Zeitung Heute : „Diese Leute würden lieber sterben als zu reden“

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Pakistanische Sicherheitskräfte haben die Nummer drei von Al Qaida gefasst. Ist das, wie USPräsident Bush sagt, ein entscheidender Sieg, Herr Hirschmann?

Ich hätte mir, gerade wegen dieser Bush-Worte, vorstellen können, dass die Festnahme von Abu Faradsch und die beiden gestrigen Explosionen vor dem britischen Konsulat in New York in einem Zusammenhang stehen. Zumal der Festgenommene für die Kontakte zu Al-Qaida- Kadern in Großbritannien und den USA verantwortlich gewesen sein soll. Offenbar handelte es sich in New York aber um amateurhafte Trittbrettfahrer. Was nichts daran ändert, dass man sich fragt, wie das möglich ist in dieser Stadt. Egal, ob es dabei um einen terroristischen oder einen wichtigtuerischen Hintergrund geht – da sind erhebliche Sicherheitslücken offenbar geworden.

Welche weitergehende Bedeutung hat die Festnahme Abu Faradschs?

Abu Faradsch hat den Chefplaner der Anschläge des 11. September, Khalid Scheich Mohammed ersetzt. Ich gehe davon aus, dass er seinerseits ebenfalls sehr schnell ersetzt wird.

Welche Aufgaben hatte er?

Als Militärchef hatte er die Aufgabe, Anregungen für Anschläge zu liefern und die entsprechende Hardware zu liefern.

Was heißt das?

Man muss immer bedenken, was Al Qaida ist: Keine kompakte Terrorgruppe mit festen Mitgliedschaften, sondern eine Gruppe, die anderen Leistungen zur Verfügung stellt: Waffen, Geld, Kämpfer für den Heiligen Krieg. Festnahmen stören kurzzeitig den Nachschub. Aber die Idee des Kampfes existiert unabhängig davon weiter. Das ist wie mit Fußballfans und Fußballfanclubs: Fan können Sie sein, ohne in einem Club organisiert zu sein. Clubs stellen Tickets, Trikots und organisieren Treffen. Wenn nun aus der Führung des Clubs einer festgenommen würde, könnte der Fanclub eine Weile nicht mehr reibungslos funktionieren – das täte aber der Liebe des Fans zu seinem Verein keinen Abbruch.

Wird Abu Faradsch ausgeliefert?

Ich schätze, dass die Pakistaner ihn erst mal verhören wollen, denn er soll auch Anschläge auf den pakistanischen Staatschef Musharraf verübt haben. Sie dürften auch die Hoffnung haben, mehr Informationen über die Religionsschulen und den Aufenthaltsort von Osama bin Laden zu erfahren.

Wie realistisch ist die Erwartung, näher an bin Laden heranzukommen?

Die Verhöre der bisher Festgenommenen sind diesbezüglich eher enttäuschend: Diese Leute würden lieber sterben als zu reden.

Was zeichnet derzeit die Lage im Irak aus?

Wir haben es zu tun mit einer Mischung aus der dschihadistischen Internationalen und einer Art Zulieferbranche, die aus normalen organisierten Kriminellen, Banden und Warlords besteht. Denen geht es – zum Beispiel mit ihren Entführungen – nur um Geld und Einfluss.

Worum geht es den Dschihadisten?

Die Dschihadisten möchten die öffentliche Ordnung im Irak, die nicht ihre Ordnung ist, zerstören. Deshalb greifen sie öffentliche Institutionen wie die Rekrutierungsbüros an. Deshalb hetzen sie die Bevölkerungsgruppen gegeneinander auf. Das Ziel, hier wie in Tschetschenien und anderswo, ist es, ein als gottlos empfundenes unrechtmäßiges Regime zu ersetzen durch eines des wahren Glaubens, das in seiner Substanz dem islamistischen Regime der Taliban in Afghanistan nachgebildet ist.

Kai Hirschmann ist stellvertretender Direktor des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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