Angela Merkels Auftritt für mehr als acht Stunden nach Veranstaltungsbeginn angesetzt. Das ist noch später, als Robbie Williams in eine Sendung von Thomas Gottschalk kommt. „Für ein attraktives Deutschland im neuen Europa“, heißt das Tagungsmotto 2004. „Den Dreck an den Palastfenstern lassen wir natürlich“, sagt Stephan Vogel. Man kann kaum raus in die Stadt sehen. „Dieser Dreck ist einfach toll!“

Unweit der hölzernen Arena im Innern der Ruine werden die Industriellen speisen und sich zu Foren und Gesprächen treffen. Genau an dieser Stelle hat einst das DDR-Parlament getagt. „Das hat was, dass diese Herren jetzt hier stehen,“, sagt Stephan Vogel. „Vor 15 Jahren hätte man sie nicht eingelassen.“ Er hat elf Meisterköche engagiert. Sie kommen aus dem Adlon, dem Interconti, dem Hilton und anderen Berliner Spitzenhotels. Ein paar Tage vor ihrem Einsatz empfingt er sie vor Ort. Sie trugen Kochmützen und ihre weißen Jacken, trudelten ein wie Touristen, besichtigten schmunzelnd das bizarre Terrain. „Herzlich Willkommen!“ ruft Vogel. Er strahlt. Die Spitzenköche, die Industriellen, der Dreck an den Scheiben, die Volkskammer– da könnte man wirklich fast nostalgisch werden. „Das ist ein Aufbruch!“, sagt er.

Auch Albrecht von der Hagen war einst im Palast der Republik, sogar im Volkskammersaal. Nachdem er im Sommer 1989 in Westberlin sein Studium der Wirtschaftsgeschichte und Politik beendet hatte, ist er nach London gegangen. Dann fiel die Mauer. Zu den ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 kam er als Europa-Berichterstatter für den amerikanischen Radiosender UPI zurück. Er ist zwischen den Abgeordneten hin und hergehetzt, hat Interviews geführt. Jetzt sitzt er als Pressesprecher des BDI unweit des Palastes im prächtigen Haus der Deutschen Wirtschaft an der Breiten Straße. Jeden Tag geht er durch gläserne Türen, durchquert ein glänzendes Atrium und nimmt einen verspiegelten Lift, um nach oben in sein Büro zu kommen. Im Moment jedoch ist auch er in der Palastruine zugange. Stephan Vogels Idee, die Jahrestagung dort abzuhalten, fand von der Hagen super, gleich als er davon gehört hat. „Weil das ein perfekter Ort ist“, sagt er.

So großartig wie das Haus, in dem der BDI sitzt, sind auch die Veranstaltungen, die er abhält. Es gab eine Jahrestagung in einem noch nicht fertiggestellten Bahnhof der Kanzler-U-Bahn. Es gab eine im ehemaligen Staatsratsgebäude. Letztes Jahr hat der Verband die Breite Straße sperren lassen, um dort eine Tagung abzuhalten. Als Krönung dieser Veranstaltung hat man im prächtigen Atrium drei Adler fliegen lassen. „Freiheit wagen, fesseln sprengen“, hieß die Aktion. Die vermeintlichen Bundesadler wurden in der dritten Etage losgelassen. Viel Freiheit hat man ihnen nicht zugestanden. Unten auf der Bühne warteten die Falkner. Zwei Vögel sind auf kurzem Wege bei ihnen angekommen, der dritte jedoch hat versagt. Er hat sich auf der Großbildleinwand gesehen, viel größer als er war, und vor Schreck auf eine Stange gesetzt. Abends sah man ihn so konsterniert in den „Tagesthemen“ sitzen. Zwar war die Aktion absurd und obendrein schief gegangen, jedoch wurde dem BDI großartig Aufmerksamkeit zuteil.

„Allein indem wir ankündigen, dort hinzugehen, bekommen wir schon Aufmerksamkeit“, sagt Albrecht von der Hagen über den perfekten Ort. Ständig rufen Journalisten bei ihm an. Mit stoischer Freundlichkeit führt er sie durch die Palastruine und beantwortet Fragen. „Es ist für uns kein Problem, dass der Palast der Republik mal das Schaufenster der Diktatur war“, sagt Albrecht von der Hagen. Schaufenster der Diktatur? Hat man das so gesagt? „Hat man nicht?“ Wurde das Haus nicht „Palast des Volkes“ genannt? „Auch gut“, sagt der Pressesprecher. Moment mal, passt das denn zum Bundesverband der Industriellen? „Na klar. Wir betrachten uns als Teil der Gesellschaft.“

Albrecht von der Hagen führt die Journalisten aus dem Palast heraus, sobald ihm der derzeitige Hausherr Vogel zu verstehen gibt, dass er sie jetzt nicht mehr da haben will. Bitte, eine letzte Frage noch: Soll der Palast weg? Der Pressesprecher musste damit rechnen, dass diese Frage kommt. Er hat eine Antwort parat. „Dieses Thema wollen wir mit unserer Veranstaltung nicht aufgreifen“, sagt er.

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