Zeitung Heute : Dieser Friede ist ein Kampf

Jasmins Familie hat kein Wasser, keinen Strom und kaum Geld für Essen. So haben sie sich das Leben nach Saddam nicht vorgestellt. In den Amerikanern sahen sie die Befreier. Nun regiert in Bagdad das Chaos. Alltag in einer Stadt, in der nichts funktioniert.

Andrea Nüsse[Bagdad]

Salman wirft seine Schultasche in die Ecke und lässt sich in den abgewetzten Sessel im Wohnzimmer fallen. Es ist erst zehn Uhr morgens und draußen hat es schon 43 Grad. Auch in dem abgedunkelten Raum des kleinen Einfamilienhauses in Bagdad ist es drückend heiß. Seit vier Uhr in der Früh gibt es weder Wasser noch Strom.

Die altmodische, metallene Klimaanlage steht still. Der 16-jährige Junge in Sandalen und T-Shirt wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er träumt von einem Glas kaltem Wasser. Salman geht zum Kühlschrank. Er nimmt eine Plastikflasche heraus, die er noch am Abend zuvor, als zuletzt Wasser aus der Leitung kam, abgefüllt hat. Sie ist lauwarm. Im Wohnzimmer sitzt die ganze Familie und wartet: die 40-jährige Mutter Jasmin, ihre Tante, Salmans elfjähriger Bruder und seine 13-jährige Schwester. Der Vater, ein Offizier, kam 1996 bei einem Autounfall ums Leben. Jetzt wartet die Familie nach drei Kriegen und zwölf Jahren Sanktionen auf bessere Zeiten. Doch mehr als zwei Monate nach ihrer Befreiung vom Regime Saddam Husseins, sind die Ansprüche bescheiden geworden: Man hofft vor allem auf Wasser und Strom.

„Wir leben wie die Hunde“, sagt Mutter Jasmin. Sie fächelt sich Luft mit einer alten Zeitung zu. Ihre schwarzen Haare hat sie mit einem Haarreif zurückgesteckt, sie sieht abgehärmt aus. Manchmal reagiert sie auf eine Frage erst im zweiten Anlauf. „Ja, wir haben auf die Amerikaner gewartet, damit die Sanktionen endlich enden“, sagt sie. Aber so hatten sie sich die Befreiung doch nicht vorgestellt. „Unter Saddam hatten wir zwar auch täglich Stromausfall, aber zu festen Zeiten, darauf konnten wir uns einstellen.“ Zweimal acht Stunden gab es Strom pro Tag, heute sind es zweimal zwei Stunden. Auch früher ist sie mit ihrer Witwenrente von 30000 Dinar, die nach dem ständig fallenden Dollar-Kurs in Irak nur noch etwa 30 Dollar ausmacht, kaum über die Runden gekommen. „Aber jetzt sind die Preise noch gestiegen.“ Das Kilo Tomaten hat sich seit Kriegsende von 150 Dinar auf 500 verteuert, das sind 50 Cent, eine Flasche Wasser kostet umgerechnet einen Dollar, ein Kilo Fleisch vier Dollar. Das gibt es bei Jasmina nie. Sie kocht fast jeden Tag Linsen und Reis, die sie im März noch von der staatlichen Lebensmittelversorgung bekam. Kochen ist zum Luxus geworden: „Es gibt in ganz Bagdad kaum Gasflaschen, auf dem Schwarzmarkt kostet eine Flasche zehn Dollar“, sagt die Mutter.

Dennoch, die US-Zivilverwaltung verbreitet Optimismus. Ende Mai verkündete der Chef der Verwaltung, Paul Bremer, dass man am Ende der Phase eins angekommen sei: Das Regime sei gestürzt, grundlegende Dienstleistungen funktionierten wieder, und die meisten Ministerien hätten mit der Arbeit begonnen. Die Realität sieht anders aus, zumindest in der Fünf-Millionen-Stadt Bagdad.

Sprechstunde bei den Amerikanern

Wie schleppend der Wiederaufbau der staatlichen Strukturen und Dienstleistungen vorangeht, ist den täglichen Mitteilungen der US-Armee zu entnehmen: Ein Erfolg ist, dass zwei Benzinlieferungen die Tankstellen erreicht haben und die Weizenernte im Norden „nach Zeitplan“ läuft. Und dass Tausende Angestellte der Ministerien ihren Lohn für April ausgezahlt bekommen.

Jasmins Tante war bisher nicht dabei. Sie war im Kulturministerium angestellt. „Einmal haben die Amerikaner uns 20 Dollar Soforthilfe ausgezahlt, das war’s“, sagt sie. Seit Kriegsende sitzt sie zu Hause. Nur samstags fährt sie mit ihren Arbeitskollegen zum Kulturzentrum, um sich in Listen einzutragen. „Wir wollen dokumentieren, dass wir noch existieren und arbeitswillig sind.“ Kontakt mit der amerikanischen Zivilverwaltung hat sie noch nicht gehabt.

Das Bagdader Rathaus ist einer der wenigen Orte, wo die Bürger derzeit einen offiziellen Ansprechpartner für ihre Anliegen haben. Der Eingang ist mit dreifachem Stacheldraht versperrt. Mehrere US-Soldaten mit Helm, schusssicheren Westen und Gewehren stehen davor. Im Erdgeschoss des Gebäudes, das im Gegensatz zu den meisten öffentlichen Bauten weder zerbombt noch geplündert ist, sitzen 20 Iraker und warten darauf, in eines der vier Sprechzimmer vorgelassen zu werden. Da ist Salma, sie hat bis zum Krieg im Landwirtschaftsministerium gearbeitet. Ihr Boss hatte ihr mündlich einen festen Vertrag zugesagt. Aber dann kam der Krieg. Salma steht nicht auf der Gehaltsliste des Ministeriums. Jetzt will die allein erziehende Mutter von vier Kindern, dass die Amerikaner als die „wahren Bosse“ sich um ihre Festanstellung im Ministerium kümmern. Zwei Männer rennen wild gestikulierend durch den Raum. In ihrem Viertel ist der Generator kaputt gegangen. Im Namen der Bewohner fordern sie einen neuen. Und da ist Fatima, elegant in Hosenanzug, einen leichten Schal locker um den Kopf drapiert. Ganz in schwarz. Sie trägt Trauerkleidung. Ihr Ehemann, Najdat Askotani wurde am Tag vor dem Fall Bagdads bei einem Feuergefecht zwischen Fedajin und US-Soldaten vor ihrem Haus am 8.April erschossen.

Nadjat war gerade mit seinem Wagen in die Einfahrt zum Parkplatz eingebogen, als die Schießerei auf der Haifa-Straße gleich neben dem irakischen Innenministerium losging. Fatima ist davon überzeugt, dass die US-Soldaten ihn getötet haben, denn ihm wurde die rechte Gesichtshälfte weggeschossen, der rechte Arm fast abgerissen und das Auto wurde auf der rechten Seite von Dutzenden Kugeln durchlöchert. Auf der rechten Seite hatten die US-Soldaten ihren Stützpunkt. Jetzt will die Witwe und Mutter zweier Kinder eine Klage und eine Schadensersatzforderung einreichen. Sie lässt sich auch nicht davon abschrecken, dass im Warteraum Blätter aushängen, auf denen in Arabisch steht: „Für Schadensersatzforderungen gibt es noch keine Richtlinien.“ Zwei Tage hat Fatima bei Bekannten herumgefragt, wo sie ihr Anliegen vorbringen kann. „Da die meisten staatlichen Ämter nicht arbeiten, wissen wir überhaupt nicht, an wen wir uns wenden sollen“, sagt sie.

Ein irakischer Übersetzer begleitet Fatima schließlich in ein Zimmer, in dem der rothaarige US-Offizier Farlow sie in Uniform empfängt. Er stellt sich als Mitglied des 422. Civil Affairs Battalion vor, das zur US-Armee gehört. Er ist sehr freundlich und drückt ihr sein Beileid aus. Dann fragt er, ob sie Wasser oder Nahrung für ihre Familie brauche. Fatima lehnt dankend ab. Der US-Offizier sagt, dass die Soldaten der Infanterie teilweise sehr jung seien und große Angst gehabt hätten und manchmal vielleicht etwas vorschnell geschossen wurde. Fatima hört schweigend zu. Farlow nimmt ein Blatt und beginnt zu notieren. Auch die Namen der beiden US-Soldaten, die nach dem Zwischenfall zu ihr gekommen sind, um ihr zu sagen, dass es ihnen so Leid tue, was geschehen ist. Sie hätten sich als „Chris und Whright“ vorgestellt. Nein, Fotos von dem Wagen habe sie nicht, auch nicht von der Leiche. „Daran habe ich in dem Augenblick gar nicht gedacht.“ Offizier Farlow hat Verständnis. Aber natürlich weiß er, dass es ohne eindeutige Beweislage auch keine Kompensation geben wird. Er verspricht dennoch, dass er die Angelegenheit noch heute in den „Palast“, den ehemaligen Republikanischen Palast Saddam Husseins, weiterleitet, wo die amerikanische Zivilverwaltung ihren Sitz hat. Fatima solle in einer Woche wiederkommen, dann wisse er vielleicht schon mehr. Das Blatt verschwindet in der Mappe mit dem Antrag für einen neuen Generator.

Schulen ohne Lehrer

Fatima ist angetan von dem jungen Offizier. Dennoch ist sie nicht sicher, ob ihr Antrag in dem Chaos nicht einfach irgendwo verschwinden wird. Im Fernsehen hat sie gesehen, dass 15 Iraker und zwei Jordanier, darunter die Witwe des Al-Dschasira-Korrespondenten Tarik Ajub, in Belgien Klage gegen die US-Armee eingereicht haben. „Dort gibt es mehr Öffentlichkeit, das ist vielleicht besser“, sagt Fatima. Dennoch ist sie schon froh, dass sie überhaupt einen Ansprechpartner bei den neuen Machthabern gefunden hat.

Bagdad, eine Stadt ohne Ordnung. Eine Stadt, in der das Chaos regiert. Das öffentliche Bussystem ist zusammengebrochen, seit die Plünderer in den Tagen nach dem Einzug der Amerikaner auch die Busse, Müllautos und Bagger gestohlen haben. Auf den Straßen stauen sich die Autos, weil die Ampeln immer noch nicht funktionieren. An einer Kreuzung versucht ein irakischer Verkehrspolizist, der am weißen Hemd, der blauen Hose und der Trillerpfeife zu erkennen ist, die Vorfahrt zu regeln. Doch nicht alle beachten den Polizisten, der keine Strafzettel ausstellen darf. Etwa 7000 irakische Verkehrspolizisten sind in den Straßen Bagdads tätig, sagt die US-Verwaltung. Doch wenn man in der Stadt unterwegs ist, sieht man kaum einen.

Jasminas Sohn Salman fährt jeden Tag mit dem Fahrrad durch Bagdads verstopfte Straßen zur Schule. „Wir haben von 8 bis 9 Uhr 30 Unterricht“, erzählt er. Denn die meisten Lehrer könnten im Moment nicht kommen, weil sie zu weit weg wohnen und es keine Transportmöglichkeit gibt. Auch Salmans Schwester kann nur zum Unterricht, wenn der Nachbar sie im Auto mitnimmt. „Kaum einer hier lässt seine Töchter noch alleine aus dem Haus“, sagt Jasmin. Denn täglich hören sie Geschichten über vergewaltigte Mädchen. CNN hat in einem Beitrag die Geschichte eines neunjährigen Mädchens erzählt, das auf dem Schulweg verschleppt und vergewaltigt wurde. Die Ärzte im Krankenhaus sagten, dass so etwas jetzt häufig passiere. Jasmin versteht nicht, warum die Amerikaner, die das Regime in wenigen Wochen gestürzt haben, es nicht schaffen, in Bagdad für Sicherheit zu sorgen. „Einmal am Tag fährt eine US-Patrouille hier durch die Straße, das reicht doch nicht.“ Einige Iraker glauben sogar, die USA ließen das Chaos in Bagdad absichtlich andauern. Um der zermürbten Bevölkerung anschließend ein politisches System ihrer Wahl überstülpen zu können.

Plötzlich geht die Deckenlampe an. Es ist mittags 12 Uhr 15, und es gibt Strom. Salman schaltet den Computer ein. Der thront wie ein Heiligtum auf dem Esstisch im Wohnzimmer, ein Geschenk der Tante aus London. Musik von Ronan Keating und den Backstreet Boys erklingt. Salman hat sich die CDs, Raubkopien, die in Bagdad billig zu kaufen sind, von Freunden geliehen. „Ich mag nur westliche Musik“, sagt Salman, der Computerfachmann werden will. Eines Tages, so hofft er, wird er Zugang zum Internet und damit zur ganzen Welt haben. Doch noch funktioniert das Telefon in den meisten Stadtteilen nicht.

Jasmin dreht routinemäßig den Wasserhahn auf – und tatsächlich, es gibt Wasser. Schnell füllt sie Kanister und Flaschen. Dann setzt sie sich ins Wohnzimmer und wartet, bis der Strom wieder ausfällt. Erst dann will sie zum Mittagessen rufen, damit Salman den Computer nutzen und seine Schwester bei erträglicher Raumtemperatur ihren Aufsatz schreiben kann. Jasmin mag nicht an die Zukunft denken. „Seit zwei Monaten hat sich hier nichts verbessert, wir vegetieren dahin“, sagt sie mit matter Stimme. „Ich weiß nicht, was die Amerikaner mit uns vorhaben.“ Das Einzige, was Jasmin sicher weiß, ist, dass das Thermometer täglich steigt. Sie fürchtet, dass sie im August noch immer keinen Strom für die Klimaanlage und den Kühlschrank hat. Dann herrschen draußen über 50 Grad.

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